Apfelwein · Guide

Apfelweinfest 2026: Zehn Tage Ebbelwoi auf dem Roßmarkt

Vom 7. bis 16. August verwandelt sich der Roßmarkt zum vierzehnten Mal in einen Ausschank: Elf Keltereien schenken aus, erstmals gibt es geführte Verkostungen im Mini-Gerippten. Was das Fest kann, was es kostet — und wann Sie am besten kommen.

Von Marie Brandt 8 Min. Lesezeit
Holztische und Ausschankstände auf einem Innenstadtplatz, darüber Lichterketten, im Hintergrund Geschäftsfassaden.
01Roßmarkt, zwischen Hauptwache und Opernplatz, 12:05 Uhr— Ab dem 7. August stehen hier zehn Tage lang die Stände von elf Keltereien — mitten in der Innenstadt.Foto: Zeit Frankfurt

Der Roßmarkt ist einer jener Frankfurter Plätze, an denen man normalerweise nicht bleibt. Man quert ihn zwischen Hauptwache und Opernplatz, man wartet dort auf eine Ampel, man geht weiter. Zehn Tage im Jahr ist das anders. Vom 7. bis zum 16. August steht hier das Frankfurter Apfelweinfest, zum vierzehnten Mal, und dann wird aus der Durchgangsfläche ein Platz mit Tischen, Bühne und dem Geruch von gegrilltem Fleisch, Zwiebeln und Handkäs.

Veranstalterin ist die Tourismus+Congress GmbH Frankfurt am Main, dieselbe Gesellschaft, die auch das Museumsuferfest und die Werbung für den Standort verantwortet. Das Fest ist also kein Selbstläufer aus der Szene, sondern Stadtmarketing — was man ihm ansieht und was zugleich der Grund dafür ist, dass es überhaupt an dieser prominenten Adresse stattfinden kann. Elf Keltereien aus Frankfurt und dem Umland schenken in diesem Jahr aus. Die Tourismus+Congress GmbH nennt unter ihnen Possmann, Rapps, Herberth und Walther.

Neu in diesem Jahr: das Mini-Gerippte

Die Neuerung der Ausgabe 2026 ist eine Idee, die man von Weinfesten kennt und die dem Apfelwein bislang gefehlt hat: geführte Verkostungen. Vom 10. bis zum 13. August führen die Frankfurter Apfelweinkönigin Larissa I. und der Sommelier Michael Stöckl durch eine Probe von sechs Apfelweinen; die Tourismus+Congress GmbH gibt den Preis mit zehn Euro je Person an. Ausgeschenkt wird nicht im normalen Schoppenglas, sondern in eigens für das Fest produzierten Miniaturausgaben des Gerippten.

Thomas Feda, Geschäftsführer der Tourismus- und Congress GmbH, wirbt dafür mit einem Satz, den t-online zitiert: „Die Apfelweinproben in unseren eigens für das Fest produzierten Mini-Gerippten eignen sich hervorragend, um sich durch die zahlreichen Apfelweine zu kosten, die von unseren Keltereien aus Frankfurt und dem Umland präsentiert werden." Der praktische Punkt dahinter ist banal und wichtig zugleich: Ein Frankfurter Schoppen fasst je nach Ausschank 0,25 oder 0,3 Liter. Wer sich durch sechs Keltereien probieren will, hat danach anderthalb Liter im Glas gehabt — kleinere Gläser sind die einzige Möglichkeit, überhaupt vergleichend zu trinken.

Und es gibt viel zu vergleichen. Apfelwein wird in Hessen aus Mischungen verschiedener Sorten gekeltert; der Verband der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien nennt unter anderem Boskoop, Wintergoldparmäne, Kaiser Wilhelm, Luiken, Schafsnase und Bittenfelder. Jede Kelterei hat ihre eigene Mischung, ihre eigene Hefeführung und ihre eigene Entscheidung darüber, ob das fertige Getränk naturtrüb bleibt oder gefiltert wird. Wer die Begriffe sortieren will, findet sie in unserem großen Apfelwein-Glossar; wie man in der Wirtschaft bestellt, ohne sich zu verraten, steht in der Schoppen-Bestellkunde.

