Apfelwein · Reportage

Trockener Sommer, zähe Bäume: Streuobsternte am Lohrberg

Nach zwei mageren Jahren brachte der Herbst 2025 den Streuobstwiesen am Lohrberg endlich wieder volle Körbe — doch die trockenen Sommer zehren an den alten Hochstämmen. Unterwegs mit Ehrenamtlichen und dem MainÄppelHaus zwischen Ernte, Presse und Nachpflanzung.

Von Marie Brandt 6 Min. Lesezeit
Blick vom Lohrberg über Obstbaumreihen hinunter auf die Frankfurter Skyline im goldenen Spätsommerlicht.
01Lohrberg, 8:20 Uhr— Obstbaumreihen im Spätsommerlicht, dahinter die Skyline — Frankfurts grünes Gedächtnis trägt wieder.Foto: Zeit Frankfurt

Man kann die Geschichte dieses Erntejahres an einem einzigen Baum ablesen. Er steht am oberen Rand des Lohrbergs, ein Apfel-Hochstamm von gut achtzig Jahren, die Krone voller Früchte, der Boden zu seinen Füßen von Rissen durchzogen wie altes Porzellan. Oben Fülle, unten Dürre: In diesem Widerspruch steckt der Zustand der Frankfurter Streuobstwiesen im Herbst 2025 — ein gutes Jahr auf müden Böden, eine reiche Ernte an gestressten Bäumen. Wer an diesem Samstagmorgen mit Korb und Leiter zwischen den Reihen unterwegs ist, erntet beides zugleich: Äpfel und Fragen.

Dabei überwiegt zunächst die Erleichterung, und sie ist verdient. Die beiden Vorjahre waren für das Streuobst der Region eine Zumutung — Spätfröste in der Blüte, die ganze Jahrgänge kosteten, dazu Sommer, die die Wiesen ausdörrten. Manche Helfer erinnern sich an Erntetage, an denen die Körbe halb leer blieben und das Nachmittagsprogramm mangels Äpfeln ausfiel. Diesmal ist es anders: Die Bäume hängen voll, unter den alten Sorten biegen sich die Äste, und am Sammelplatz des MainÄppelHauses stapeln sich Jutesäcke und geflochtene Körbe schon am Vormittag. Auch die großen Abnehmer melden Entspannung — bei der Kelterei Possmann in Rödelheim etwa liefen in dieser Saison rund 7.000 Tonnen Äpfel über die Annahme, so viel wie lange nicht; wie es dort zugeht, haben wir in unserer Reportage aus der Keltersaison beschrieben.

Und doch traut hier oben niemand dem Frieden. „Ein gutes Jahr heilt keinen kranken Baum", sagt eine Ehrenamtliche, die seit über einem Jahrzehnt bei den Ernteaktionen hilft, während sie die Leiter an den nächsten Stamm lehnt. Man müsse nur genauer hinsehen: dürre Astpartien in den Kronen, vorzeitig abgeworfenes Laub, Früchte, die kleiner bleiben als früher. Die alten Hochstämme, viele von ihnen zwischen sechzig und hundert Jahre alt, wurzeln zwar tief und überstehen Trockenphasen besser als jede Plantage — aber die Abfolge der Hitzesommer zehrt auch an ihnen. Der Fachbegriff dafür ist Trockenstress; das Wort, das die Helfer benutzen, ist einfacher: „Die Bäume kämpfen."

Rissige, trockene Erde unter einem Apfelbaum, daneben liegt vereinzeltes Fallobst im harten Mittagslicht.
02Lohrberg, Wiesenrand, 12:40 Uhr— Der Boden erzählt vom Sommer: Risse in der Erde, wo eigentlich Wiese sein sollte.Foto: Zeit Frankfurt

