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Handkäs mit Musik: Anleitung für ein Frankfurter Ritual

Ein Sauermilchkäse, eine Zwiebelmarinade und ein strenges Regelwerk: Der Handkäs mit Musik ist Frankfurts günstigstes Aufnahmeritual. Woher der Käse stammt, warum die Marinade Musik heißt und wie Sie ihn essen, ohne sich zu verraten.

Von Marie Brandt Aktualisiert am 6 Min. Lesezeit
Handkäs in Marinade mit Zwiebelringen auf einem Steingutteller, daneben Geripptes und Schwarzbrot auf dunklem Wirtshausholz.
01Apfelweinwirtschaft, Sachsenhausen, 18:40 Uhr— Handkäs in der Musik, Geripptes daneben, Schwarzbrot dazu — so kommt der Klassiker an den Tisch.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt Gerichte, die bestellt man — und es gibt Gerichte, mit denen man sich zu erkennen gibt. Der Handkäs mit Musik gehört zur zweiten Sorte. Wer ihn in einer Sachsenhäuser Wirtschaft ordert, bekommt keinen Teller im eigentlichen Sinne, sondern eine Prüfungssituation: ein blasser, glänzender Käse in einer Lache aus Essig, Öl und Zwiebeln, daneben Schwarzbrot, Butter, ein Messer. Keine Gabel. Was jetzt kommt, entscheidet darüber, ob der Tisch Sie für einen Frankfurter hält. Dieser Text ist die Anleitung.

Zunächst zur Sache selbst: Handkäs ist ein Sauermilchkäse — hergestellt nicht aus Lab, sondern aus gesäuerter Magermilch, deshalb fast fettfrei und bemerkenswert eiweißreich. Ernährungsberater haben ihn deshalb längst entdeckt, was dem Gericht eine gewisse Ironie verleiht: Das traditionellste Abendessen der Frankfurter Wirtshausküche ist zugleich eines der leichtesten. Sein Aroma allerdings ist alles andere als leicht. Je nach Reife riecht Handkäs von freundlich-säuerlich bis ausgesprochen selbstbewusst — ein Käse, der den Raum betritt, bevor der Kellner ihn abstellt.

Ein Käse aus dem Hüttenberger Land

Mit Frankfurt hat der Käse ursprünglich wenig zu tun. Seine Heimat ist das Hüttenberger Land, der Landstrich zwischen Gießen und Wetzlar, wo Bäuerinnen über Generationen Quark aus Magermilch säuerten und die Laibchen mit der Hand formten — daher der Name. Von dort kamen die Käse über die Landstraßen nach Süden, auf die Märkte der Städte, und in Frankfurt trafen sie auf ihr Schicksal: den Apfelwein. Die Kombination aus säuerlichem Käse, säuerlichem Getränk und süßlich-scharfer Zwiebel erwies sich als so stabil, dass sie das Original-Herkunftsgebiet im öffentlichen Bewusstsein fast verdrängt hat. Heute sagt man Frankfurt, meint aber eigentlich Mittelhessen.

Geformt wird längst nicht mehr jeder Käse von Hand; die Produktion liegt überwiegend bei Molkereien, die das traditionelle Verfahren in Serie übersetzen. Das Prinzip aber ist unverändert: kleine Laibe, die bei Zimmertemperatur nachreifen und dabei ihren Charakter entwickeln. Wer in der Stadt gute Ware sucht, wird an den Käseständen der Kleinmarkthalle fündig oder auf den Wochenmärkten — und sollte dort unbedingt nach dem Reifegrad fragen. Dazu später mehr.

Die Musik ist eine Marinade — und ein Versprechen

Nun zum Namen, der zuverlässig die erste Frage aller Auswärtigen provoziert. Die „Musik" ist die Marinade: fein gewürfelte Zwiebeln, Essig, Öl, Salz, Pfeffer, in vielen Häusern auch Kümmel. Der Käse zieht darin mindestens einige Stunden durch, bis er die Säure aufgenommen hat und die Zwiebeln glasig geworden sind. Ein guter Handkäs mit Musik ist deshalb kein spontanes Gericht, sondern eine kleine Planungsleistung — was erklärt, warum er in Wirtschaften oft besser ist als zu Hause: Dort steht er vorbereitet in der Kühlung, wie es sich gehört.

