Damals · Kolumne

Bleidenstraße, Buchgasse, Fahrgasse: Was Straßennamen erzählen

Frankfurts Altstadtpläne sind ein Geschichtsbuch, das jeder täglich liest, ohne es zu merken. Die Kolumne dekodiert, was Bleidenstraße, Buchgasse und Fahrgasse verraten — Auftakt einer Serie über die Namen dieser Stadt.

Von Johanna Roth 7 Min. Lesezeit
Blick in die Fahrgasse mit alten und neuen Fassaden im morgendlichen Streiflicht als breites Panorama.
01Fahrgasse, 8:15 Uhr— Morgenlicht zwischen alten und neuen Fassaden — der Name dieser Straße ist Jahrhunderte älter als jedes Haus an ihr.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt ein Geschichtsbuch über Frankfurt, das jeder in dieser Stadt täglich liest, ohne es zu merken. Es hängt in Augenhöhe an Hauswänden, weiß auf blau, und seine Kapitel heißen Bleidenstraße, Buchgasse, Fahrgasse. Ich gestehe: Ich habe jahrelang an diesen Schildern vorbeigelebt wie an Möblierung. Bis mich an einem Aprilmorgen auf der Bleidenstraße die Frage ansprang, die diese Kolumne begründet — was, bitte, ist eigentlich eine Bleide? Die Antwort führte tief ins Mittelalter, und seither lese ich diese Stadt anders. Kommen Sie mit, es dauert nur einen Spaziergang.

Also: Die Bleide, auch Blide, war eine mittelalterliche Wurfmaschine — ein Katapult, mit dem Belagerer Steine über Mauern schleuderten und Belagerte zurück. Dass eine unscheinbare Einkaufsstraße zwischen Hauptwache und Liebfrauenberg nach schwerem Kriegsgerät heißt, erzählt in einem einzigen Wort, wo die Stadt einmal aufhörte: Hier verlief die staufische Befestigung, hier lagerte oder wirkte, was der Verteidigung diente, und als Mauern und Maschinen längst verschwunden waren, blieb der Name einfach liegen wie ein vergessenes Werkzeug. Straßennamen sind zäher als das, was sie bezeichnen — das ist die erste Lektion dieses Spaziergangs, und es wird nicht die letzte sein.

Die ältesten Namen beschreiben einfach, was da war

Die Altstadt benannte ihre Gassen nicht nach Verdiensten, sondern nach Tatsachen. Die Fahrgasse, einst die wichtigste Nord-Süd-Achse der Stadt, führte den Verkehr — das „Fahren" — hinunter zur Mainquerung, erst zur Furt und Fähre, dann zur Alten Brücke; wer im Mittelalter von Norden nach Süden durch Frankfurt wollte, wollte durch diese Gasse. Entsprechend wohnten hier Händler, Wechsler, später Antiquare; entsprechend endet sie am Fahrtor, das denselben Wortstamm im Namen trägt. Der Weckmarkt beim Dom verkaufte Wecke, also Brötchen. Auf dem Roßmarkt wurden Pferde gehandelt, auf dem Kornmarkt Getreide, in der Töngesgasse stand das Kloster der Antoniter — Tönges ist die hessische Kurzform von Antonius, so wie aus dem heiligen Nikolaus am Ende der Klaas wurde. Die Stadt war ein Organismus, und ihre Straßennamen waren die Beschriftung seiner Organe.

Mein Lieblingskapitel dieser Sachlichkeit ist die Buchgasse zwischen Berliner Straße und Leonhardskirche. Hier, in Rufweite des Mains, saßen in der Frühzeit des Buchdrucks Drucker, Verleger und Buchführer — fahrende Buchhändler, die zur Messezeit ihre Ballen in die Stadt brachten. Bevor die Buchmesse zu Hallen und Hostessen kam, war sie ein Gassengeschäft, und diese Gasse war ihr Adressbuch. Dass Frankfurt heute jeden Oktober die Verlagswelt empfängt, steht also längst im Stadtplan — man muss nur wissen, wo. Ähnliches gilt für die Neue Kräme: Kräme kommt von Kram, und Kram war kein Gerümpel, sondern ehrbare Handelsware in den Buden der Krämer, aufgereiht auf dem Weg zum Römer.