Reihe gefüllter Apfelweingläser mit Rautenmuster auf einem Holztresen, dahinter ein grauer Steinkrug.
02Ausschankstand auf dem Roßmarkt, 13:30 Uhr— Das Rautenmuster ist kein Zierrat: Es hält das Glas auch mit feuchten Händen und bricht das Licht im trüben Wein.Foto: Zeit Frankfurt

Was im Glas passiert, bevor es auf den Roßmarkt kommt

Ein Fest, das Apfelwein zum Thema macht, kommt an der Herstellung nicht vorbei — und die ist erstaunlich schlicht. Im Herbst werden die Äpfel angeliefert, gewaschen und verlesen, dann zu grober Maische gemahlen und gepresst. Der frische Most vergärt anschließend rund vier Wochen; nach ein bis zwei Wochen entsteht jene Zwischenstufe, die in Hessen Rauscher heißt und die man nur regional und nur für wenige Wochen bekommt. Wilde oder zugesetzte Hefen verwandeln dabei den Fruchtzucker in Alkohol und Kohlensäure. Ist die Hauptgärung durch, setzt sich die Hefe ab, der Kellermeister entscheidet über den Zeitpunkt und füllt entweder naturtrüb oder filtriert ab. Der fertige hessische Apfelwein hat nach Angaben des Keltereiverbands etwa 5 bis 6 Volumenprozent Alkohol.

Diese Zahlen erklären, warum ein Apfelweinfest im August stattfindet und nicht im Oktober: Was hier ausgeschenkt wird, stammt aus der vergangenen Ernte. Die neue beginnt erst im September und läuft bis in den Oktober — dann fahren auch private Streuobstbesitzer ihre Äpfel zu den Keltereien, wie wir es bei der Keltersaison in Rödelheim und bei der Streuobsternte am Lohrberg beschrieben haben. Der August ist insofern der ruhigste Moment im Keltereijahr: Die Keller sind gefüllt, die Pressen stehen still, die Betriebe haben Zeit für ein Fest.

Achtzig Jahre Verband, vier Jahre Kulturerbe

Das Fest fällt in ein Jahr mit zwei Jahrestagen. Der Verband der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien wird 2026 achtzig Jahre alt — gegründet also in der Zeit unmittelbar nach dem Krieg, als Obst eines der wenigen verfügbaren Rohstoffe der Region war. Sein Vorsitzender Martin Heil beschreibt das Getränk in einem von t-online zitierten Satz als etwas, das Generationen, Berufe und Perspektiven verbinde: Menschen, die es herstellen, ausschenken, weiterentwickeln oder einfach gerne trinken.

Der zweite Jahrestag liegt vier Jahre zurück: Seit 2022 ist die hessische Apfelweinkultur als immaterielles Kulturerbe anerkannt; die Veranstalter werben inzwischen offensiv mit dem Unesco-Bezug. Was diese Anerkennung praktisch bedeutet, wird häufig missverstanden. Sie schützt kein Rezept und keine Marke — das tut im Fall des Apfelweins eine andere Regelung, die geschützte geografische Angabe „Hessischer Apfelwein". Anerkannt ist vielmehr die Praxis: das Keltern, das Ausschenken, der Bembel, das Gerippte, die Wirtshausrunde. Es ist ein Titel für eine Umgangsform, nicht für ein Produkt.

