Apfelwein · Damals

Frau Rauscher aus der Klappergass: Die Geschichte hinterm Lied

Sie hat ein Beulchen an der Stern und spritzt seit 1961 Passanten nass: Die Frau Rauscher ist Frankfurts feuchtestes Wahrzeichen. Die Geschichte hinter dem Mundartlied von 1929, der Legende aus der Preußenzeit und dem Brunnen in der Klappergasse.

Von Johanna Roth 6 Min. Lesezeit
Der wasserspeiende Frau-Rauscher-Brunnen mit Bronzefigur steht in einer Kopfsteinpflastergasse in Alt-Sachsenhausen.
01Klappergasse, Alt-Sachsenhausen, 15:50 Uhr— Der Wasserstrahl quert die Gasse ohne Vorwarnung — seit 1961 verteidigt Frau Rauscher ihr Revier.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt Denkmäler, die man ehrfürchtig umrundet, und es gibt eines, um das man in Frankfurt besser einen Bogen macht — im Wortsinn. In der Klappergasse in Alt-Sachsenhausen steht seit 1961 eine bronzene Marktfrau mit Korb und Schürze, die in unregelmäßigen Abständen einen Wasserstrahl quer über das Kopfsteinpflaster schickt. Wer die Gasse zum ersten Mal entlanggeht, erfährt davon meist auf die nasse Art. Die Einheimischen am Wirtshaustisch nebenan wissen Bescheid und schweigen genüsslich. So begrüßt die Frau Rauscher seit über sechzig Jahren ihre Gäste — und kaum jemand, der sich das Hosenbein trocknet, ahnt, dass er gerade einem Lied begegnet ist, einer Legende und einem Getränk zugleich.

Beginnen wir mit dem Lied, denn ohne das Lied gäbe es weder Brunnen noch Berühmtheit. „Die Fraa Rauscher aus de Klappergass" ist die vielleicht bekannteste Frankfurter Mundartnummer überhaupt, ein Gassenhauer, der bei Schlachtfesten, Fastnachtssitzungen und in Apfelweinwirtschaften bis heute angestimmt wird, sobald der zweite Bembel geleert ist. Sein Inhalt ist von entwaffnender Schlichtheit: Die Frau Rauscher hat ein „Beulchen an der Stern" — eine Beule an der Stirn also —, und die Sänger rätseln, woher es wohl stammen mag. Die berühmteste Zeile liefert die Pointe gleich mit: Vom Ebbelwoi allein, heißt es, könne es nicht sein. Ganz sicher ist man sich da freilich nicht.

Anders als viele Volkslieder hat dieses ein exaktes Geburtsdatum. Der Text entstand im November 1929 und stammt vom Frankfurter Grafiker Kurt Eugen Strouhs, die Melodie steuerte Norbert Bruchhäuser bei. Das Stück gehört damit in die Blütezeit der Frankfurter Volkssänger- und Mundartbühnen, die zwischen den Weltkriegen in den Sälen und Wirtschaften der Stadt ihr Publikum fanden — eine Unterhaltungskultur, die vom Lokalwitz lebte und ihre Heldinnen nicht in Palästen suchte, sondern in den Gassen von Sachsenhausen. Dass ausgerechnet eine Frau mit Beule zur Titelfigur wurde, ist kein Zufall: Das Lied ist eine liebevolle Karikatur jenes Milieus aus Marktfrauen, Wirten und Stammgästen, in dem der Apfelwein Grundnahrungsmittel war.

Nahaufnahme der patinierten Bronzefigur der Frau Rauscher mit Korb und Schürze, die grünliche Oberfläche im Streiflicht.
02Klappergasse, 16:15 Uhr— Korb, Schürze, entschlossener Blick: Georg Krämer goss 1961 eine Marktfrau in Bronze — und gab ihr eine Wasserleitung mit.Foto: Zeit Frankfurt

