Apfelwein · Reportage
CiderWorld 2026: Die Welt trinkt Apfelwein im Palmengarten
Drei Tage lang war Frankfurt wieder Hauptstadt des Cider: Die CiderWorld 2026 versammelte im Gesellschaftshaus des Palmengartens Erzeuger aus 14 Ländern. Wie sich das Stöffche im Weltvergleich schlägt — und was der Boom mit dem Apfelwein macht.
Man kann den Zustand eines Getränks an vielen Dingen ablesen — an Absatzzahlen, an Anbauflächen, an der Zahl seiner Nachrufe. Oder man stellt sich an einem Aprilwochenende ins Gesellschaftshaus des Palmengartens und schaut zu, wie ein Baske einem Ebbelwoi-Wirt aus Sachsenhausen erklärt, warum sein Sagardo aus zwei Metern Höhe ins Glas geschüttet werden muss, während nebenan eine Erzeugerin aus der Normandie ihren flaschenvergorenen Cidre entkorkt wie einen Champagner. Drei Tage lang, vom 16. bis 18. April, war die CiderWorld 2026 der Ort, an dem die Weltfamilie des Apfelweins zusammenkam — und Frankfurt, das sein Stöffche gern für eine rein lokale Angelegenheit hält, durfte Gastgeber und Lehrling zugleich sein.
Der Rahmen könnte passender kaum sein: Das Gesellschaftshaus, dieser lichte Festsaalbau von 1871 am Rand des Palmengartens, verleiht der Messe eine Würde, die dem Getränk lange verweigert wurde. Unter den Lüstern des großen Saals reihten sich die Verkostungstische, mehr als 250 verschiedene Apfelweine, Cidre, Cider, Sagardo und Perry standen zum Probieren — ein Angebot, das selbst geübte Gaumen in strategische Nöte brachte. Die Dramaturgie der Veranstaltung folgt dabei einem bewährten Dreiklang: die Expo mit den Ständen der Erzeuger, das Forum mit Fachvorträgen und Kostproben-Seminaren, und als Herzstück die Verleihung der Cider World Awards, die in diesem Jahr zum neunten Mal vergeben wurden.
Die Zahlen des Wettbewerbs erzählen, wie international die Sache geworden ist: 120 Produkte von über 50 Erzeugern aus 14 Ländern hatten sich der Jury gestellt, prämiert wurde in sechs Kategorien — vom stillen und schäumenden Cider über Birnenschaumwein und aromatisierte Varianten bis zu Dessert-Spezialitäten und, Zeichen der Zeit, alkoholfreiem Cider. Dass die Messe überhaupt in Frankfurt stattfindet und nicht in Bristol oder Bilbao, ist kein Zufall: Sie ist aus einer Frankfurter Verkostungsreihe hervorgegangen, die dem Apfelwein schon vor Jahren die Welt zeigen wollte — und umgekehrt. Der Anspruch steckt bis heute im Namen.

