Stadtleben · Reportage

Ein Stück Land, viele Welten: Frankfurts Kleingärten als Kosmos

Hinter den Bahndämmen und Ausfallstraßen liegt ein anderes Frankfurt: Kleingartenkolonien, in denen die halbe Welt Tomaten zieht und die Nachbarschaft noch ein Ereignis ist.

Von Selin Aydın 4 Min. Lesezeit
Kleingartenkolonie aus der Höhe, ein Flickenteppich aus Parzellen, Lauben und Beeten im warmen Nachmittagslicht.
01Frankfurter Nordosten, 17:30 Uhr— Ein Flickenteppich aus Parzellen — und aus Lebensgeschichten aus aller Welt.Foto: Zeit Frankfurt

Von der Ausfallstraße aus sieht man nur Hecken und einen schmalen Weg, der ins Grüne führt. Dann öffnet sich hinter dem Bahndamm ein anderes Frankfurt, eines ohne Türme, ohne Verkehrslärm, ohne Eile: ein Flickenteppich aus Parzellen, Lauben und Beeten, durchzogen von schmalen Pfaden, über denen der Duft von Grillkohle und gemähtem Gras liegt. Wir stehen in einer Kolonie im Nordosten der Stadt, zwischen Bornheim und Seckbach, nur einen Katzensprung vom Günthersburgpark entfernt. Es ist später Nachmittag, und in der Anlage ist Betrieb.

Frankfurts Kleingärten sind ein Kapitel für sich. Rund 15.000 Parzellen zählt die Stadt, organisiert in mehr als 120 Vereinen; ein großer Teil davon liegt im Grüngürtel, jenem grünen Ring um die verdichtete Innenstadt. Entstanden in einer Zeit, als das eigene Stück Land Ernährung und Erholung zugleich bedeutete, sind die Kolonien längst zu etwas anderem geworden: zu grünen Inseln und, fast wichtiger noch, zu Treffpunkten. Wer eine Parzelle hat, hat nicht nur einen Garten. Er hat Nachbarn, einen Verein, ein Vereinsheim, ein Sommerfest und einen Kompost, über den man trefflich streiten kann.

An einem der oberen Wege wässert Salvatore seine Tomaten. Der Rentner kam in den siebziger Jahren aus Kalabrien nach Frankfurt und hat hier jahrzehntelang gearbeitet, erst am Fließband, später auf dem Bau. Zwischen Basilikum und Zucchini zieht er Sorten, die er von zu Hause kennt; die Setzlinge, sagt er, reiche man über den Zaun weiter wie anderswo Telefonnummern. Drei Parzellen weiter erntet eine Nachbarin Bohnen, aus einer Laube weht Musik, die weit hergereist ist. Denn hier wächst nicht nur Gemüse, hier wachsen Biografien zusammen.

Nahaufnahme einer Gartenhand, die reife Tomaten von einem Strauch pflückt, im Hintergrund eine Laube.
02Parzelle, Tomatenbeet, 18:00 Uhr— Zwischen den Sorten steckt oft eine ganze Herkunftsgeschichte.Foto: Zeit Frankfurt

Die halbe Welt auf ein paar Quadratmetern

Man sieht es an den Beeten. Neben Kohlrabi und Johannisbeere wachsen Sorten, die man im Supermarkt vergeblich sucht: Kräuter mit fremden Namen, Paprika in ungewohnten Formen, Blattgemüse, das man erst zuordnen lernt. Jede Parzelle erzählt eine Herkunftsgeschichte, und am Gartenzaun werden diese Geschichten getauscht wie früher die Setzlinge. Man beginnt beim Wetter, kommt zum Saatgut und landet irgendwann bei der Familie, der Arbeit, dem Leben. Wer Frankfurts grüne Seiten sucht, findet sie auch am Lohrberg oder bei den Kräutergärtnern von Oberrad, wo die Grüne Soße ihre Kräuter herbekommt — doch nirgends ist das Netz so dicht und so vielstimmig wie hier.

Am Gartenzaun spricht man über Tomaten, und irgendwann über alles andere.

Die Redaktion

Das Idyll hat Regeln, und die sind ernst gemeint. Das Bundeskleingartengesetz gibt den Rahmen vor: Höchstens 400 Quadratmeter darf eine Parzelle groß sein, rund ein Drittel muss dem Anbau von Obst und Gemüse dienen, der Rest verteilt sich auf Laube, Rasen und Blumen. Eine Gartenordnung regelt das Übrige, von der Heckenhöhe bis zur Frage, wann der Rasenmäher zu schweigen hat. Manchem gilt das als Kleingeisterei; für die Gemeinschaft aber ist es der Kitt. Wo alle dieselben Regeln akzeptieren, entsteht ein Gleichgewicht, das über Sprachen und Generationen hinweg trägt.

Warten auf ein Stück Erde

Der Andrang ist groß. In einer Stadt, in der bezahlbarer Wohnraum knapp ist und ein Balkon schon als Luxus gilt, wird das eigene Fleckchen Grün zum Sehnsuchtsort. Die Wartelisten sind lang; in beliebten Lagen vergehen mehrere Jahre, bis eine Parzelle frei wird. Aylin, Mitte dreißig, zwei Kinder, steht seit dem Umzug ins enge Nordend auf so einer Liste und wartet auf den Anruf des Vereins. Der Garten ist längst kein Rentnerhobby mehr, sondern eine Antwort auf die Verdichtung — und zugleich ein umkämpftes Gut: Nur ein paar hundert Meter weiter wird seit Jahren darüber gestritten, ob auf Gartenland neue Wohnungen entstehen dürfen.

Am Vereinsheim sitzt eine Runde bei einem Schoppen zusammen, es wird gelacht, jemand hat Selbstgebackenes mitgebracht. Man merkt schnell, dass hier eine Gemeinschaft besteht, wie sie in vielen Stadtvierteln selten geworden ist. Man kennt einander, hilft einander, feiert zusammen. Der Garten ist nur der Anlass; der eigentliche Ertrag ist die Zugehörigkeit.

Als die Sonne tiefer steht, färbt sie die Lauben golden, und aus den Parzellen steigt Rauch von den ersten Grills. Ein Kind rennt über den Weg, Salvatore reicht über den Zaun eine Handvoll Tomaten. Es ist ein Bild von Frankfurt, das auf keiner Postkarte steht und die Stadt trotzdem im Kern trifft: bunt, geordnet, zusammengewachsen. Ein Stück Land, viele Welten.

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