Apfelwein · Reportage
Wenn Rödelheim nach Äpfeln duftet: Keltersaison bei Possmann
Seit 1881 presst die Kelterei Possmann in Rödelheim Äpfel zu Apfelwein. Unsere Reportage begleitet einen Anliefertag der Saison 2025 — von der Annahme über die Pressen bis in die Gärkeller, in einem Herbst, der nach zwei mageren Jahren endlich wieder trug.
Es gibt Wochen im Jahr, da braucht man in Rödelheim keine Wegbeschreibung zur Kelterei. Man folgt einfach der Nase. Sobald im Spätsommer die ersten Anhänger voller Äpfel über die Straßen rollen, legt sich über das Viertel ein süßsaurer Duft aus Fruchtfleisch und beginnender Gärung, und wer ihm nachgeht, landet vor einer Backsteinfassade, hinter der seit 1881 dasselbe geschieht: Aus Äpfeln wird Apfelwein. Die Kelterei Possmann ist einer der größten Produzenten des Getränks überhaupt — und doch beginnt hier jede Saison so, wie sie auf jeder Streuobstwiese beginnt: mit einer Fuhre Äpfel und der Frage, was das Jahr wohl hergibt.
An diesem Morgen im Oktober steht die Antwort in Kisten und Kippanhängern auf dem Hof. Es ist kurz nach halb acht, über dem Asphalt hängt noch Dampf in der kalten Luft, und an der Annahme hat sich bereits eine kleine Schlange gebildet: Landwirte aus der Wetterau, ein Obsthof aus dem Taunus, dazwischen ein Rentner mit Anhängerkupplung und drei Dutzend Säcken vom eigenen Grundstück. Die Anlieferung ist das Herzstück der Saison und ihr geselligster Ort. Man kennt sich, man vergleicht — Mengen, Sorten, Wespenstiche —, und über allem liegt in diesem Herbst eine Erleichterung, die man mit Händen greifen kann. Denn 2025 ist, endlich wieder, ein Apfeljahr.
„Nach den letzten beiden Jahren war das hier Balsam", sagt ein Anlieferer aus dem Frankfurter Umland, während sein Anhänger langsam nach hinten kippt und zwei Tonnen Äpfel polternd in den Annahmetrichter rauschen. Die Vorjahre hatten der Region zugesetzt: Spätfröste in der Blüte, trockene Sommer, ausgezehrte Bäume — die Ernten fielen mager aus, und mancher Hochstamm trug fast nichts. Umso besser die Bilanz dieser Saison: Rund 7.000 Tonnen Äpfel hat Possmann in diesem Herbst verarbeitet, ein Ergebnis, das im Haus mit hörbarer Dankbarkeit vermeldet wird. Bemerkenswert ist, woher ein Teil davon kommt: Knapp 200 Privatleute haben zusammen etwa 100 Tonnen Äpfel angeliefert — Gartenbesitzer, Wiesenpächter, Erben alter Baumreihen, die ihr Obst nicht verkommen lassen wollen.

In der Waschstraße endet die Romantik — und beginnt das Handwerk
Hinter der Annahme übernimmt das Wasser. In einem Schwemmkanal treiben die Äpfel der Waschanlage entgegen, drehen sich, tauchen unter, kommen blank wieder hoch; Laub, Zweige und die Erinnerung an die Wiese bleiben im Rechen hängen. Was danach über das Förderband läuft, ist kein Stillleben mehr, sondern Rohstoff — und genau darin liegt die eigentümliche Doppelnatur dieses Betriebs. Auf der einen Seite: Streuobst, alte Sorten, Anlieferer mit Jutesäcken. Auf der anderen: Edelstahl, Durchsatz, Hygieneprotokolle. Wer die Halle betritt, in der die Mühlen und Bandpressen arbeiten, hört das Herz der Kelterei — ein gleichmäßiges, nasses Stampfen, das wochenlang kaum zur Ruhe kommt.
