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Der Uhrmacher von Bornheim: Handwerk in dritter Generation

In einer Werkstatt an der Berger Straße tickt die Zeit langsamer. Seit drei Generationen repariert eine Familie hier Uhren — und stellt sich der Frage, wie es weitergeht.

Von Selin Aydın 4 Min. Lesezeit
Enge Handwerkerwerkstatt mit Werkbank, Uhrmacherlupe und Regalen voller kleiner Teile im warmen Licht.
01Werkstatt, Berger Straße, 10:05 Uhr— Zwischen Regalen voller Ersatzteile arbeitet sich das Handwerk durch die Zeit.Foto: Zeit Frankfurt

Wer die Tür an der Berger Straße aufdrückt, tritt aus dem Lärm der belebtesten Einkaufsmeile Bornheims in eine andere Zeitrechnung. Ein kleines Glöckchen meldet den Besuch, dann ist nur noch das vielstimmige Ticken zu hören, das von den Wänden kommt: Pendeluhren, Wanduhren, ein paar große Standuhren, die geduldig auf ihre Reparatur warten. Hinter der Theke sitzt ein Mann über die Werkbank gebeugt, die Lupe ins Auge geklemmt, und rührt sich zunächst nicht.

Die Werkstatt gibt es, so erzählt man es sich im Viertel, seit den 1950er-Jahren, und sie ist in Familienhand geblieben, über den Großvater und den Vater bis zum heutigen Meister. Drei Generationen, die alle dasselbe gelernt haben: dass sich das Kleine nicht beschleunigen lässt. Ein mechanisches Uhrwerk besteht oft aus über hundert Einzelteilen, bei komplizierten Werken mit Kalender oder Schlagwerk aus mehreren hundert; manche sind kaum größer als ein Sandkorn, und jedes will an seinem Platz sitzen, sonst steht das Ganze still.

Auf der Werkbank liegt an diesem Vormittag eine alte Taschenuhr, ein Erbstück, das der Kunde repariert haben möchte, obwohl die Reparatur den materiellen Wert übersteigt. Es geht nicht um Geld, es geht um Erinnerung. Solche Aufträge, sagt der Uhrmacher, seien ihm die liebsten.

Nahaufnahme einer Hand mit Uhrmacherlupe im Auge, die mit feiner Pinzette ein winziges Zahnrad hält.
02Werkbank, 11:20 Uhr— Ein Zahnrad, kaum größer als ein Streichholzkopf — Präzisionsarbeit unter der Lupe.Foto: Zeit Frankfurt

Die Geduld der Feinmechanik

Uhrmacher ist einer jener Berufe, die man in einem einzigen Bild erklären kann: eine Hand, eine Pinzette, ein Zahnrad, das im Lupenlicht aufblitzt. Doch dahinter steckt eine ganze Denkweise. Man kann nichts überspringen, nichts erzwingen, nichts mit Gewalt lösen. Mit einem Öler, dessen Spitze feiner ist als eine Nadel, setzt der Meister einen Tropfen Lageröl auf einen Lagerstein, nicht mehr als einen Hauch: zu viel, und das Öl verkriecht sich ins Werk und bindet Staub; zu wenig, und das Lager läuft trocken. Wer hastet, ruiniert die Feder. Wer sauber arbeitet, wird belohnt, wenn das Werk wieder zu atmen beginnt und die Unruh ihren ruhigen Takt aufnimmt.

Die Berger Straße ringsum hat sich immer wieder gehäutet, neue Läden, neue Gastronomie, neue Moden. Das Uhrtürmchen ganz in der Nähe, seit über hundert Jahren das Wahrzeichen des Stadtteils, hat all das überdauert. Auch die Werkstatt blieb, weil sie etwas anbietet, das kein Onlinehandel liefert: die Reparatur, das zweite Leben, den Erhalt. Wer sich für die Verwandlungen des Viertels interessiert, findet im Bornheim-Guide das größere Bild — die Werkstatt ist eine seiner stillen Konstanten.

Eine Uhr lügt nicht. Wenn sie falsch geht, war ich zu ungeduldig.

Der Uhrmacher

Zugleich stellt sich die Frage, die viele Familienbetriebe umtreibt und die weit über die Uhren hinausreicht. Wer macht weiter? Der Beruf ist anspruchsvoll, die duale Ausbildung dauert rund drei Jahre, der Verdienst ist überschaubar. Junge Menschen zieht es selten an die Werkbank. Auch andere Geschäfte an der Berger Straße ringen mit der Nachfolge. Was in Frankfurt an alten Handwerksbetrieben verschwindet, verschwindet meist leise, ohne Schließungsschild, einfach weil niemand nachrückt. Über diese Nachfolgelücke im Handwerk und Handel haben wir schon mit Blick auf die Traditionshäuser geschrieben.

Ein Erbe, das tickt

Und doch ist an diesem Vormittag von Resignation nichts zu spüren. Der Uhrmacher legt die Taschenuhr beiseite, öffnet ein Regal und zeigt Werkzeuge, die schon sein Großvater benutzt hat: winzige Schraubendreher, eine Drehbank, Feilen, die in die Hand gewachsen scheinen. Manches sei nicht mehr zu kaufen, sagt er, man müsse es hüten. In diesen Werkzeugen steckt die Familiengeschichte fester als in jeder Urkunde.

Am Ende des Besuchs läuft die reparierte Uhr wieder, und der Meister hält sie ans Ohr, wie man ein Herz abhört. Ein zufriedenes Nicken. Dann legt er sie in ein Tuch, für den Kunden, der sich freuen wird. Draußen rauscht die Berger Straße weiter, drinnen tickt es in vielen Takten. Man verlässt den Laden mit dem seltenen Gefühl, gerade etwas gesehen zu haben, das man in Frankfurt nicht mehr überall findet.

Ob es eine vierte Generation geben wird, weiß der Uhrmacher nicht. Aber er weiß, dass er weitermacht, solange die Hände es zulassen. Und dass jede Uhr, die er wieder zum Laufen bringt, ein kleiner Sieg gegen die Wegwerfzeit ist. In einer Stadt, die sich gern über ihre Zukunft definiert, ist das ein erstaunlich hoffnungsvoller Gedanke.

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