Apfelwein · Guide

Eine Runde im Ebbelwei-Express: Frankfurts fahrende Wirtschaft

Seit 1977 dreht der Ebbelwei-Express in historischen, bunt bemalten Straßenbahnwagen seine Runden durch Frankfurt — Apfelwein und Brezel inklusive. Unser Guide erklärt Route, Tickets und die besten Plätze, dazu Tipps für Charter und knappe Zeitbudgets.

Von Marie Brandt Aktualisiert am 6 Min. Lesezeit
Eine bunt mit Apfelmotiven bemalte historische Straßenbahn fährt über eine Mainbrücke, dahinter die Frankfurter Skyline.
01Mainbrücke, 14:35 Uhr— Bunt bemalt, voll besetzt, gut gelaunt: Der Ebbelwei-Express quert den Main, die Skyline schaut zu.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt genau eine Straßenbahn in Deutschland, in der man für sein Ticket ein Getränk bekommt, und sie fährt selbstverständlich in Frankfurt. Der Ebbelwei-Express ist eine rollende Ausnahmeerscheinung: ein historischer Triebwagen, außen knallbunt mit Äpfeln und Ornamenten bemalt, innen eine Wirtschaft auf Schienen — Holzbänke, Bembel, Brezeln, dazu eine Stadtrundfahrt im Stundenformat. Seit 1977 dreht er an Wochenenden seine Runden, und er ist dabei etwas geworden, das kein Marketingplan hätte erfinden können: das inoffizielle Stadtwappen auf Schienen, geliebt von Touristen, Geburtstagsrunden und eingefleischten Frankfurtern gleichermaßen.

Das Prinzip ist von entwaffnender Einfachheit. Man stellt sich an eine der gekennzeichneten Haltestellen entlang der Rundstrecke — der Klassiker ist der Zustieg am Zoo —, wartet auf das unverkennbare bunte Gefährt und steigt ein. Bezahlt wird im Wagen beim Personal: acht Euro für Erwachsene, Kinder fahren ermäßigt, und im Preis enthalten sind ein Schoppen Apfelwein, alternativ Apfelsaft oder Mineralwasser, sowie ein Tütchen Brezeln. Dann ruckt es, die Stadt setzt sich in Bewegung, und für ungefähr eine Stunde gehört Frankfurt Ihnen — gerahmt vom Holzfenster eines Triebwagens, der älter ist als die meisten seiner Fahrgäste.

Die Route ist eine kleine Anthologie der Stadt: Der Express rollt vom Zoo aus durch das Ostend, quert den Main und nimmt Kurs auf Sachsenhausen, wo er durch die Nähe des Apfelweinviertels fährt wie ein Heimspielbesuch; später geht es über die Brücken zurück, vorbei an Innenstadt und Hauptbahnhof, ehe sich der Kreis schließt. Wer mag, bleibt einfach sitzen und fährt eine zweite Runde — niemand wird Sie hinauskomplimentieren, solange der Bembel reicht. Das Schöne an dieser Rundfahrt ist ihre Unentschlossenheit zwischen Verkehrsmittel und Veranstaltung: Der Express hält an normalen Haltestellen, wartet an normalen Ampeln und ist doch das Gegenteil von Alltag.

Innenraum des historischen Triebwagens mit Holzbänken, Haltestangen und einem Bembel mit Brezelkorb auf einem Klapptisch.
02Im Wagen, 15:10 Uhr— Holzbänke, Haltestangen, Bembel: Der Innenraum ist Wirtschaft und Zeitmaschine zugleich.Foto: Zeit Frankfurt

