Stadtleben · Reportage
Wanderfalken, Wildbienen, Biber: Frankfurts wilde Stadtnatur
Hoch über den Dächern jagen Wanderfalken, in Brachen summen Wildbienen, an der renaturierten Nidda fällt der Biber Weiden. Eine Spurensuche nach den wilden Nachbarn, die sich Frankfurt zurückerobern.
Wer glaubt, echte Natur beginne erst im Taunus, hat noch nie am frühen Morgen den Kopf in den Nacken gelegt und über die Frankfurter Dächer geschaut. Denn hoch oben, an Hochhauskanten und Türmen, jagt einer der schnellsten Vögel der Welt: der Wanderfalke. Was einst durch das Insektengift DDT fast ausgestorben war, hat in der Stadt eine neue Heimat gefunden. Hohe Bauwerke ersetzen die Felsen, die dem Falken früher als Brutplatz dienten, und an Beute in Gestalt von Stadttauben herrscht kein Mangel. In Frankfurt haben sich mehrere Paare eingerichtet, vor allem an den Schloten der Heizkraftwerke. Auch Kirchtürme bieten solche Kanten in luftiger Höhe: Der Kaiserdom überragt mit rund 95 Metern die Altstadt und wirkt aus der Vogelperspektive wie eine steinerne Felswand.
Der Wanderfalke ist nur der spektakulärste einer ganzen Reihe wilder Nachbarn, die man in Frankfurt kaum vermutet. Die Stadt ist, entgegen ihrem Ruf als Beton- und Bankenmetropole, erstaunlich artenreich. Der Grund liegt in ihrer Vielfalt an Lebensräumen: der rund 8.000 Hektar große GrünGürtel, der weitläufige Stadtwald im Süden, die Flussauen von Main und Nidda, dazu große Parks wie der Grüneburgpark und der Günthersburgpark, Kleingärten und wilde Brachen. Zusammen bilden sie ein durchlässiges Netz, in dem Tiere wandern, rasten und sich ausbreiten können.
Rückkehrer und Überraschungsgäste
Manche Tiere sind spektakuläre Rückkehrer. Der Biber, im 19. Jahrhundert in weiten Teilen Deutschlands ausgerottet, hat die renaturierten Ufer von Nidda und Main wiederentdeckt und fällt dort zur Verblüffung der Spaziergänger Weiden und Pappeln. Wer entlang der renaturierten Nidda unterwegs ist, etwa in der Aue am alten Flugplatz Bonames, stößt mancherorts auf frisch angenagte Stämme und aufgestaute Rinnsale. Der Biber ist ein lebendiger Beleg dafür, dass sich die Mühen der Renaturierung auszahlen: Wo ein Fluss wieder natürliche Ufer bekommt, kehrt das Leben zurück.

Andere wilde Nachbarn sind kleiner, aber nicht weniger wichtig. In den Brachen, Kleingärten und naturnahen Beeten der Stadt summen nach Schätzungen rund 300 Wildbienenarten, darunter zahlreiche Hummeln, dazu Schwebfliegen und Schmetterlinge. Besonders die sandigen Trockenflächen der Schwanheimer Düne im Frankfurter Süden beherbergen hoch spezialisierte, im Boden nistende Arten, die andernorts längst selten geworden sind. Diese Insekten sind das unsichtbare Rückgrat der Stadtnatur: Ohne sie gäbe es keine Bestäubung, keine Früchte, keine Vielfalt.
Die wildesten Nachbarn der Stadt wohnen dort, wo niemand sie vermutet.
Warum die Stadt so lebendig ist
Dass Frankfurt so viel Natur beherbergt, ist kein reiner Zufall, sondern auch das Ergebnis bewusster Entscheidungen. Die Stadt lässt Wiesen seltener mähen, damit Blumen blühen und Insekten Nahrung finden. Sie stellt Nisthilfen auf und weist Schutzgebiete aus, in denen sich Natur ungestört entwickeln darf. Auch alte, morsche Bäume und stehendes Totholz bleiben vielerorts erhalten, weil sie Käfern, Spechten und Fledermäusen als Kinderstube dienen. Auf dem Lohrberg im Nordosten pflegen Freiwillige alte Streuobstwiesen; andernorts zählen Ehrenamtliche Vögel, tragen Amphibien über die Straße und kartieren Insekten.
Zugleich sind es paradoxerweise gerade die menschlichen Strukturen, die manche Arten anziehen. Der Wanderfalke braucht die Türme, Mauersegler nisten in Häuserritzen, Fledermäuse quartieren sich in Dachböden und Kellergewölben ein. Die Stadt ist für viele Tiere kein Hindernis, sondern ein neuer, ungewöhnlicher Lebensraum, den sie erstaunlich kreativ nutzen. Wer genau hinsieht, entdeckt eine Wildnis, die sich mitten in die Zivilisation geschmuggelt hat.
Ein empfindliches Gleichgewicht
So erfreulich diese Vielfalt ist, so verletzlich ist sie auch. Jede versiegelte Brache, jeder gefällte alte Baum, jede aufgeräumte Grünfläche kostet Lebensraum. Der Druck des Wachstums, der Frankfurt an so vielen Stellen prägt, trifft auch die Stadtnatur. Artenschutz in der Stadt ist deshalb eine ständige Abwägung, ein Ringen um jede wilde Ecke, die man den Tieren lässt.
Und doch überwiegt die gute Nachricht. Frankfurt ist wilder, als es aussieht, und diese Wildheit lässt sich erleben, wenn man nur die Augen offenhält. Ein Falke über der Altstadt, ein angenagter Stamm an der Nidda, das Summen in einem verwilderten Beet am Ostpark – all das erzählt von einer Stadt, die ihren tierischen Nachbarn Raum lässt. In der Bankenmetropole, so stellt sich heraus, wohnt es sich für wilde Tiere überraschend gut.
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