Wer die Verkostung nutzt, sollte auf drei Dinge achten, weil sie den Unterschied zwischen den Ständen ausmachen. Erstens die Säure: Sie ist beim Apfelwein kein Fehler, sondern das Rückgrat, und sie fällt je nach Sortenmischung deutlich unterschiedlich aus. Zweitens die Trübung: naturtrüb abgefüllter Apfelwein wirkt runder und breiter, gefilterter klarer und schärfer — dieselbe Grundflüssigkeit, zwei Eindrücke. Drittens der Nachhall, und hier kommt eine Zutat ins Spiel, die außerhalb Hessens kaum jemand kennt: der Speierling, dessen Gerbstoffe dem Wein Struktur geben und über den wir eine eigene Geschichte geschrieben haben.

Man kann diesen Vergleich sonst nirgendwo so leicht anstellen. In einer Wirtschaft bekommt man das Haus-Stöffche, in einer Kelterei die eigene Linie, im Supermarkt die abgefüllte Standardware — wir haben uns durch sechs Flaschen aus dem Regal getrunken und wissen, wie eng dort das Spektrum ist. Elf Keltereien nebeneinander, zu Fuß erreichbar an einem Nachmittag: Das ist der eigentliche Grund, dieses Fest zu besuchen, und es ist ein Argument, das über die Bierzeltgarnituren hinweghilft.

Apfelwein verbindet Generationen, Berufe und Perspektiven – Menschen, die ihn herstellen, ausschenken, weiterentwickeln oder einfach gerne trinken.

Martin Heil, Vorsitzender des Verbands der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien, zitiert von t-online

Essen, Bühne, Preise: was Sie auf dem Platz erwartet

Hände halten ein kleines Verkostungsglas mit hellem Apfelwein gegen das Sonnenlicht, Hochformat.
03Geführte Verkostung, Roßmarkt, 17:00 Uhr— Sechs Proben nebeneinander machen hörbar, was ein Schoppen allein verschweigt: wie unterschiedlich Apfelwein schmecken kann.Foto: Zeit Frankfurt

Kulinarisch bleibt das Fest bei dem, was zum Getränk gehört: Handkäs mit Musik, Frankfurter Würstchen, Grüne Soße — die Klassiker also, deren Regeln wir beim Handkäs und bei den sieben Kräutern aufgeschrieben haben. Dazu kommt Gegrilltes und eine Reihe von Apfelkreationen, die es so in keiner Wirtschaft gibt: Langosch mit Apfelmus etwa oder süßer Flammkuchen. Täglich sind außerdem Brezelbuben unterwegs, jene wandernden Verkäufer mit dem Brezelkorb, die auf Frankfurter Festen zum festen Personal gehören.

Auf der Bühne läuft über die gesamte Festdauer ein Musikprogramm mit Rock, Pop, Jazz, Swing und Partybands. Das Gelände ist nach Angaben der Veranstalter weitgehend barrierefrei, es gibt behindertengerechte Toiletten und Behindertenparkplätze in der Nähe. Die Öffnungszeiten sind großzügig: sonntags bis donnerstags von 12 bis 23 Uhr, freitags und samstags von 12 bis 24 Uhr.

Zur Ehrlichkeit gehört der Hinweis auf das Preisniveau. Der Roßmarkt ist eine der teuersten Adressen der Stadt, Standmiete und Personal schlagen sich im Schoppenpreis nieder — Festpreise sind Innenstadtpreise, nicht Wirtschaftspreise. Wer Apfelwein zum Alltagstarif trinken will, ist in Sachsenhausen, in Bornheim oder in einer der Wirtschaften der äußeren Stadtteile besser aufgehoben; welche Häuser sich lohnen, haben wir in unserem Test der Sachsenhäuser Apfelweinlokale aufgeschrieben.