Hinter dem Schlager steckt eine Anekdote aus der Preußenzeit

Ob es die Frau Rauscher wirklich gegeben hat, ist nicht belegt — die Überlieferung behandelt sie als Sachsenhäuser Original des 19. Jahrhunderts, die Forschung eher als Kunstfigur. Die Anekdote, auf die sich das Lied bezieht, wird jedenfalls so erzählt: Im Jahr 1866, als Preußen die bis dahin Freie Stadt Frankfurt besetzt hatte, sei die Frau Rauscher mit besagter Beule auf der Straße gefunden worden, verspottet von Gassenjungen. Ein übereifriger preußischer Polizist habe daraus einen Fall machen wollen, akribisch protokolliert und nach Tätern gefahndet — während ganz Sachsenhausen längst wusste, dass hier höchstens der Rauscher der Täter war und die Treppe sein Komplize. Die Geschichte ist zu gut, um wahr sein zu müssen: Sie erzählt vom Zusammenprall preußischer Gründlichkeit mit Frankfurter Gelassenheit, und sie nimmt Partei, natürlich für die Beule.

Damit zum Getränk, das der Figur den Namen gab. Als Rauscher bezeichnet man in Frankfurt den jungen, noch gärenden Apfelwein — jenes trübe, süß-stürmische Zwischenstadium zwischen Süßem und fertigem Schoppen, das im Herbst für wenige Wochen ausgeschenkt wird. Der Rauscher ist berüchtigt: Er trinkt sich harmlos wie Saft, arbeitet aber im Glas und im Gast munter weiter, und seine abführende Wirkung ist in der Lokalliteratur ausführlich gewürdigt. Wer nach zwei Schoppen Rauscher eine Beule an der Stirn davonträgt, hat also eine plausible Ausrede — und genau dieses Augenzwinkern trägt das Lied. Eine Frau, die Rauscher heißt: Für die Frankfurter Mundart ist das kein Name, sondern eine Diagnose. Wie der Apfelwein überhaupt zur Leitwährung der Stadt wurde, lesen Sie in unserer Geschichte des Stöffche.

Vom Ebbelwoi allein kann das Beulchen nicht sein — in diesem einen Zweifel steckt der ganze Witz der Stadt.

1961 bekam die Legende einen Brunnen — mit eingebauter Pointe

Dass aus der Schlagerfigur ein Denkmal wurde, verdankt sich der Nachkriegszeit, in der Frankfurt sein zerstörtes Selbstbild auch aus Folklore wieder aufbaute. 1961 erhielt die Klappergasse ihren Brunnen: Der Bildhauer Georg Krämer schuf die Bronzefigur der Marktfrau, robust, geerdet, mit Korb und Schürze — und mit einer technischen Besonderheit, die das Werk von aller Denkmalfeierlichkeit erlöst. In unregelmäßigen Abständen spuckt die Frau Rauscher einen Wasserstrahl in die Gasse, gerade weit genug, um Passanten zu erwischen, die vor ihr stehen bleiben. Das Denkmal verweigert also genau das, was Denkmäler sonst verlangen: andächtiges Verweilen. Wer der Frau Rauscher zu nahe kommt, wird behandelt wie ein preußischer Protokollant — mit einem Guss Sachsenhäuser Realität.

Man muss sich die Kühnheit dieser Idee auf der Zunge zergehen lassen: Eine Stadt errichtet einer Frau mit Beule ein Denkmal, das seinerseits Beulen im Stolz der Betrachter hinterlässt. Der Brunnen wurde denn auch nie bloß besichtigt, sondern bespielt — Generationen von Sachsenhäuser Kindern haben Auswärtige arglos vor die Figur dirigiert, und das Ritual funktioniert bis heute: erst der Strahl, dann der Schreck, dann das Gelächter, dann der versöhnende Schoppen in einer der umliegenden Wirtschaften. Seit 2014 trägt sogar ein Apfelweinlokal direkt neben dem Brunnen den Namen der Patronin; auch eine Rödelheimer Kelterei hat ihr einen Apfelwein gewidmet. Die Frau Rauscher ist damit das seltene Beispiel einer Kunstfigur, die sich rückwirkend in die Stadt hineingelebt hat.

