Stadtteile · Porträt

Am Wasserhäuschen: Eine Schicht am Büdchen im Ostend

Von 6:20 Uhr bis kurz vor Mitternacht: eine komplette Schicht an einem Wasserhäuschen im Ostend. Zwischen Frühschicht-Kaffee, Schulkindern und Feierabendbier zeigt sich, warum die Büdchen Kiosk, Nachbarschaftstreff und Seelsorge zugleich sind.

Von Lukas Schardt 7 Min. Lesezeit
Ein Frankfurter Wasserhäuschen im warmen Abendlicht, davor Stehtische und Gäste als Silhouetten.
01Ostend, 19:40 Uhr— Abendlicht am Büdchen: An den Stehtischen beginnt die dritte Schicht des Tages — die gesellige.Foto: Zeit Frankfurt

Um 6:20 Uhr rasselt im Ostend ein Rollladen nach oben, und für die nächsten siebzehn Stunden hat die Straße wieder eine Mitte. Der Mann, der ihn hochschiebt, betreibt sein Wasserhäuschen seit vierzehn Jahren; seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, also bleibt es beim Vornamen, den hier ohnehin alle rufen: Cem. Er stellt zwei Klapptische auf, klemmt die Sonnenschirmkurbel fest, schaltet die Kaffeemaschine an. Der erste Kunde steht schon da, bevor das Wechselgeld gezählt ist — ein Bauarbeiter von der Hanauer Landstraße, der wortlos zwei Euro hinlegt und wortlos seinen Becher bekommt. Manche Bestellungen sind so alt, dass sie keine Sprache mehr brauchen.

Wer verstehen will, wie Nachbarschaft in Frankfurt funktioniert, kann Soziologie studieren — oder sich einen Tag lang neben Cems Tresen stellen. Das Wasserhäuschen, andernorts Trinkhalle oder Büdchen genannt, ist die Frankfurter Urform des Kiosks: ein begehbarer Schrank mit Fenster, kaum zehn Quadratmeter, aus dem heraus seit weit über hundert Jahren verkauft wird, was das Viertel gerade braucht. Früher war das buchstäblich Wasser. Heute ist es fast alles andere.

Der Morgen gehört den Leisen

Zwischen halb sieben und neun läuft die Frühschicht: Handwerker, Pflegekräfte auf dem Heimweg von der Nachtschicht, Büroleute auf dem Weg zur Straßenbahn. Gekauft werden Kaffee, Zeitungen, Zigaretten, das schnelle belegte Brötchen aus der Kühlvitrine. Gesprochen wird wenig, aber nicht nichts: ein Kommentar zum Wetter, eine Frage nach dem kranken Vater, ein Nicken. „Morgens merkst du sofort, wenn bei jemandem was nicht stimmt", sagt Cem. „Der Kaffee ist derselbe, aber das Gesicht ist anders." Er sagt das ohne Pathos, so wie andere Leute über Warenwirtschaft reden. Es ist Teil des Geschäfts: Wer täglich dieselben vierzig Menschen bedient, führt nebenbei Buch über den Zustand der Straße.

Gegen zehn wird es still, und die unsichtbare Arbeit beginnt. Cem räumt Getränkekisten, nimmt Lieferungen an, füllt die Süßigkeitengläser auf, die im Fenster stehen wie ein Museum der Kindheit: saure Schlangen, Brausestäbchen, Kaugummikugeln. Dazwischen klingelt es doch wieder: Eine Nachbarin holt das Paket ab, das der Bote gestern bei ihm gelassen hat — natürlich nimmt er Pakete an, für den halben Häuserblock. Ein älterer Herr kauft ein Los, bleibt zwanzig Minuten und erzählt vom Krankenhaus. Ein Radfahrer braucht Luft für den Reifen; die Pumpe lehnt hinter der Tür. Nichts davon steht auf einer Preisliste. Alles davon gehört zum Sortiment.