Anreise, beste Zeit, und was man danach macht

Die Anreise ist der einfachste Teil. Der Roßmarkt liegt zwischen den beiden meistfrequentierten Verkehrsknoten der Innenstadt: Von der Hauptwache sind es wenige Minuten zu Fuß, vom Willy-Brandt-Platz und vom Opernplatz kaum mehr. Wer mit dem Auto kommt, zahlt in den Parkhäusern der Innenstadt entsprechend; unsere Übersicht zum Parken in der Frankfurter Innenstadt zeigt, wo es sich noch am ehesten rechnet. Realistisch ist das Fest ein Fall für S-Bahn und U-Bahn — auch weil Apfelwein und Rückfahrt sich schlecht vertragen.

Die beste Zeit ist der frühe Abend an einem Wochentag. Zur Mittagszeit ist der Platz von Beschäftigten aus den umliegenden Büros belegt, freitags und samstags nach 19 Uhr wird es voll und laut. Wer die geführte Verkostung mitnehmen will, muss ohnehin einen der Termine zwischen dem 10. und dem 13. August einplanen, also die Wochenmitte. Und wer den Vergleich ernst meint, sollte trocken anfangen: Der Unterschied zwischen zwei Keltereien liegt in der Säure und im Nachhall, und beides schmeckt man nur mit nüchternem Gaumen.

Der Roßmarkt selbst hat sich in den vergangenen Jahren zur wichtigsten Frankfurter Festfläche jenseits des Mainufers entwickelt. Auch das Grüne Soße Festival kehrte 2026 hierher zurück, wie wir berichtet haben; die Fläche ist groß genug für Stände und Bühne, sie liegt an den U-Bahn-Achsen und sie hat, anders als die Hauptwache, keine Straßenbahn im Weg. Der Preis dieser Lage ist der Charakter: Ein Fest zwischen Geschäftsfassaden bleibt ein Innenstadtfest. Es hat weder die Bäume des Mainufers noch die Enge einer Sachsenhäuser Gasse — dafür kommt man mit Aktentasche aus dem Büro und ist in vier Minuten am Tisch.

Für alle, denen ein Platz mit Bierzeltgarnituren zu wenig Frankfurt ist, gibt es die Fortsetzung im Anschluss. Der Ebbelwei-Express fährt seine Runde durch die Stadt, in Sachsenhausen stehen die Wirtschaften mit den Höfen, und wer wissen will, warum an der Klappergass ein Brunnen an eine trinkfeste Frau erinnert, findet die Geschichte von Frau Rauscher bei uns. Der Roßmarkt ist der Auftakt, nicht das Ziel.

Volle Bierzeltgarnituren auf einem Innenstadtplatz am Abend, Lichterketten über den Tischen, dahinter Fassaden.
04Roßmarkt, Innenstadt, 20:45 Uhr— Zehn Tage lang wird der Roßmarkt zu dem, was er sonst nicht ist: ein Platz, an dem man sitzen bleibt.Foto: Zeit Frankfurt

Zehn Tage lang wird also mitten in Frankfurt ein Getränk gefeiert, das in dieser Stadt nie ein Trendprodukt war, sondern immer Alltag: sauer, günstig, regional, ein bisschen widerspenstig. Dass es dafür inzwischen ein Festival, eine Königin, einen Sommelier und ein Kulturerbe-Etikett gibt, kann man als Vermarktung abtun. Man kann es auch als das lesen, was es vermutlich ist — der Versuch einer kleinteiligen Branche, für ein regionales Getränk neue Trinkerinnen und Trinker zu gewinnen, und zwar dort, wo die Laufkundschaft ist. Achtzig Jahre nach der Gründung ihres Verbands sind die hessischen Keltereien keine Selbstverständlichkeit mehr: Sie konkurrieren um Regalplatz, um Gastronomen und um junge Gäste, die Apfelwein zum ersten Mal probieren, weil ihn jemand in ein kleines Glas gefüllt und ihnen etwas dazu erzählt hat. Am Ende entscheidet darüber niemand auf dem Roßmarkt, sondern der nächste Schoppen in der nächsten Wirtschaft. Aber angefangen hat mancher genau bei so einem Fest.

Mehr aus Apfelwein

Alle Artikel →