Am Sammelplatz trifft Idealismus auf Logistik

Organisiert wird das Kämpfen, Sammeln und Pressen zu einem guten Teil vom MainÄppelHaus Lohrberg, dem Streuobstzentrum am Frankfurter Hausberg. Der Verein pflegt Wiesen und Bäume, vermittelt Baumpatenschaften, bietet Schnittkurse und Sortenberatung an — und wird in der Erntezeit zur Drehscheibe zwischen Wiese und Presse. An diesem Samstag herrscht Hochbetrieb: Familien mit Kindern lesen Fallobst auf, Geübte steigen mit Handschuhen in die Leitern, am Rand werden Säcke gewogen und Sorten begutachtet. Vieles von dem, was hier zusammenkommt, wird zu Saft und Apfelwein verarbeitet, den das Zentrum vermarktet; ein Teil bleibt bei den Sammlern, die ihr eigenes Obst pressen lassen. Es ist Landwirtschaft im Maßstab einer Bürgerbewegung — und genau darin liegt ihre Verletzlichkeit: Ohne die Freiwilligen bliebe ein erheblicher Teil der Ernte schlicht am Baum.

Denn die Rechnung der Streuobstwiese geht betriebswirtschaftlich längst nicht mehr auf. Hochstämme lassen sich nicht maschinell beernten; wer hier Äpfel will, braucht Leitern, Hände und Zeit, und der Erlös für einen Zentner Kelteräpfel deckt davon nur einen Bruchteil. Die Folge lässt sich an den Rändern vieler Wiesen besichtigen: überalterte Bestände, lückige Reihen, Bäume, die niemand mehr schneidet. Fachleute schätzen, dass Hessen seit den Fünfzigerjahren einen Großteil seiner Streuobstbestände verloren hat — an Baugebiete, an Ackerflächen, an die schiere Mühsal. Was blieb, hat oft nur überlebt, weil sich Vereine, Ehrenamtliche und ein paar sture Pächter dagegenstemmten.

Die Wiesen am Berger Hang sind kein Rohstofflager mit Aussicht — sie sind das grüne Gedächtnis einer Stadt, die sonst wenig aufhebt.

Für die Keltereien wird heimisches Obst zur strategischen Frage

Wie knapp regionales Kelterobst geworden ist, bestätigt jeder, der es verarbeitet. Die Keltereien der Region werben seit Jahren aktiv um Anlieferer, zahlen für Streuobst teils Aufschläge und unterstützen Nachpflanzaktionen — nicht aus Nostalgie, sondern aus Eigeninteresse: Ohne die gerbstoffreichen, säurebetonten Früchte der alten Sorten verliert der Apfelwein genau das, was ihn vom beliebigen Fruchtgetränk unterscheidet. In schwachen Jahren muss Obst aus immer weiterem Umkreis beschafft werden, und mancher Erzeuger spricht offen davon, dass die Rohstofffrage die Branche härter treffen könnte als jede Konsumflaute. Ein gutes Jahr wie 2025 verschafft allen Luft — aber es ändert nichts an der Kurve: Die Wiesen altern schneller, als Jungbäume nachwachsen. Ein neu gepflanzter Hochstamm trägt frühestens nach zehn, verlässlich erst nach fünfzehn Jahren. Wer heute nicht pflanzt, hat 2040 ein Problem.

Gepflanzt wird deshalb auch an diesem Wochenende. Am Nachmittag zieht ein kleiner Trupp mit Spaten, Pfählen und Verbissschutz los, um am Rand einer gerodeten Altfläche junge Bäume zu setzen — robuste alte Sorten, dazu einige Exemplare des seltenen Speierlings, jenes gerbstoffreichen Würzbaums, ohne den der traditionelle Frankfurter Schoppen nicht denkbar wäre und dem wir ein eigenes Erklärstück gewidmet haben. Die Pflanzlöcher müssen in diesem Jahr tiefer ausgehoben werden als üblich: Selbst nach den Herbstregen ist der Boden in den unteren Schichten noch immer zu trocken. Die Helfer wässern jeden Setzling ein, als gösse man einem Patienten Tee ein. „Die ersten drei Sommer entscheiden", sagt einer vom Verein. „Wenn der Baum die übersteht, hat er eine Chance auf hundert Jahre."