Zwei Hände reichen eine Glasflasche über den schmalen Holztresen eines Kiosks, die Gesichter bleiben außerhalb des Bildes.
02Ostend, 13:15 Uhr— Der Tresen ist kaum vierzig Zentimeter tief — und trotzdem der wichtigste Verhandlungstisch der Straße.Foto: Zeit Frankfurt

Erfunden wurde das Büdchen als Gegenmittel

Die Geschichte der Wasserhäuschen beginnt im 19. Jahrhundert, als Frankfurt Industriestadt wurde und der Branntwein in den Arbeitervierteln zum Problem. Die Häuschen entstanden als Ausschankstellen für Mineral- und Sodawasser — buchstäblich als Gegenmittel, gestützt von einer Obrigkeit, die den Arbeitern die Alternative zum Schnaps direkt an den Fabrikweg stellen wollte. Aus dem Wasserverkauf wurde bald ein Handel mit allem, was der Tag verlangt, und aus den Buden eine Institution mit eigenen Ritualen: der Verkauf durchs Fenster, die Stehtische auf dem Gehweg, die Erlaubnis, auch dann zu öffnen, wenn andere Läden längst geschlossen hatten. Wie diese Kultur zwischen Kult und Kampf bis heute überlebt hat, erzählt unser Stück über Frankfurts Kioskkultur ausführlicher.

Zur Blütezeit gab es in Frankfurt mehrere Hundert dieser Häuschen; Schätzungen für heute schwanken, je nachdem, was man mitzählt, liegen aber deutlich darunter. Viele Buden fielen dem Autoverkehr zum Opfer, andere den Supermärkten, den Tankstellen, zuletzt dem Lieferdienst. Dass die Kurve sich zuletzt stabilisiert hat, liegt an einer Generation, die das Büdchen neu entdeckt: als Gegenprogramm zur durchgestylten Gastronomie, als günstigsten Außenplatz der Stadt, als Ort, an dem niemand fragt, ob man reserviert hat. Es gibt Kiosk-Festivals, Fotobände, Stadtführungen; es gibt junge Betreiberinnen und Betreiber, die alte Häuschen übernehmen und behutsam weiterführen. Was rechtlich und wirtschaftlich dahintersteckt, haben wir im Ratgeber zum eigenen Kiosk aufgeschrieben.

Ein Wasserhäuschen ist der einzige Ort, an dem die ganze Straße denselben Tresen teilt.

Über die Ökonomie seines Standes redet Cem so offen wie über alles andere: Reich wird am Büdchen niemand. Die Margen auf Getränke und Süßes sind schmal, Tabak und Lotto bringen Frequenz, aber kaum Spanne, und die Öffnungszeiten, die das Modell tragen, trägt am Ende ein einzelner Rücken — seiner, sechs Tage die Woche, im Sommer sieben. Die Konkurrenz schläft nicht, sie liefert: Spätkauf-Apps, Supermärkte mit langen Abenden, Tankstellenshops. Was das Wasserhäuschen dagegenhält, lässt sich nicht in den Kassenbericht schreiben. „Die App bringt dir das Bier", sagt Cem, „aber sie fragt nicht, wie die Reha war." Es ist das Geschäftsmodell Beziehung — und es funktioniert nur, solange jemand die siebzehn Stunden steht.

Nachmittags regiert das Kleingeld

Um kurz nach halb zwei ändert sich die Taktung. Die ersten Schulranzen tauchen auf, und für zwei Stunden ist das Wasserhäuschen wieder das, was es für Generationen von Frankfurter Kindern war: die erste eigene Einkaufserfahrung. Cem kennt die Choreografie — das lange Beraten vor den Gläsern, das Zählen der Münzen auf dem Tresen, die große Frage, ob es für die Brausekette noch reicht. Er wartet geduldig, rechnet großzügig zugunsten der Kundschaft und behält gleichzeitig den Überblick, wer da eigentlich in welche Richtung nach Hause geht. „Die Eltern wissen, dass ich hingucke", sagt er. Man kann das sentimental finden. Man kann es auch nüchtern betrachten: Ein besetztes Büdchen ist soziale Kontrolle in ihrer freundlichsten Form, ein Auge auf der Straße, zwölf Stunden am Tag, ganz ohne Kamera.