Wer Straßennamen lesen kann, braucht kein Stadtmuseum — die Altstadt erzählt sich selbst.

Manche Namen überlebten ihre Straßen — andere wurden ermordet

Der Bombenkrieg von 1944 hat die Altstadt ausgelöscht, aber den Namen erstaunlich wenig anhaben können. Als die Stadt wieder aufgebaut wurde — breiter, autogerechter, mit Zeilenbauten statt Fachwerk —, kehrten viele alte Namen auf neue Straßen zurück, die mit ihren Vorgängerinnen kaum noch die Richtung gemeinsam hatten. Die heutige Fahrgasse ist ein Schatten ihrer selbst, der Verkehr rauscht längst über die parallele Kurt-Schumacher-Straße; die Bleidenstraße kennt weder Mauer noch Maschine. Und doch halten die Schilder die Erinnerung wie Grabsteine über verschwundenen Häusern. Es gibt aber auch die dunklere Variante dieser Geschichte: Namen, die getilgt wurden, während die Straße blieb. Die alte Judengasse, im 19. Jahrhundert nach ihrem berühmtesten Sohn in Börnestraße umbenannt, verlor diesen Namen 1935 — die Nationalsozialisten wollten keinen jüdischen Schriftsteller im Stadtplan. Heute erinnert dort der Börneplatz an beides: an den Mann und an die Auslöschung. Straßennamen sind eben nie nur Adressen; sie sind Beschlüsse darüber, wer erinnert werden darf.

Wobei die Stadt beim Erinnern durchaus Humor beweist. Der Große Hirschgraben, Goethes Geburtsadresse, heißt nach dem Stück Stadtgraben, in dem der Rat tatsächlich Hirsche halten ließ — ein herrschaftliches Gehege in der Verteidigungsanlage, gewissermaßen Wildpark und Wehrtechnik in einem. Und der Liebfrauenberg ist gar kein Berg, sondern eine sanfte Erhebung von wenigen Metern, die es in dieser flachen Altstadt immerhin zu einem eigenen Titel gebracht hat. Wer von dort über die Zeil schlendert — benannt schlicht nach der Häuserzeile, die sie einmal war —, läuft übrigens durch den ältesten Beweis, dass aus bescheidenen Namen große Karrieren werden können: von der Häuserreihe am Stadtrand zur meistbesuchten Einkaufsstraße des Landes.

Eine eigene Gattung sind schließlich die Namen, die von Häusern auf Straßen übersprangen. Bevor es Hausnummern gab, trugen Frankfurter Häuser Zeichen und Namen — steinerne Hausmarken, gemalte Tiere, Schilde —, und manche Gasse übernahm kurzerhand den Namen ihres bekanntesten Hauses. So wird etwa die Hasengasse auf ein altes Haus „Zum Hasen" zurückgeführt: kein Jagdrevier also, sondern ein Wirtshausschild, das es in den Stadtplan schaffte. Die Häuser sind längst verschwunden, ihre Namen hoppeln weiter.

Eine verwitterte Hausfassade mit zugemauertem historischem Torbogen im warmen Seitenlicht.
02Altstadt, 9:30 Uhr— Ein zugemauerter Bogen, ein alter Name: Die Stadt überschreibt sich ständig selbst — und vergisst dabei selten ganz.Foto: Zeit Frankfurt

Zwischen Dom und Römer wird der Stadtplan zur Prozessionsordnung

Steinerne Hausmarke mit Relief über einem alten Portal, im Streiflicht plastisch herausmodelliert.
03Braubachstraße, 10:05 Uhr— Bevor es Hausnummern gab, sprachen die Häuser in Zeichen — und aus den Zeichen wurden Namen.Foto: Zeit Frankfurt

