Apfelwein · Getestet

Apfelwein aus dem Supermarktregal: Sechs Flaschen im Test

Possmann, Höhl, Rapp's, Bio und Discounter: Wir haben sechs überall erhältliche Apfelweine blind aus dem Gerippten verkostet — bei Kellertemperatur, pur und gespritzt. Das Ergebnis: kein Ausfall, zwei Empfehlungen und ein klarer Gesamtsieger.

Von Marie Brandt Aktualisiert am 6 Min. Lesezeit
Sechs Apfelweinflaschen mit abgewandten Etiketten stehen in einer Reihe auf einem hellen Küchentisch im Tageslicht.
01Redaktionsküche, Nordend, 10:15 Uhr— Sechs Flaschen, Etiketten abgewandt, nüchternes Tageslicht — mehr Chancengleichheit war nie.Foto: Zeit Frankfurt

Über Apfelwein wird in Frankfurt viel geredet — über die Wirtschaft mit dem besten Ausschank, über handwerkliche Raritäten, über die reine Lehre des Gerippten. Worüber selten geredet wird: dass die meisten Schoppen dieser Stadt weder in Sachsenhausen noch auf der Streuobstwiese beginnen, sondern im Kühlregal. Der Apfelwein aus dem Supermarkt ist das Alltagsgetränk hinter dem Mythos, und genau deshalb haben wir ihn zum Test gebeten: sechs Flaschen, überall erhältlich, blind verkostet aus dem Gerippten. Keine Folklore, keine Etiketten, keine Gnade — nur die Frage, was wirklich im Glas ist.

Das Feld deckt ab, was der Frankfurter Handel hergibt. Aus Rödelheim kommt der Klassiker von Possmann, der Kelterei, die seit 1881 im Frankfurter Westen presst. Aus Maintal-Hochstadt tritt Höhl an, das älteste Haus des Feldes — gegründet 1779 und damit eine der traditionsreichsten Keltereien Hessens überhaupt. Aus Karben stammt Rapp's, der dritte große Name im Rhein-Main-Regal. Dazu haben wir eine Bio-Flasche einer hessischen Kelterei gestellt, die Eigenmarke eines Discounters sowie den Schoppen einer kleineren südhessischen Kelterei, der uns im Getränkemarkt mehrfach begegnet ist. Alle sechs bewegen sich im üblichen Preisrahmen zwischen rund anderthalb und vier Euro pro Liter — es geht hier also nicht um Luxus, sondern um die Frage, welcher Alltag der beste ist.

Blind schmeckt man anders — und manchmal ernüchternd ehrlich

Die Verkostung folgt einem strengen Protokoll: Eine unbeteiligte Person schenkt in nummerierte Gerippte ein, kellerkühl bei zehn bis zwölf Grad, drei Verkoster notieren unabhängig. Wer glaubt, die großen Namen im Dunkeln sicher zu erkennen, wird schnell demütig — schon nach dem zweiten Glas verschwimmen die Gewissheiten, und übrig bleibt, was der Test sichtbar machen soll: Unterschiede in Duft, Säure und Bauart, die man am Stammtisch gern mit Markentreue übertüncht. Eine Erkenntnis vorweg: Einen echten Ausfall leistet sich keine der sechs Flaschen. Die Zeiten, in denen industrieller Apfelwein nach nasser Pappe schmecken durfte, sind erkennbar vorbei.

Apfelwein wird ins Gerippte eingeschenkt, der goldgelbe Strahl leuchtet im Gegenlicht des Küchenfensters.
02Redaktionsküche, Nordend, 10:40 Uhr— Gleiche Gläser, gleiche Temperatur, gleiche Menge: Der Strahl ins Gerippte ist der einzige Auftritt, den jede Flasche bekommt.Foto: Zeit Frankfurt