Ein Keltermeister, der seit über zwanzig Jahren durch diese Saisons geht, erklärt den Takt: Die Äpfel werden gemahlen, die Maische wird gepresst, der frische Most läuft in die Tanks — und all das muss schnell gehen, denn ein Apfel, der heute reif ist, ist nächste Woche Kompott. „Die Saison fragt nicht, ob es gerade passt", sagt er. „Wenn das Obst kommt, kommt es." In Spitzenwochen laufen die Pressen im Schichtbetrieb; was morgens noch auf dem Anhänger lag, ist abends Most. Etwa drei Viertel Liter Saft holt eine moderne Presse aus einem Kilo Äpfel, der Rest — der Trester — geht als Futter und Rohstoff weiter. Weggeworfen wird an einem Apfel wenig.
Der Weg des Mostes führt hinüber ins Tanklager, eine Kathedrale aus Edelstahl, in der es merklich kühler ist und deutlich stiller. Hier beginnt die eigentliche Verwandlung: Hefen — bei traditioneller Machart die wilden von der Schale, im großen Maßstab meist Reinzuchthefen — zerlegen den Fruchtzucker in Alkohol und Kohlensäure, und aus süßem Saft wird über Wochen jenes trockene, säurebetonte Getränk, das Frankfurt für sich beansprucht wie andere Städte ihr Bier. In den Gärkellern riecht es nach Hefe und grünem Apfel; an manchen Tanks kann man das leise Blubbern der Gärröhrchen hören, ein Geräusch wie ein sehr geduldiger Wasserkocher. Wer wissen will, was die Kelteräpfel von Tafelware unterscheidet und warum die herbe Frucht der Streuobstwiesen so wichtig ist, findet die Hintergründe in unserem Stück über den Speierling, die geheimnisvolle Würzzutat des Schoppens.
Man riecht die Saison, bevor man sie sieht: Über Rödelheim liegt im Herbst ein süßsaurer Duft, der sich an keinen Bebauungsplan hält.
Zwischen Tradition und Tanklaster liegt eine Gratwanderung
Possmann ist in Rödelheim eine Institution und zugleich ein Wirtschaftsunternehmen, das sich in einem schrumpfenden Markt behaupten muss. Der Apfelweinkonsum ist seit Jahrzehnten rückläufig, die Konkurrenz im Kühlregal groß, und die Rohstofffrage wird mit jedem trockenen Sommer drängender: Streuobstwiesen verschwinden, Hochstämme altern, und wer nachpflanzt, erntet erst in fünfzehn Jahren. Die Kelterei begegnet dem mit einem Spagat — hier die klassischen Schoppen für Wirtschaft und Supermarkt, dort neue Produkte für ein jüngeres Publikum, von der Schorle bis zum Cider-Ableger. Wie die ganze Branche gerade ihr Erbe neu sortiert, haben wir in der Reportage über die neue Apfelwein-Generation beschrieben.
Wie eng Kelterei und Stadtteil dabei verflochten sind, zeigt sich nicht nur an der Annahme. Das alljährliche Kelterfest im Herbst ist längst ein Rödelheimer Volksfest, zu dem tausende Besucher auf das Gelände strömen; Führungen durch Pressenhaus und Keller sind regelmäßig ausgebucht, und in den Schulklassen des Frankfurter Westens dürfte es wenige Kinder geben, die noch nie zugesehen haben, wie aus einem Apfel Saft wird. Diese Verwurzelung ist mehr als Folklore — sie ist ein Standortfaktor. Eine Kelterei, die mitten in der Stadt produziert, braucht Nachbarn, die den Anlieferverkehr im Herbst nicht als Zumutung empfinden, sondern als Jahreszeit. In Rödelheim, so scheint es, ist das nach fast anderthalb Jahrhunderten gelungen: Der Duft gehört hier zum Kalender wie das Läuten der Kirchenglocken.
