Stadtleben · Portraet
Stadtoriginale: Frankfurter Gesichter, die man nicht vergisst
Jede Stadt hat sie: Menschen, die zum Inventar gehören, ohne je berühmt zu sein. Eine Annäherung an Frankfurts Stadtoriginale — und die Frage, warum es immer weniger von ihnen gibt.
Es gibt Menschen in dieser Stadt, deren Namen man nicht kennt und deren Gesicht man trotzdem sofort erkennt. Die Frau, die seit Jahrzehnten am selben Marktstand steht. Der Mann am Wasserhäuschen, der jeden Stammkunden mit seiner Bestellung begrüßt, bevor der sie ausgesprochen hat. Der ältere Herr, der jeden Morgen auf derselben Bank am Günthersburgpark sitzt und das Viertel wie ein Uhrwerk kontrolliert. Sie sind das lebende Inventar Frankfurts, seine Stadtoriginale.
Was macht ein Stadtoriginal aus? Nicht Berühmtheit, nicht Leistung im üblichen Sinn, sondern Beständigkeit. Es ist der Mensch, der bleibt, während sich rundum alles ändert. Er wird zum festen Punkt in einer Stadt der Bewegung, zum Bezugspunkt einer Nachbarschaft. Man verabredet sich an ihm, man erzählt von ihm, man vermisst ihn, wenn er einmal nicht da ist.
Am ausgeprägtesten findet man diese Figuren dort, wo sich das Straßenleben verdichtet. Am Büdchen, dem Frankfurter Wasserhäuschen, das mehr ist als ein Kiosk: ein sozialer Umschlagplatz, an dem sich die Nachbarschaft trifft, austauscht, ein Feierabendbier trinkt. Schätzungsweise noch rund 300 dieser Häuschen zählt das Stadtgebiet, von einst weit mehr — an der Friedberger Landstraße im Nordend ebenso wie an den Ecken von Bockenheim und dem Gallus. Über diese Institution und die Menschen dahinter haben wir im Porträt des Wasserhäuschens geschrieben.

Wer bleibt, wird zur Figur
Das Stadtoriginal entsteht durch Zeit. Man wird nicht dazu ernannt, man wächst hinein, Jahr um Jahr, bis man selbst nicht mehr wegzudenken ist vom Bild der Straße. Die Marktfrau in der Kleinmarkthalle an der Hasengasse, die schon der eigenen Mutter die Kartoffeln verkauft hat. Der Wirt in einem der Apfelweinlokale von Alt-Sachsenhausen, der das halbe Viertel beim Vornamen kennt. Diese Kontinuität ist ein Geschenk an die Gemeinschaft, denn sie stiftet Erinnerung. In einer anonymen Großstadt weiß hier jemand, wer man ist.
Nirgends sieht man das besser als auf den Wochenmärkten. Auf dem Erzeugermarkt an der Konstablerwache, der sich donnerstags und samstags füllt, oder auf dem Wochenmarkt in Bornheim rund um das Uhrtürmchen kennen sich Händler und Kundschaft oft über Generationen. Man kauft nicht nur Äpfel und Handkäs, man tauscht Neuigkeiten aus — und wer lange genug am selben Stand steht, wird selbst zum Fixpunkt. Die Frankfurter Wochenmärkte sind so etwas wie die letzten großen Bühnen für Stadtoriginale.
Manche Originale sind über ihr Viertel hinaus bekannt geworden und haben es bis in die Frankfurter Folklore gebracht. Ein Denkmal wie die Frau Rauscher, deren Brunnenfigur in der Klappergasse in Alt-Sachsenhausen bis heute Passanten mit Wasser bespritzt, zeigt, wie tief solche Figuren im kollektiven Gedächtnis verankert sein können — halb Legende, halb Nachbarin. Die meisten aber bleiben lokal, bekannt nur im Umkreis weniger Straßen, und genau das macht ihren Reiz aus.
Ein Stadtoriginal wird man nicht, indem man auffällt — sondern indem man bleibt.
Die Redaktion
Doch die Stadtoriginale werden weniger, und die Gründe sind dieselben, die überall die alten Strukturen erodieren. Steigende Mieten verdrängen die kleinen Läden und mit ihnen die Menschen, die sie führten. Ganze Milieus ziehen weiter oder verschwinden. Wo früher ein Original an der Ecke stand, ist heute eine Filiale, austauschbar und ohne Gesicht. Die Beschleunigung der Stadt frisst ihre Konstanten.
Erinnerung, die bleibt
Und doch verschwinden sie nicht ganz. Stadtoriginale leben in Anekdoten fort, in Geschichten, die man sich erzählt, manchmal sogar in Straßennamen und Brunnenfiguren. Sie werden Teil jener Folklore, die Frankfurt von der austauschbaren Kulisse anderer Großstädte abhebt. Wer den Spuren dieser Figuren durch die Straßennamen folgt, entdeckt eine Stadt, die sich an ihre Menschen erinnert.
Vielleicht ist das der Trost. Ein Stadtoriginal geht, aber die Stadt vergisst es nicht so schnell. Am Wasserhäuschen an der Ecke wird noch lange erzählt, wie es früher war, wer hier stand und was er sagte. Solange diese Geschichten weitergehen, lebt auch das Original weiter, als Teil des Gedächtnisses eines Viertels.
Man sollte sie schätzen, solange sie da sind. Das nächste Mal am Büdchen, am Marktstand, an der Bank vor dem Haus lohnt es sich, genauer hinzusehen. Vielleicht steht dort gerade eines dieser Gesichter, die man nicht vergisst — und die man erst vermisst, wenn sie fort sind. Frankfurt ist ohne sie ärmer, als seine Bilanzen es je zeigen könnten.
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