Glas eins — nach Auflösung: der Possmann-Klassiker — duftet unmittelbar nach gelbem Apfel und ein wenig nach Hefe, wirkt am Gaumen schlank, geradeaus und angenehm trocken. Die Säure ist präsent, aber freundlich; im Abgang bleibt er etwas kurz. Das ist kein Wein für lange Betrachtungen, aber ein tadelloser Alltagsschoppen — und gespritzt gewinnt er sogar an Kontur. Glas zwei, die Discounter-Eigenmarke, riecht neutral bis schüchtern, schmeckt weich, leicht süßlich und verliert im Gerippten schnell an Spannung. Nichts daran ist falsch, vieles daran ist wenig. Glas drei, der Bio-Apfelwein, teilt die Runde: Er ist der Wildeste des Feldes, mit trüber Optik, deutlicher Gerbstoffnote und einer Säure, die an unreife Renetten erinnert. Ein Verkoster notiert „endlich Charakter", ein anderer „anstrengend". Beide haben recht.

Glas vier — Höhls Hochstädter — sorgt für das erste anerkennende Nicken der Runde: reifer Duft nach Bratapfel und Quitte, am Gaumen saftig und bemerkenswert ausbalanciert, die Säure sitzt wie ein gut eingestelltes Scharnier. Hier schmeckt man, wofür zweieinhalb Jahrhunderte Übung gut sind. Glas fünf, Rapp's, gibt sich robust und kernig, mit kräftiger Säure und einem rustikalen, leicht herben Finale — pur eine Ansage, gespritzt eine Bank. Glas sechs, der Schoppen der kleineren südhessischen Kelterei, liegt in der Mitte des Feldes: ordentlich gemacht, apfelig, sauber, aber ohne die Spannung der besten Gläser. Solide Hausmannskost, kein Sonntagsessen.

Der ehrlichste Ort für einen Apfelwein ist nicht die Festbroschüre, sondern das Kühlregal — dort muss er ohne Folklore bestehen.

Im zweiten Durchgang entscheidet der Sauergespritzte

Weil kein Frankfurter Haushalt seinen Vorrat ausschließlich pur trinkt, folgt Durchgang zwei: alle sechs im klassischen Verhältnis mit sprudelndem Mineralwasser gespritzt — zwei Drittel Schoppen, ein Drittel Wasser, wie es die Bestellkunde verlangt. Das Ergebnis verschiebt die Rangfolge auf interessante Weise. Die weiche Discounter-Flasche verschwindet im Wasser fast vollständig; der Bio-Kandidat dagegen profitiert enorm, weil die Verdünnung seine Ecken rundet, ohne den Charakter zu tilgen. Rapp's spielt hier seine Stärke aus — die kräftige Säure trägt auch verdünnt noch — und rückt dicht an den Spitzenreiter heran. Höhl bleibt auch gespritzt der Vollständigste: Man schmeckt weiterhin Apfel, Struktur und einen Rest von Ernst. Wer die Etikette rund um das Mischen, das Deckelchen und den Bembel nachlesen will, findet sie in unserem Apfelwein-Knigge; eine Liebeserklärung an das Glas, aus dem all das getrunken gehört, liefert die Kolumne zum Gerippten.

Nummerierte Gläser stehen auf einem Tablett neben einem handschriftlichen Notizblock mit Bewertungsspalten.
03Redaktionsküche, Nordend, 11:10 Uhr— Nummern statt Namen: Was im Notizblock steht, erfährt die Flasche erst nach der Auflösung.Foto: Zeit Frankfurt

Woran Sie handwerkliche Machart im Regal erkennen

Der Test bestätigt eine alte Vermutung: Zwischen industrieller und handwerklicher Machart verläuft keine Grenze der Moral, aber eine des Geschmacks — und ein paar Indizien verraten sie schon vor dem Kauf. Ein Blick aufs Etikett lohnt: „Hergestellt aus Äpfeln" ist etwas anderes als die Verarbeitung von Konzentrat, und wer Herkunftsangaben aus der Region nennt, hat meist wenig zu verstecken. Trübung ist kein Fehler, sondern oft ein Zeichen schonender Filtration; eine dezente Gerbstoffnote spricht für echtes Kelterobst von der Streuobstwiese statt süßer Tafelware. Und schließlich der Härtetest zu Hause: Ein guter Apfelwein wird im Glas mit Luft und Wärme interessanter — ein banaler wird nur schal. Was die herbe Würze traditioneller Schoppen ausmacht und warum die seltene Speierling-Frucht dabei eine Hauptrolle spielt, erklärt unser Erklärstück über den Speierling.

