Stadtleben · Reportage
Die Schwanheimer Düne: Eine Wüste am Rand von Frankfurt
Feiner Flugsand, Silbergras und sengende Hitze: Im Herzen des Schwanheimer Unterfelds liegt eine echte Binnendüne, eine der wenigen in Europa. Ein Besuch in Frankfurts kleiner Wüste.
Man erwartet vieles am westlichen Rand von Frankfurt, aber keine Wüste. Und doch liegt genau dort, im Herzen des Schwanheimer Unterfelds zwischen dem Stadtwald, den Häusern von Schwanheim und den Feldern des GrünGürtels, eine Landschaft, die wie aus einem anderen Erdteil hierher verirrt wirkt: die Schwanheimer Düne. Feiner, heller Sand, spärlich bewachsen mit Silbergras, dazwischen vereinzelte Kiefern, und an heißen Tagen flirrt die Luft über dem offenen Boden. Es ist eine echte Binnendüne, rund 58 Hektar groß und eine der wenigen ihrer Art in ganz Europa.
Ihr Ursprung reicht bis an das Ende der letzten Eiszeit zurück, vor rund 10.000 Jahren. Ein Gletscher hat Frankfurt dabei nie bedeckt; es war das kalte, trockene und noch kaum bewachsene Klima jener Zeit, in dem der Wind den kalkfreien Quarzsand aus dem nahen Main über die Ebene trieb, bis er sich zu Dünen türmte, ganz ähnlich wie an einer Meeresküste, nur mitten im Binnenland. Lange blieb der Sand in Bewegung; erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam die Düne an ihrem heutigen Platz endgültig zur Ruhe. Einst zog sich ein weites Band solcher Flugsande am Untermain entlang; die Schwanheimer Düne ist einer der letzten größeren Reste davon. Was heute wie ein exotischer Sonderfall wirkt, ist in Wahrheit ein uraltes Landschaftsrelikt.
Leben im Sand
Auf den ersten Blick wirkt die Düne karg, fast lebensfeindlich. Doch dieser Eindruck täuscht. Der nährstoffarme, heiße, trockene Sand ist ein hoch spezialisierter Lebensraum, in dem nur überlebt, wer sich perfekt angepasst hat. Silbergras und Sandsegge kommen mit den harten Bedingungen zurecht, halten mit ihren Wurzeln den Sand fest und schaffen so erst die Voraussetzung dafür, dass sich weiteres Leben ansiedeln kann. Dazwischen überziehen Flechten den Boden, empfindliche Zeiger für die Reinheit dieses Magerrasens.

Noch spannender ist die Tierwelt. Auf dem heißen, offenen Sand tummeln sich wärmeliebende Insekten: spezialisierte Wildbienen, Grabwespen, Sandlaufkäfer und Heuschrecken, die anderswo längst selten geworden sind. Eidechsen sonnen sich auf dem warmen Boden, und in feuchten Senken am Rand laicht die Kreuzkröte. Für viele dieser Arten ist die Düne einer der letzten Rückzugsräume im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet. Diese Vielfalt macht sie zu einem der artenreichsten Flecken der Stadt und belegt eindrucksvoll die Bedeutung von Frankfurts wilder Stadtnatur. Nicht zufällig ist das Gebiet Teil des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000 und seit 2003 als Fauna-Flora-Habitat-Gebiet ausgewiesen.
Zwischen Stadtrand und Stadtwald liegt ein Stück Wüste, wie es kaum eine deutsche Großstadt kennt.
Schafe als Landschaftspfleger
Damit die offene Sandfläche nicht langsam zuwächst, braucht die Düne Pflege. Seit 2001 zieht darum in der warmen Jahreszeit eine Herde Schnucken über das Gelände, gehütet von einem Schäfer. Die genügsamen Tiere halten aufkommende Gräser und Gehölze kurz und sorgen dafür, dass der Sand offen bleibt, wollige Rasenmäher, die eine uralte Kulturtechnik in den Dienst des Naturschutzes stellen. Ohne sie würde die Wüste binnen weniger Jahrzehnte unter Büschen und Bäumen verschwinden.
So verletzlich der Boden ist, so besucherfreundlich ist das Gebiet zugleich erschlossen. Ein rund 400 Meter langer Bohlenweg aus dauerhaftem Kastanienholz führt mitten hindurch; der BUND regte ihn 1999 an, 2017 wurde er vollständig erneuert. Er schützt vor allem die trittempfindlichen Flechten und erlaubt es zugleich, die Landschaft aus nächster Nähe zu erleben. Wer über die Bohlen geht, hört an heißen Tagen oft nur das Zirpen der Heuschrecken und riecht warmen Sand und Kiefernharz. Der Weg ist zudem ein Teilstück der dritten Etappe des GrünGürtel-Rundwanderwegs, der hier durch Unterfeld und Stadtwald verläuft.
Ein Erbe, das man nicht ersetzen kann
Eine Binnendüne wie diese lässt sich nicht wiederherstellen, wenn sie einmal verloren ist. Sie ist das Werk von Jahrtausenden und hat nur überdauert, weil man sie in Ruhe ließ. Seit 1984 steht sie unter Naturschutz, 2002 wurde das Schutzgebiet auf seine heutige Größe erweitert. Ihr Schutz ist deshalb nicht Nostalgie, sondern die Bewahrung eines unwiederbringlichen Naturguts.
Erreichbar ist die Düne bequem mit öffentlichem Nahverkehr: Die Straßenbahnlinie 12 endet in Schwanheim, dazu kommen mehrere Buslinien; von dort führen ausgeschilderte Wege durch das Unterfeld zur Sandfläche. Wer an einem Sommertag über den Bohlenweg geht und den feinen Sand unter der grellen Sonne sieht, erlebt Frankfurt von einer Seite, die selbst viele Einheimische nicht kennen. Neben dem großen Stadtwald, den weiten Auen und den gepflegten Parks liegt hier ein kleiner, heißer, sandiger Sonderfall, der alle Erwartungen an eine deutsche Großstadt unterläuft, und vielleicht gerade deshalb die kostbarste Landschaft der Stadt.
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