Am dichtesten wird das Namensgeflecht dort, wo Frankfurt am ältesten ist: zwischen Dom und Römer. Hier erzählen die Namen nicht vom Handel, sondern von der großen Politik. Über den Markt — so hieß die Gasse schlicht und selbstbewusst — zogen die frisch gekrönten Kaiser vom Dom zum Festmahl; unser Guide zum Krönungsweg läuft die Strecke in zehn Stationen ab. Warum überhaupt Kaiser in Frankfurt gewählt wurden, regelte die Goldene Bulle von 1356, und auch sie hat ihre Spur im Straßenbild: Der Römerberg und der Römer selbst tragen einen Namen, dessen Herkunft bis heute nicht restlos geklärt ist — vielleicht nach Kaufleuten, die mit Rom handelten, vielleicht nach älteren Vorstellungen vom römischen Erbe. Ich mag diese Lücke: Ausgerechnet das berühmteste Namensschild der Stadt behält sein Geheimnis für sich.

Und dann sind da die Namen, die keine Behörde je beschlossen hat. Die Fressgass heißt amtlich Große Bockenheimer Straße; ihren wahren Namen bekam sie im 19. Jahrhundert vom Volksmund verliehen, als sich zwischen Opernplatz und Börse die Metzger, Bäcker und Delikatessenhändler drängten. Der Spitzname war als Spott gemeint und wurde zur Liebeserklärung — heute steht er auf offiziellen Schildern, der seltene Fall einer Beförderung vom Witz zum Amtstitel. In Sachsenhausen wiederum verdankt die Klappergass ihren Klang angeblich den klappernden Handwerken und Holzschuhen ihrer Bewohner; besungen wird sie bis heute in jedem Apfelweinlokal, was man einen gelungenen zweiten Bildungsweg nennen darf.

Lesen Sie selbst — die Stadt liegt aufgeschlagen da

Zum ehrlichen Lesen gehört freilich auch das Kapitel der Verluste. Der Wiederaufbau hat nicht nur Häuser gekostet, sondern ganze Gassen samt Namen: Unter den breiten Schneisen der Nachkriegszeit — allen voran der Berliner Straße — liegen die Trassen alter Altstadtgassen, deren Namen nur noch in Archiven und auf Vorkriegsplänen existieren. Wer einen solchen Plan neben den heutigen Stadtplan legt, erlebt eine eigentümliche Doppelbelichtung: ein dichtes Geflecht aus Dutzenden Gassennamen, überdeckt von einer Handvoll breiter Striche. Auch das erzählen Straßennamen — durch ihre Abwesenheit.

Was bleibt nach diesem ersten Spaziergang? Vielleicht dies: Frankfurt gilt als geschichtsvergessene Stadt, und die Skyline scheint das täglich zu beweisen. Aber das Urteil hält der Nagelprobe nicht stand, sobald man die Schilder liest. In den Straßennamen hat sich die alte Stadt vollständiger erhalten als in ihren Steinen — die Wehranlagen in der Bleidenstraße, der Buchhandel in der Buchgasse, der Verkehr in der Fahrgasse, die Frömmigkeit in der Töngesgasse, der Appetit auf der Fressgass. Man muss kein Archiv besuchen, um das zu prüfen. Ein Umweg auf dem Heimweg genügt, der Blick nach oben statt aufs Telefon.

Abendstimmung auf der Fressgass, Menschen als Silhouetten vor warm erleuchteten Ladenfronten.
04Fressgass, 20:30 Uhr— Offiziell Große Bockenheimer Straße, im Herzen aller Fressgass: Manche Namen vergibt keine Behörde, sondern der Appetit.Foto: Zeit Frankfurt

Diese Kolumne wird deshalb wiederkommen und sich künftig einzelne Namen vornehmen — die rätselhaften, die rührenden, die umkämpften. Bis dahin gebe ich Ihnen die Frage mit, mit der alles begann, nur in Ihrer Variante: Wissen Sie eigentlich, was der Name Ihrer Straße erzählt? Falls nein — Sie wohnen vermutlich spannender, als Sie denken.

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