Ein Kapitel für sich ist die Behandlung zu Hause, denn auch der beste Regal-Schoppen lässt sich mit wenigen Handgriffen ruinieren. Erstens die Temperatur: Das Kühlschrankfach ist zu kalt — ein eisgekühlter Apfelwein schmeckt nach nichts, weil Kälte die Aromen verschließt. Nehmen Sie die Flasche eine halbe Stunde vor dem Einschenken heraus, oder lagern Sie den Vorrat gleich im kühlsten Raum der Wohnung; die alten Frankfurter Keller hatten schon ihren Sinn. Zweitens das Glas: Das Gerippte ist keine Folklore, sondern Funktion — die geschliffenen Rauten boten einst fettigen Fingern Halt und brechen nebenbei das Licht so, dass selbst ein schlichter Schoppen festlich aussieht. Drittens die Zeit: Eine geöffnete Flasche hält verschlossen im Kühlen zwei, drei Tage durch, verliert aber von Tag zu Tag an Spannung. Apfelwein ist ein Getränk für den Verbrauch, nicht für die Sammlung — kaufen Sie kleiner und öfter.

Auch die Herkunftsfrage verdient einen zweiten Blick, denn hinter den sechs Flaschen stehen sehr unterschiedliche Betriebsgrößen: vom Familienunternehmen mit Jahrhundertgeschichte bis zum Abfüller, der für Handelsketten produziert. Auf die Qualität lässt sich davon nicht blind schließen — unser Test zeigt ja gerade, dass auch Große sehr ordentlich arbeiten. Aber wer mit seinem Einkauf nebenbei Streuobstwiesen, regionale Anlieferer und ein Stück hessische Kulturlandschaft finanzieren will, ist bei den Traditionskeltereien der Region besser aufgehoben als bei der anonymen Eigenmarke. Es ist einer der seltenen Fälle, in denen Geschmack und Gesinnung dieselbe Flasche empfehlen.

Bleibt die Preisfrage, und sie fällt erfreulich unaufgeregt aus: Zwischen der günstigsten und der teuersten Flasche des Feldes liegen keine Welten, sondern etwa zwei Euro pro Liter — weniger, als ein einziger Schoppen in der Wirtschaft kostet. Anders gesagt: Der Aufpreis vom Belanglosen zum Guten ist beim Apfelwein so klein wie bei kaum einem anderen Getränk. Es gibt also keinen ökonomischen Grund, schlechter zu trinken als nötig. Es gibt nur Gewohnheit.

Nach der Verkostung stehen halb geleerte Gerippte und Korken auf dem Tisch, ein Glas ist ins warme Seitenlicht gehoben.
04Redaktionsküche, Nordend, 13:05 Uhr— Nach der Pflicht die Kür: Der Sieger darf noch einmal ins Licht.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende des Vormittags stehen sechs halb geleerte Gerippte im Seitenlicht der Redaktionsküche, und das Fazit fällt versöhnlicher aus als befürchtet: Das Kühlregal muss sich vor der Kelterromantik nicht verstecken. Wer zum Sieger aus Hochstadt oder zum Rödelheimer Preis-Leistungs-Tipp greift, bekommt für den Gegenwert eines Butterbrots ein Stück ernst zu nehmender Frankfurter Trinkkultur — jederzeit, überall, ohne Anstehen. Man muss es nur kalt stellen, ins Gerippte schenken und sich Zeit nehmen. Und wer nach diesem Test auf den Geschmack gekommen ist, hat ja noch eine ganze Stadt voller Wirtschaften vor sich, in denen der Schoppen vom Fass kommt — das Regal ist der Anfang, nicht das Ziel. Den Rest hat das Getränk in zweihundert Jahren gelernt.

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