Das vollgeräumte Fenster eines Wasserhäuschens mit Süßigkeitengläsern, Zeitungsstapeln und Kaugummidosen, hochkant fotografiert.
03Ostend, 15:50 Uhr— Das Sortiment im Fenster ist über Jahre gewachsen — jede Ebene erzählt von einer anderen Kundschaft.Foto: Zeit Frankfurt

Zwischendurch, in einer ruhigen Viertelstunde, deutet Cem auf die Umgebung: das Gerüst am Eckhaus, die sanierte Fassade gegenüber, der neue Kaffeeladen zwei Straßen weiter. Das Ostend, so viel ist sicher, ist nicht mehr das Viertel, in dem sein Vorgänger das Häuschen führte — die EZB hat das Quartier verändert, die Mieten steigen, die Kundschaft mischt sich neu. Er sagt das ohne Klage; die neuen Nachbarn kaufen schließlich auch Wasser, Wein und Gummibärchen. Was ihn umtreibt, ist etwas anderes: dass mit jeder Bude, die schließt, ein Stück der Infrastruktur verschwindet, die ein Viertel erst zum Viertel macht. Wie sehr sich die Gegend zwischen Zoo, Hafenpark und EZB gewandelt hat, zeigt unser Ostend-Guide — das Wasserhäuschen kommt darin vor, natürlich.

Abends wird der Gehweg zum Wohnzimmer

Ab sechs füllen sich die Stehtische. Es beginnt mit zwei Kollegen vom Bau, die ihr Feierabendbier im Stehen trinken, dann kommen die Hundebesitzer, die Jogger, die Paare auf dem Weg vom Main. Um acht stehen fünfzehn Menschen um zwei Klapptische, die einander vor einem Jahr noch nicht kannten und sich jetzt Werkzeug leihen. Das Flaschenbier kostet deutlich weniger als in jeder Bar, aber darum geht es nur zur Hälfte. Es geht um die Lizenz zum Herumstehen: Das Wasserhäuschen ist der einzige Ort der Stadt, an dem man ohne Anlass, ohne Verzehrzwang und ohne Verabredung einfach dazutreten darf. Die Soziologie nennt so etwas einen dritten Ort. Die Straße nennt es: ans Büdchen gehen.

Gegen elf dreht Cem die Außenbeleuchtung ab, das universelle Zeichen. Der letzte Gast — es ist der Bauarbeiter vom Morgen, der Kreis schließt sich — stellt seine Flasche in die Kiste und hebt zwei Finger zum Abschied. Rollladen runter, Schloss, Feierabend nach fast siebzehn Stunden. Was hat er verkauft an diesem Tag? Ein paar Hundert Kaffee, Zeitungen, Lose, Limonaden und Feierabendbiere. Was hat er geleistet? Eine Paketstation ersetzt, eine Sorgenhotline, einen Schulweghüter, ein Ortsgespräch. In der amtlichen Statistik ist das ein Kleinstgewerbe. Im Ostend ist es tragende Infrastruktur — und der vielleicht letzte Ort, an dem diese Stadt im Stehen zusammenfindet.

Später Abend am Kiosk: Ein letzter Gast lehnt am Klapptisch unter einer Straßenlaterne, das Büdchen leuchtet warm.
04Ostend, 22:50 Uhr— Kurz vor Schluss: Der letzte Gast bleibt fast immer zehn Minuten länger als geplant.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende bleibt eine einfache Rechnung, und sie gilt weit über das Ostend hinaus: Eine Straße mit Wasserhäuschen kennt sich. Eine ohne läuft nur aneinander vorbei. Zwischen diesen beiden Zuständen liegen zehn Quadratmeter, ein schmaler Tresen und ein Mensch, der morgens um 6:20 Uhr den Rollladen hochschiebt.

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