Nahaufnahme einer Scheibe Schwarzbrot mit Butter und aufgeschnittenem Handkäs, die Marinade glänzt im warmen Licht.
02Sachsenhausen, 19:05 Uhr— Brot, Butter, Käse, Zwiebeln — die ganze Architektur des Gerichts in einem Bissen.Foto: Zeit Frankfurt

Warum aber „Musik"? Die volkstümliche und mit Abstand beliebteste Deutung zielt auf die Verdauung: Die reichlich rohen Zwiebeln machen sich beim Esser später hörbar bemerkbar — die „Nachmusik", wie der Frankfurter mit der ihm eigenen Diskretion sagt. Eine zweite, bravere Erklärung verweist auf die frühere Servierweise, bei der Essig und Öl separat gereicht wurden und die Karaffen auf dem Tablett aneinanderklirrten. Belegt ist keine der beiden Versionen zweifelsfrei; die Stadt hat sich erkennbar für die erste entschieden, weil sie die bessere Geschichte ist. Auch das gehört zur Wahrheit über Frankfurt: Zwischen Etymologie und Pointe gewinnt hier immer die Pointe.

Dass ausgerechnet diese Kombination zum Wirtshaus-Kanon wurde, hat handfeste Gründe. Der Apfelwein brauchte ein Essen, das seine Säure aushält und den Durst nicht löscht, sondern anfacht; die Wirte brauchten ein Gericht, das sich ohne Küche vorbereiten lässt und keine Reste kennt. Der Handkäs erfüllt beides mit Bravour: Er lagert problemlos, wird in der Marinade mit jedem Tag besser und kostet den Wirt kaum Arbeitszeit. So wurde aus dem mitgereisten Bauernkäse das perfekte Wirtschaftsessen — ein Gericht, das ökonomisch so klug ist wie geschmacklich. Es gibt Kulturgüter, die aus Überfluss entstehen. Dieses hier entstand aus Effizienz, und man schmeckt es ihm im besten Sinne an.

Beim Kümmel scheiden sich die Geister. Die einen halten ihn für konstitutiv, die anderen für eine Zumutung, die das Aroma des Käses übertönt. Seriöse Wirtschaften lösen den Konflikt salomonisch und servieren ihn separat im Schälchen. Wenn Sie zum ersten Mal bestellen: ohne Kümmel beginnen, dann wissen Sie, worüber gestritten wird.

Wer den Handkäs mit der Gabel zerdrückt, hat verloren, bevor der erste Bissen genommen ist.

Die Etikette kennt Messer, Brot und Butter — sonst nichts

Zwei Hände schneiden mit einem Messer ein Stück Handkäs auf eine gebutterte Brotscheibe, kein Gesicht im Bild.
03Apfelweinwirtschaft, 19:15 Uhr— Nur das Messer arbeitet: Wer nach der Gabel fragt, gibt sich als Anfänger zu erkennen.Foto: Zeit Frankfurt

Damit zum Kern des Rituals. Der Handkäs wird nicht mit der Gabel gegessen, und dass keine am Gedeck liegt, ist weder Nachlässigkeit noch Sparsamkeit, sondern Programm. Die korrekte Technik: Sie bestreichen eine Scheibe Schwarzbrot mit Butter — ja, Butter, die Fettarmut des Käses will kompensiert werden —, schneiden mit dem Messer eine Scheibe vom Käse ab, legen sie aufs Brot, laden ein paar Zwiebeln aus der Musik nach und beißen ab. Der Teller mit der Marinade bleibt stehen, das Brot wandert zur Hand, und das Messer ist das einzige Werkzeug des Abends. Puristen erkennen einander daran, dass sie den Käse nicht zerdrücken, sondern in ruhigen Scheiben abtragen, bis am Ende nur die Musik übrig ist — die man mit dem letzten Brotrest aufnimmt.