Der internationale Vergleich schmeichelt dem Stöffche nicht — er schärft es
Wie schlägt sich nun der Frankfurter Apfelwein, wenn er neben den Weltmeistern steht? Die ehrliche Antwort nach zwei Tagen Verkostung: Er ist der karge Charakterkopf in einer Familie von Charmeuren. Der baskische Sagardo ist wilder, säuriger, fast salzig; der normannische Cidre süßer, weicher, von cremiger Perlage; die englischen Keeved Cider spielen mit Restsüße und Tannin wie Portweinmacher. Das Stöffche dagegen bleibt, was es ist: trocken, gradlinig, kompromisslos — ein Getränk, das nicht gefallen will, sondern begleiten. Auf der Messe hörte man dafür ein Wort, das in Sachsenhausen selten fällt: „puristisch", ausgesprochen mit hörbarem Respekt. Mancher internationale Gast, berichtete eine hessische Kelterin am Stand, kaufe inzwischen gezielt das Herbe, „weil süß kann zu Hause jeder".
Die hessischen Erzeuger traten denn auch selbstbewusster auf als noch vor einigen Jahren. Neben den großen Keltereien zeigten kleine Höfe und junge Manufakturen, wie breit die Spitze inzwischen ist: sortenreine Ausbauten, im Holzfass gereifte Jahrgänge, Schaumweine nach traditioneller Flaschengärung, Speierling-Spezialitäten. Wer den Weg vorgezeichnet hat, ist kein Geheimnis — Pioniere wie der Obsthof am Steinberg in Nieder-Erlenbach haben dem Apfelwein die Sprache und das Selbstbewusstsein des Weins erschlossen, und auf der Messe konnte man besichtigen, wie viele diesem Beispiel inzwischen folgen. Auch die junge Frankfurter Szene, die wir im Porträt der neuen Cider-Macher beschrieben haben, war mit eigenen Ständen vertreten und behauptete sich erstaunlich souverän zwischen den Traditionshäusern.
Das Stöffche muss sich vor der Welt nicht verstecken — es muss ihr nur öfter begegnen.
Das Publikum verkostet anders als noch vor fünf Jahren
Bemerkenswert war, wer da durch die Reihen zog. Neben den erwartbaren Fachbesuchern — Sommeliers, Einkäufer, Gastronomen mit Visitenkarten-Reflex — drängte am Samstag ein Publikum ins Gesellschaftshaus, das man eher auf einer Naturwein-Messe vermutet hätte: jung, neugierig, trinkfest im Sinne von auskunftsfreudig. Am Stand einer Wetterauer Kelterei diskutierte eine Gruppe Mittzwanziger über Spontangärung und Schwefelgaben, als ginge es um die Startelf der Eintracht. Die Verkostungsgläser wurden geschwenkt, berochen, gegen das Licht gehalten; gespuckt wurde professionell, fotografiert enthusiastisch. Man kann darüber lächeln — oder darin das erkennen, was die Branche seit Jahren herbeisehnt: eine neue Generation, die Apfelwein nicht als Erbstück behandelt, sondern als Entdeckung.
Auffällig war in diesem Jahr auch, welche Kategorie die meisten Gespräche auslöste: der alkoholfreie Cider. Was vor wenigen Jahren noch als Verlegenheitslösung für Autofahrer belächelt wurde, ist zu einem eigenen Wettbewerbsfeld gereift — mit Produkten, die über aufwendige Entalkoholisierung oder gestoppte Gärung tatsächlich nach etwas schmecken, nämlich nach Apfel, Säure und Gerbstoff statt nach süßem Saft. Mehrere Erzeuger berichteten übereinstimmend, dass die alkoholfreie Linie inzwischen ihr am schnellsten wachsendes Segment sei, getrieben von einer Kundschaft, die bewusster trinkt, aber nicht schlechter. Für den Apfelwein ist das eine strategische Chance: Kaum ein Getränk bringt von Haus aus so viel Aroma ohne Alkohol mit wie vergorener und wieder entalkoholisierter Apfelmost. Es wäre eine hübsche Pointe der Geschichte, wenn das älteste Getränk der Stadt ausgerechnet über die Null-Prozent-Schiene seine jüngsten Kunden fände.
Zugleich wurde in den Gesprächen am Rand deutlich, unter welchem Druck die Idylle steht. Die Rohstofffrage treibt alle um: Streuobstbestände altern, trockene Sommer zehren an den Bäumen, gutes Kelterobst ist knapp und teuer geworden. Der weltweite Cider-Boom hat zudem eine Kehrseite — industrielle Ware aus Apfelsaftkonzentrat drängt in die Regale und verwässert den Begriff, bevor viele Konsumenten das Original kennengelernt haben. Auf dem Forum wurde deshalb auffallend oft über Herkunftsschutz, Streuobstförderung und ehrliche Deklaration gesprochen. Wie die heimischen Keltereien zwischen Tradition und Aufbruch navigieren, haben wir bereits in unserer Reportage über die neue Apfelwein-Generation beleuchtet — die CiderWorld wirkte streckenweise wie deren internationale Fortsetzung.

Verändert der Boom den Apfelwein? Ja — und das ist die gute Nachricht
Bleibt die Frage, die über der Messe schwebte wie der Duft von vergorenem Obst: Was macht die Weltläufigkeit mit dem Frankfurter Nationalgetränk? Die Sorge der Puristen, das Stöffche könnte sich dem internationalen Geschmack anbiedern und in Süße und Kohlensäure ertrinken, fand im Gesellschaftshaus wenig Nahrung. Eher war das Gegenteil zu beobachten: Der Vergleich adelt das Eigene. Wer seinen Sauergespritzten neben einem baskischen Sagardo probiert, erkennt plötzlich die Verwandtschaft — zwei alte, herbe, sture Regionalgetränke, die dem Weltmarkt genau deshalb interessant erscheinen, weil sie sich ihm nie angepasst haben. Die Zukunft des Apfelweins, so lautete die stille Lehre dieser drei Tage, liegt nicht darin, Cider zu werden. Sie liegt darin, unverwechselbar Apfelwein zu bleiben — nur eben besser gemacht, besser erzählt und besser eingeschenkt als in den Jahrzehnten, in denen ihn niemand beachtete.
Am Samstagabend, als die letzten Besucher durch den Palmengarten Richtung Ausgang schlenderten und das Palmenhaus im Abendlicht stand, konnte man den Eindruck haben, einer Familienfeier beigewohnt zu haben — einer großen, weit verzweigten Familie, deren Frankfurter Zweig lange als der eigenbrötlerische galt und nun feststellt, dass genau das seine Mitgift ist. Die Welt trinkt Apfelwein, in hundert Spielarten und vierzehn Sprachen. Dass sie sich dafür alle Jahre wieder ausgerechnet in Frankfurt trifft, ist mehr als eine Standortentscheidung. Es ist, wenn man so will, eine späte Anerkennung: Hier wurde nie aufgehört, das Getränk ernst zu nehmen. Jetzt zieht die Welt nach.

Wer die Messe verpasst hat, muss übrigens nicht bis zum nächsten Frühjahr dürsten: Viele der prämierten Weine und Cider stehen inzwischen in Frankfurter Fachgeschäften und auf den Karten der ambitionierteren Lokale. Der beste Nachklang der CiderWorld findet ohnehin nicht im Messeglas statt, sondern dort, wo dieses Getränk zu Hause ist — am langen Tisch, unter Bäumen, mit Zeit. Fragen Sie Ihren Händler nach den Preisträgern dieses Jahrgangs, oder noch besser: Fragen Sie Ihren Wirt, was er von alledem hält. Die Antwort dauert erfahrungsgemäß einen Schoppen. In diesem Sinne: bis zur nächsten Ausgabe im Palmengarten.
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