Stadtleben · Reportage

Bauernmarkt an der Konstablerwache: Der Treffpunkt der Stadt

Zweimal die Woche verwandelt sich der Platz in einen Marktplatz im Wortsinn. Zwischen Apfelwein-Ständen und Gemüsekisten trifft sich hier ein ganzes Frankfurt.

Von Selin Aydın 4 Min. Lesezeit
Belebter Wochenmarkt auf einem großen Stadtplatz, Marktstände mit Gemüse und Blumen, Menschen im Gegenlicht.
01Konstablerwache, 17:30 Uhr— Gegen Feierabend wird aus dem Verkehrsknoten ein Treffpunkt: erst der Einkauf, dann der Schoppen.Foto: Zeit Frankfurt

An Markttagen ändert die Konstablerwache ihren Aggregatzustand. Die meiste Zeit der Woche ist sie ein Verkehrsknoten, ein Ort des Durchquerens, an dem sich U-Bahn, S-Bahn und Straßenbahn kreuzen und die Menschen vor allem eines wollen: weiter. Doch donnerstags und samstags wachsen Pavillons aus dem Pflaster, Kisten stapeln sich, die Marktwagen parken quer – und aus der Durchgangsfläche wird ein Platz im eigentlichen Sinn, einer, an dem man verweilt.

Der Bauernmarkt an der Konstablerwache gehört zu den bekanntesten der Stadt, und das liegt nicht allein am Sortiment. Natürlich gibt es hier alles, was ein Wochenmarkt bieten muss: Gemüse aus dem Umland, Käse von kleinen Hofmolkereien, Blumen, Brot, Fleisch vom Metzger, der seine Tiere kennt. Aber der eigentliche Grund, warum sich der Platz vor allem am Donnerstag bis in den Abend füllt, steht in kleinen Gläsern auf den Theken.

Denn wenn anderswo längst Feierabend ist, wird der Markt hier erst richtig lebendig und zum Ritual. Wer mag, trifft sich zwischen den Ständen auf einen Schoppen, ein Glas Wein, eine Bratwurst. Man steht in losen Trauben, kennt sich, kennt sich nicht, kommt ins Gespräch. Der Markt ist dann weniger Einkaufsstätte als Bühne des Stadtlebens.

Nahaufnahme eines Standes mit Äpfeln in Holzkisten und einem gefüllten Glas Apfelwein daneben.
02Erzeugerstand, 15:05 Uhr— Äpfel aus dem Umland, ein Schoppen daneben: Wer hier kauft, kennt oft den Hof beim Namen.Foto: Zeit Frankfurt

Direkt vom Hof

Hinter den Ständen stehen Menschen, die morgens noch auf dem Acker waren. Der Direktverkauf ist das Versprechen dieses Marktes: kurze Wege, saisonale Ware, ein Gesicht zur Gurke. Wer regelmäßig kommt, kauft nicht bei einer Marke, sondern bei einem Bauern, dessen Namen er kennt, dessen Ware er einzuschätzen weiß und mit dem er über das Wetter fachsimpelt, als hinge die eigene Ernte davon ab.

An einem der Erzeugerstände türmen sich um diese Jahreszeit Bundzwiebeln und Kohlrabi mit noch feuchter Erde am Strunk, daneben flache Steigen mit den ersten Zwetschgen. Die Frau hinter der Waage wiegt nicht nur ab, sie berät: welche Tomate in den Salat gehört und welche in die Soße, was in dieser Woche wirklich reif ist und was man besser noch ein paar Tage reifen lässt. Wenige Schritte weiter bündelt ein Gärtner die sieben Kräuter für die Grüne Soße, wie es die Oberräder Gärtnereien seit Generationen tun. Solche Auskünfte bekommt man an keiner Supermarktkasse.

Diese Nähe ist in einer Großstadt keine Selbstverständlichkeit, und sie erklärt, warum die Frankfurter ihre Märkte so hüten. Von der Konstablerwache über die Bockenheimer Warte bis nach Höchst spannt sich ein Netz von Markttagen durch die Woche; einen Überblick geben wir in unserem Text zu den Wochenmärkten der Stadt. Wer es überdacht und ganzjährig mag, findet in der Kleinmarkthalle das Pendant unter Dach.

Man kommt für den Salat und bleibt für die Menschen – so funktioniert dieser Markt.

Die Redaktion

Doch der Markt an der Konstablerwache hat eine eigene soziale Physik. Aus den Büros rund um die Zeil kommen Angestellte mit gelockerter Krawatte, aus dem angrenzenden Nordend Familien mit Lastenrad, dazwischen Stammgäste, die seit Jahren am selben Fleck stehen und die Standleute beim Vornamen kennen. Der Apfelwein ist der große Gleichmacher: Vor einem Schoppen sind alle erst einmal nur durstig.

Ein Platz, der die Stadt spiegelt

Man kann an einem solchen Nachmittag viel über Frankfurt lernen, wenn man nur zuhört. Es geht um Mieten und Fußball, um den Ausbau der Straßenbahn und den alten Streit, ob der Handkäs mit oder ohne Zwiebeln der bessere sei. Der Markt ist ein Ort des Beiläufigen, und genau darin liegt sein Wert. Er stiftet Gemeinschaft, ohne sie zu verordnen. Man muss nichts, man darf nur.

Gegen Abend, wenn die Zeil sich leert und über den Ständen die ersten Lichter angehen, hält der Markt am längsten durch. Einige Händler beginnen schon abzubauen, doch die Gläser sind noch voll, die Gespräche noch nicht zu Ende. Erst spät rollen die Wagen wieder davon, und die Konstablerwache wird zurückverwandelt in das, was sie den Rest der Woche ist: ein Platz, über den man geht, um woanders hinzukommen.

Bis zum nächsten Markttag. Dann wächst wieder aus dem Pflaster, was diese Stadt im Innersten zusammenhält – kein Turm, keine Fassade, sondern ein paar Pavillons, ein paar Kisten und die schlichte Verabredung, sich zu treffen. Der Bauernmarkt an der Konstablerwache ist Frankfurts größte Wohnküche unter freiem Himmel.

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