Dazu gehört zwingend ein Schoppen Apfelwein; die Kombination ist so kanonisch, dass die Karten vieler Häuser sie gar nicht mehr erklären. Wie Sie das Getränk korrekt bestellen und was es mit Deckelchen und Geripptem auf sich hat, regelt unser Apfelwein-Knigge — für den Handkäs genügt die Kurzfassung: sauergespritzt oder pur, niemals mit Eis. Und wenn Sie das Gericht in seiner ganzen Bandbreite studieren wollen, gehen Sie dorthin, wo es Programm ist: Im Lorsbacher Thal in Alt-Sachsenhausen hat der Handkäs eine eigene Karte mit Varianten, von klassisch bis experimentell — ein guter Ort, um vom Einsteiger zum Überzeugten zu werden.

Der Reifegrad entscheidet, wie viel Käse Sie vertragen

Bleibt die wichtigste Einsteigerfrage: Wie mild darf es sein? Handkäs reift von außen nach innen. Ein junger Käse hat einen weißen, quarkigen Kern und schmeckt frisch-säuerlich, fast harmlos; mit zunehmender Reife wird er goldgelb, glasig und durchscheinend, das Aroma kräftiger, die Konsistenz geschmeidiger. Vollreif — „durch", wie es am Marktstand heißt — ist er ein Käse mit Nachdruck, den man lieben lernen muss. Die gute Nachricht: Sie haben die Wahl. Am Stand können Sie den Reifegrad bestimmen, und zu Hause reift der Käse bei Zimmertemperatur in wenigen Tagen nach. Einsteiger nehmen die junge Version und eine Musik ohne Kümmel; wer den weißen Kern hinter sich gelassen hat, arbeitet sich vor.

Auch jenseits der reinen Lehre hat sich einiges getan. Die jüngere Frankfurter Gastronomie experimentiert mit dem Käse, als wollte sie nachholen, was Jahrzehnte der Ehrfurcht verhindert haben: Handkäs-Carpaccio mit Radieschen, überbackene Varianten, Musik mit Apfelbalsam oder Granatapfelkernen, sogar Handkäs-Pralinen sind gesichtet worden. Puristen verdrehen die Augen, aber die Wahrheit ist: Dem Gericht schadet das Spiel nicht, es beweist seine Stabilität. Wer die Grundversion beherrscht, darf sich an den Variationen freuen — und wer die Variationen zuerst kennenlernt, findet früher oder später ohnehin zum Original zurück, weil es schlicht das beste Preis-Genuss-Verhältnis der Stadt bietet.

Selbst anrühren ist übrigens keine Kunst: Zwiebeln fein würfeln, mit Essig, Öl, Salz und Pfeffer verrühren, den Käse einlegen, einige Stunden ziehen lassen — fertig. Wer mag, gibt einen Schuss Apfelwein in die Marinade, was die Säure rundet und die Herkunft ehrt. Nur eines sollten Sie nicht tun: die Zwiebeln weglassen. Ein Handkäs ohne Musik ist bloß ein Käse. Mit ihr ist er ein Frankfurter.

Wirtshaustisch von oben mit mehreren Handkäs-Tellern, einem grauen Bembel und hölzernen Deckelchen im warmen Abendlicht.
04Alt-Sachsenhausen, 20:30 Uhr— Am Ende ist der Handkäs kein Gericht, sondern ein Tisch voller Rituale.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende ist der Handkäs mit Musik genau das, was die Stadt an ihm liebt: unprätentiös, günstig, ehrlich — und zugleich ein komplettes Regelwerk auf einem Teller. Man kann ihn falsch essen, falsch bestellen, falsch marinieren, und die Stadt wird es Ihnen freundlich, aber unmissverständlich mitteilen. Machen Sie es richtig, gehört Ihnen an jedem Wirtshaustisch zwischen Sachsenhausen und Bornheim ein kleines Stück Zugehörigkeit. Es kostet weniger als jedes andere Aufnahmeritual dieser Stadt. Und es schmeckt, mit etwas Übung, sogar hervorragend.

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