Die alten K-Wagen sind selbst ein Stück Verkehrsgeschichte

Ein Wort zu den Fahrzeugen, denn sie sind mehr als Kulisse. Der Ebbelwei-Express wird aus historischen Triebwagen der Baureihe K gebildet, gebaut in den Jahren um 1950, als Frankfurt seinen Nahverkehr aus den Trümmern wieder aufbaute. Die „K-Wagen" waren jahrzehntelang das Rückgrat des Frankfurter Straßenbahnnetzes — zweiachsig, robust, mit jenem hölzernen Charme, den moderne Niederflurbahnen bei aller Barrierefreiheit nicht mehr bieten. Als sie im Liniendienst ausgemustert wurden, hätte das ihr Ende sein können; stattdessen kam jemand bei der Verkehrsgesellschaft auf die Idee, die Veteranen bunt anzumalen und mit Apfelwein zu beladen. Aus dem Abstellgleis wurde eine zweite Karriere, die inzwischen länger dauert als die erste: Seit 1977 ist der Express unterwegs, und die liebevoll gewarteten Wagen dürften heute mehr fotografiert werden als jedes andere Fahrzeug der Stadt.

Im Innenraum verbinden sich die Epochen auf angenehm unfeierliche Weise. Die Holzbänke stammen sichtbar aus einer Zeit, in der Ergonomie noch Charaktersache war; an den Haltestangen baumeln Brezeltüten, auf Klapptischen stehen Bembel und Gerippte, und aus den Lautsprechern tönt eine Playlist, die von Stimmungsmusik bis Frankfurter Mundart reicht — je nach Besatzung und Tageszeit in wechselnder Dosierung. Wer es ruhiger mag, wählt die frühen Fahrten am Nachmittag; wer die Polonaise nicht scheut, steigt in die letzten Runden des Tages. Beides hat seine Berechtigung, beides ist derselbe Zug.

Andere Städte schicken Touristen in Doppeldeckerbusse — Frankfurt schenkt ihnen einen Schoppen ein und lässt die Straßenbahn erzählen.

Mit etwas Taktik wird aus der Runde ein kleines Fest

Für die besten Plätze lohnt ein wenig Strategie. Ganz vorn, gleich hinter dem Fahrerstand, sitzt man am dichtesten an der Nostalgie: Man sieht die Schienen kommen, hört das Klingeln aus erster Reihe und hat den historischen Führerstand im Blick. Für das Panorama empfehlen sich die Fensterplätze der Mainseite — bei der Flussquerung öffnet sich die Skyline zu jenem Postkartenblick, für den andere Städte Aussichtsplattformen bauen, und das Gerippte in der Hand verwandelt ihn in ein Stillleben. Fotografieren Sie ruhig; alle tun es. Und noch ein praktischer Hinweis: Der Schoppen an Bord wird klassisch serviert, also trocken und pur. Wer die Feinheiten von pur, sauer- und süßgespritzt noch nicht verinnerlicht hat, kann vor der Fahrt unsere Etikette-Kunde rund um Bembel und Deckelchen studieren — an Bord gelten dieselben Gesetze wie in der Wirtschaft, nur mit Fahrplan.

Der Express eignet sich außerdem hervorragend als Auftakt für einen längeren Nachmittag. Wer am Zoo einsteigt und eine komplette Runde dreht, kann anschließend in Sachsenhausen aussteigen und den Schwung mitnehmen: Von dort sind es nur wenige Schritte in die Gassen rund um die Klappergasse, wo die Apfelweinkultur ihre stationäre Form angenommen hat — wie sich das alte Vergnügungsviertel gerade neu erfindet, beschreibt unsere Reportage über das Comeback von Alt-Sachsenhausen. Für Gäste mit wenig Zeit ist diese Kombination die vielleicht effizienteste Frankfurt-Erfahrung überhaupt: eine Stunde rollendes Panorama, danach ein Abend im Wirtshausgarten. Mehr Stadt pro Stunde geht kaum.