Die enge Klappergasse am Abend, Laternenlicht spiegelt sich im nassen Kopfsteinpflaster zwischen Fachwerkhäusern.
03Klappergasse, 19:40 Uhr— Nasses Pflaster in der Klappergasse — nicht immer war der Regen schuld.Foto: Zeit Frankfurt

Die Klappergasse erzählt nebenbei die Geschichte eines ganzen Viertels

Wer den Brunnen besucht, sollte der Gasse selbst ein paar Minuten schenken, denn sie ist ein Stück Alt-Frankfurt, wie es der Krieg nur an wenigen Stellen übrig gelassen hat: enges Kopfsteinpflaster, Fachwerk, dahinter die Türme der Dreikönigskirche. Hier, im alten Sachsenhausen, lag über Jahrhunderte das Quartier der Gärtner, Fischer und Kelterer — jener Leute also, deren Alltag das Lied besingt. Später wurde Alt-Sachsenhausen zur Vergnügungsmeile, mit allen Höhen und Tiefen, die dieses Wort verspricht; von den Bemühungen, das Viertel aus seiner Ballermann-Phase zurück zu seinen Wurzeln zu führen, handelt unsere Reportage über das Comeback von Alt-Sachsenhausen. Die Frau Rauscher hat all das kommen und gehen sehen: die Bombennächte, den Wiederaufbau, die Junggesellenabschiede. Sie spuckt unbeirrt weiter.

Die Frau Rauscher steht damit in einer eigentümlichen Frankfurter Tradition: Diese Stadt verewigt ihre Käuze lieber als ihre Honoratioren. Der Struwwelpeter hat ein eigenes Museum, dem Schlappekicker widmete die Lokalpresse Legenden, und die Marktfrau mit der Beule bekam ihren Brunnen — während so mancher Ehrenbürger mit einer schmalen Straßentafel auskommen muss. Das ist keine Nachlässigkeit, sondern eine Haltung: Frankfurt, die Stadt der Bilanzsummen, pflegt im Herzen einen ausgeprägten Sinn für das Schräge, Kleine, Menschliche. Vielleicht braucht eine Stadt, in der tagsüber so viel gerechnet wird, abends Figuren, bei denen die Rechnung nie ganz aufgeht. Die Frau Rauscher ist ihre Schutzheilige.

Und das Lied? Es lebt, weil es sich jeder Generation neu andient. Fastnachtsvereine halten es im Repertoire, Stadionchöre haben es entdeckt, und in den Wirtschaften genügt die erste Zeile, um einen ganzen Saal in den Refrain zu ziehen — Textsicherheit ist dabei keine Voraussetzung, Stimmung Ehrensache. Man kann darin bloße Folklore sehen. Man kann aber auch bemerken, wie präzise dieses Liedchen das Selbstbild der Stadt konserviert: die Skepsis gegenüber jeder Obrigkeit, die Zärtlichkeit für die eigenen Käuze und die felsenfeste Überzeugung, dass ein Malheur am besten mit einem Schoppen kommentiert wird. Wer das Bestellen desselben noch übt, findet in unserer Schoppen-Bestellkunde das nötige Rüstzeug.

Zwei Passanten springen lachend vor einem Wasserstrahl zur Seite, mit Bewegungsunschärfe und abgewandten Gesichtern.
04Klappergasse, 17:05 Uhr— Das Ritual funktioniert seit Jahrzehnten: Erst der Strahl, dann der Schreck, dann das Gelächter.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende bleibt die schönste Pointe dieser Geschichte: Von den ernsten Denkmälern der Stadt — den Kaisern, Dichtern und Bankiers — kennt der durchschnittliche Besucher nach dem Heimflug kein einziges mehr. Die nasse Hose aus der Klappergasse vergisst er nie. Die Frau Rauscher, ob es sie nun gab oder nicht, hat damit erreicht, was Stadtmarketing mit Millionenbudgets selten gelingt: Sie ist unvergesslich. Ein Beulchen an der Stern, ein Strahl übers Pflaster, ein Lied für die Ewigkeit — mehr braucht eine Legende nicht. Höchstens noch einen Schoppen. Aber vom Ebbelwoi allein, das wissen wir ja, kann es nicht sein.

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