Zur Gratwanderung gehört auch die Logistik. Die Anlieferung aus der Region ist das emotionale Kapital des Hauses, aber sie deckt den Bedarf eines Großbetriebs nicht allein; in schwachen Jahren muss Obst aus weiterem Umkreis zugekauft werden, und die Disposition wird zur Kunstform. In einem guten Jahr wie diesem dreht sich das Verhältnis erfreulich zurück Richtung Region — die Annahme in Rödelheim, sagen sie hier, sei diesen Herbst so lebendig gewesen wie lange nicht. Man glaubt es sofort, wenn man am Nachmittag noch einmal über den Hof geht: Wieder rangiert ein Anhänger, wieder poltern Äpfel, und an der Waage wird gefachsimpelt, als hinge vom Zuckergehalt dieser Fuhre das Wohl der Stadt ab. Ein bisschen tut es das ja auch.

Der neue Jahrgang entscheidet sich im Keller, nicht auf dem Etikett
Was von einer Saison bleibt, zeigt sich erst Monate später, wenn der junge Wein von der Hefe gezogen, filtriert und verschnitten wird. Der Verschnitt ist das eigentliche Meisterstück der Kellerarbeit: Ein Apfelwein, der jedes Jahr gleich schmecken soll, muss aus Jahrgängen komponiert werden, die nie gleich sind — mal säurebetont, mal mild, mal dünn, mal üppig. Die Keltermeister verkosten sich durch die Tanks wie Lektoren durch Manuskripte, und was am Ende auf die Flasche kommt, ist weniger ein Naturprodukt als ein Versprechen: dass der Schoppen im Gerippten heute so schmeckt wie in der Erinnerung. Wie gut das den großen Häusern der Region gelingt, haben wir übrigens im Sommer nachgeprüft — im Test von sechs Apfelweinen aus dem Supermarktregal.
Am frühen Nachmittag läuft in der Abfüllhalle die Anlage an. Flaschen klirren im Takt über das Band, werden gespült, befüllt, verschlossen, und im warmen Licht der Halle sieht das für einen Moment aus wie das, was es ist: das Ende einer Ernte und der Anfang von tausenden Abenden — in Wirtsgärten, an Küchentischen, auf Balkonen mit Blick auf die Skyline. Draußen auf dem Hof kippt derweil der nächste Anhänger. Die Saison kennt keine Sentimentalität, nur Nachschub.

Wenn im Advent die letzten Tanks vergoren sind und der Duft über Rödelheim langsam verfliegt, beginnt für die Kelterei das stille Halbjahr: pflegen, verschneiden, abfüllen, warten. Und irgendwo in der Wetterau, im Taunus, am Stadtrand stehen die Bäume kahl im Frost und arbeiten schon am nächsten Jahrgang. Es ist ein altmodisches Geschäft, das sich an Rhythmen hält, die älter sind als jede Bilanz — und vielleicht liegt genau darin seine Zukunft. Solange es im Herbst in Rödelheim nach Äpfeln duftet, ist um dieses Getränk nicht bange.
Mehr aus Apfelwein
Alle Artikel →Apfelwein · Reportage
Trockener Sommer, zähe Bäume: Streuobsternte am Lohrberg
Reportage von der Streuobsternte am Lohrberg: Nach mageren Jahren trägt 2025 wieder — doch trockene Sommer setzen Frankfurts alten Hochstämmen weiter zu.
Apfelwein · Reportage
CiderWorld 2026: Die Welt trinkt Apfelwein im Palmengarten
Reportage von der CiderWorld 2026 im Palmengarten: 250 Apfelweine und Cider aus aller Welt — und die Frage, wie sich das Stöffche im Vergleich schlägt.
Apfelwein · Getestet
Die 12 besten Apfelweinlokale in Sachsenhausen — getestet
Apfelweinlokale in Sachsenhausen im Test: 12 Wirtschaften, anonym besucht und selbst bezahlt — mit Verdikt der Redaktion, Preisen und allen Adressen.