Eine Holzleiter lehnt an einem alten Hochstamm, eine Person in Arbeitskleidung greift von der Leiter ins Geäst.
03Lohrberg, Obstwiese, 10:15 Uhr— Ernte wie vor hundert Jahren: Leiter, Handschuhe, Geduld — und ein Baum, der älter ist als jede Helferin.Foto: Zeit Frankfurt

Die Wiesen sind mehr als ein Rohstofflieferant mit Aussicht

Man kann den Wert dieser Hänge in Litern Most bemessen, aber damit unterschätzt man sie. Die Streuobstwiesen zwischen Lohrberg und Berger Hang gehören zu den artenreichsten Lebensräumen, die diese Stadt besitzt: Steinkauz und Gartenrotschwanz brüten in den Höhlen der Altbäume, Wildbienen arbeiten sich durch die Blüte, im hohen Gras überwintert, was die aufgeräumte Agrarlandschaft ringsum nicht mehr duldet. Zugleich sind die Wiesen ein Archiv — ein grünes Gedächtnis aus Sorten, die sonst nirgends mehr stehen, und aus einer Zeit, in der Frankfurts Osten die Obstkammer der Stadt war. Wie eng diese Landschaft mit der Trinkkultur der Stadt verwachsen ist, erzählt unsere Geschichte des Apfelweins: Ohne die Hänge über Seckbach und Bergen gäbe es das Getränk nicht, das Frankfurt für seine Seele hält.

Was viele unterschätzen: Die Arbeit endet nicht mit der Ernte, sie beginnt danach erst richtig. Im Winter stehen die Schnittkurse an, in denen Freiwillige lernen, wie man eine überalterte Krone auslichtet, ohne den Baum zu schwächen — eine Fertigkeit, die auszusterben drohte und nun wieder Wartelisten produziert. Im Frühjahr folgen Sortenbestimmung und Veredelung, im Sommer das Wässern der Jungbäume, das in trockenen Jahren zur logistischen Daueraufgabe wird: Wasserfässer müssen den Hang hinauf, Gießringe kontrolliert, Patenschaften koordiniert werden. Eine Streuobstwiese, sagen die Aktiven gern, ist kein Biotop, das man sich selbst überlassen kann — sie ist ein Kulturdenkmal, das nur in Benutzung überlebt. Wer nichts erntet, schneidet nicht; wer nicht schneidet, verliert die Bäume; wer die Bäume verliert, verliert alles andere gleich mit.

Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht dieses Herbstes: Die Stadt beginnt zu begreifen, dass diese Kulturlandschaft Pflege braucht wie ein Denkmal — nur dass man ein Denkmal nicht gießen muss. Baumpatenschaften sind gefragt wie nie, die Ernteaktionen melden Rekordbeteiligung, und wer im Herbst samstags an den Sammelplätzen vorbeikommt, sieht auffallend viele junge Gesichter zwischen den Körben. Der Klimawandel hat die Wiesen verwundbar gemacht, aber er hat ihnen auch etwas zurückgegeben, das ihnen lange fehlte: Aufmerksamkeit.

Geflochtene Körbe und Jutesäcke voller gesammelter Äpfel stehen am Wiesenrand, langes Abendlicht wirft Schatten über das Gras.
04Lohrberg, 18:45 Uhr— Die Bilanz eines guten Tages: volle Körbe, müde Rücken, und morgen geht es weiter.Foto: Zeit Frankfurt

Am frühen Abend, wenn das Licht lang über die Hänge fällt und die vollen Körbe am Wiesenrand stehen, gehört der Lohrberg für einen Moment ganz sich selbst. Unten glitzert die Skyline, oben rascheln die alten Kronen, dazwischen tragen müde Helfer die letzte Fuhre zum Anhänger. Es ist ein Bild von fast provozierender Friedlichkeit — und zugleich eine Momentaufnahme aus einem Wettlauf, dessen Ausgang offen ist. Die Bäume sind zäh, die Sommer werden trockener, und dazwischen steht eine Stadt, die sich entscheiden muss, wie viel ihr ihr grünes Gedächtnis wert ist. Der Herbst 2025 hat gezeigt, was auf dem Spiel steht: volle Körbe. Und alles, was dazugehört.

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