Eine Hand hält ein Geripptes gegen das Wagenfenster, draußen ziehen unscharf Gründerzeitfassaden vorbei.
03Unterwegs, Sachsenhausen, 15:25 Uhr— Die Stadt im Glas: Bei Tempo dreißig schmeckt der Schoppen nach Panorama.Foto: Zeit Frankfurt

Für Feiern lässt sich die Wirtschaft samt Schienen mieten

Was viele nicht wissen: Der Ebbelwei-Express lässt sich auch komplett chartern. Geburtstage, Junggesellenabschiede der gesitteten Sorte, Firmenfeiern, sogar Hochzeitsgesellschaften haben den Zug schon für private Runden gebucht — eine fahrende Festwirtschaft, bei der niemand über die Musik streiten muss, weil ohnehin alle aus dem Fenster schauen. Wer das plant, sollte rechtzeitig bei der VGF anfragen, denn die Termine an den Wochenenden sind begehrt. Als Faustregel für die Planung gilt: Der Charme des Wagens nimmt mit der Gruppengröße zu, die Bewegungsfreiheit ab. Und das Deckelchen auf dem Gerippten ist bei Tempo dreißig keine Folklore, sondern Physik — warum dieses Glas ohnehin eine Verteidigung verdient, lesen Sie in unserer Kolumne über das Gerippte.

Ein paar praktische Hinweise aus eigener Anschauung. Erstens das Wetter: Die schönsten Fahrten sind die an klaren Nachmittagen, wenn die Sonne tief steht und die Skyline bei der Mainquerung golden aufleuchtet — an grauen Tagen beschlagen die Scheiben, und das Panorama wandert nach innen, was dem Vergnügen erstaunlich wenig anhat. Zweitens die Kinderfrage: Der Express ist ausdrücklich familientauglich, der Apfelsaft im Fahrpreis ist kein Alibi, und für die meisten Kinder ist die klingelnde Bimmelbahn ohnehin die Hauptattraktion, nicht der Ausblick. Drittens das Timing: Wer am Wochenende gegen Mittag am Zoo startet, kombiniert die Runde elegant mit einem Zoobesuch davor oder danach — und umgeht die vollsten Fahrten am späten Nachmittag, wenn Geburtstagsrunden und spontane Feiergesellschaften zusteigen. Viertens, und das ist keine Kleinigkeit: Es gibt keine Reservierung im regulären Betrieb. Wer mit einer größeren Gruppe sicher zusammensitzen will, plant entweder eine frühe Fahrt ein oder gleich einen Charter.

Natürlich kann man den Ebbelwei-Express belächeln: als Touristenbahn, als rollende Folklore, als Apfelwein-Disneyland. Aber dieser Spott greift zu kurz. Der Express ist die seltene Attraktion, die von den Einheimischen mitgenutzt wird — an jedem Wochenende sitzen zwischen den Gästen aus Tokio und Texas auch Frankfurter Großmütter mit Enkeln, Stammtische auf Ausflug und Paare, die hier vor dreißig Jahren ihr erstes Rendezvous hatten. Eine Stadt, die ihr Nationalgetränk in eine historische Straßenbahn füllt und damit im Kreis fährt, nimmt sich selbst genau richtig ernst: nicht zu sehr. Das ist, bei Licht besehen, eine reife Leistung für einen Ort, der sonst gern in Renditen denkt.

Glänzende Straßenbahnschienen in einer Kurve im Abendlicht, im Hintergrund unscharf die Türme der Innenstadt.
04Innenstadt, 19:55 Uhr— Wenn der letzte Wagen eingerückt ist, bleiben die Schienen — und die Vorfreude auf die nächste Runde.Foto: Zeit Frankfurt

Wenn der letzte Wagen am Abend einrückt und die Schienen in der Kurve noch einen Moment das Licht halten, hat der Express wieder getan, was er seit bald fünf Jahrzehnten tut: Er hat Fremde zu Gästen gemacht und Gäste zu leicht angeheiterten Botschaftern dieser Stadt. Man steigt aus, hat eine Stunde Frankfurt hinter sich und einen Schoppen intus — und ertappt sich bei dem Gedanken, dass Sightseeing eigentlich immer so sein müsste: sitzend, klingelnd, mit Brezel. Wer mag, winkt dem nächsten bunten Wagen einfach wieder zu; er kommt verlässlich, seit bald fünfzig Jahren. Gute Fahrt.

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