Stadtleben · Erklärstück
Der GrünGürtel: Frankfurts grüner Ring erklärt
Ein Drittel des Stadtgebiets ist grün, ein Ring aus Wald, Feld und Flussaue umschließt Frankfurt. Wie der GrünGürtel entstand, was ihn schützt und warum er mehr ist als ein Naherholungsgebiet.
Wer Frankfurt nur aus der Innenstadt kennt, hält die Stadt leicht für eine Angelegenheit aus Beton, Glas und Bankentürmen. Doch von oben, etwa vom Main Tower aus betrachtet, zeigt sich ein anderes Bild: Ein breiter grüner Ring legt sich um die bebaute Stadt, unterbrochen nur von Autobahnen und Bahntrassen. Dieser Ring hat einen Namen, einen amtlichen Status und eine erstaunliche Geschichte. Er heißt GrünGürtel, umfasst rund ein Drittel des gesamten Stadtgebiets und gehört zu den ungewöhnlichsten Naturschutzprojekten, die sich eine deutsche Großstadt je verordnet hat.
Der GrünGürtel ist keine zusammenhängende Anlage im Sinne eines Parks, sondern ein Flickenteppich aus sehr verschiedenen Landschaften. Im Süden dominiert der Stadtwald, einer der größten Kommunalwälder Deutschlands. Im Westen und Norden zieht sich die Aue der Nidda durch die Stadt, gesäumt von Wiesen und Kleingärten; der Fluss bildet den weiten westlichen Bogen des Rings. Im Nordosten steigt das Gelände zum Berger Rücken mit seinen Streuobsthängen an. Zusammen ergeben diese Landschaften eine grüne Klammer von rund 8.000 Hektar.
Ein Ring aus Wald, Feld und Wasser
Was den GrünGürtel so wertvoll macht, ist weniger die reine Fläche als seine Funktion für das Stadtklima. Über die offenen Wiesen und Waldschneisen strömt nachts kühle Frischluft in die aufgeheizten Quartiere. In heißen Sommern, die in Frankfurt längst zur Normalität gehören, ist dieser Effekt kein Luxus, sondern Gesundheitsvorsorge. Wer an schwülen Tagen ein paar Grad weniger sucht, findet sie zuverlässig im Schatten der alten Buchen. Wir haben die besten kühlen Orte der Stadt zusammengetragen, und auffällig viele davon liegen im grünen Ring.
Der GrünGürtel ist kein Park am Rand, sondern das grüne Rückgrat der ganzen Stadt.
Die Redaktion
Der GrünGürtel ist zugleich ein Rückzugsraum für Tiere und Pflanzen, die in der dicht bebauten Stadt keinen Platz mehr fänden. In den Streuobstwiesen am Berger Rücken brüten Steinkäuze, an den Altarmen der Nidda jagen Eisvögel, über den Feldern kreisen Rotmilane. Kleinode wie die Schwanheimer Düne im Südwesten oder das Enkheimer Ried im Nordosten stehen seit Langem unter Naturschutz. Diese Vielfalt ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger, teils zäher Bemühungen um den Artenschutz gegen den Druck von Wohnungsbau, Straßen und Gewerbe.
Wie der grüne Ring entstand
Der GrünGürtel in seiner heutigen Form ist ein Kind der frühen Neunzigerjahre. Am 14. November 1991 beschloss die Stadtverordnetenversammlung die GrünGürtel-Verfassung, ein bis heute gültiges Regelwerk, das die Flächen dauerhaft von Bebauung freihalten soll. Treibende Kraft war der damalige Umweltdezernent Tom Koenigs, der den grünen Ring zum Kernstück seiner Umweltpolitik machte. Der Gedanke reicht jedoch weiter zurück: Schon im 19. Jahrhundert hatte Frankfurt mit den Wallanlagen einen ersten grünen Ring um die Altstadt gelegt. Der große Wurf der Neunziger übertrug diese Idee auf die gesamte moderne Stadt.
Getragen wurde das Projekt von einer breiten Allianz aus Umweltverbänden, Bürgerinitiativen und einer Stadtpolitik, die erkannt hatte, dass einmal verbaute Freiflächen nie wiederkehren. Zur Aneignung des sperrigen Themas trug auch die Kunst bei: Zum zehnten Geburtstag des grünen Rings schenkte ihm der Zeichner und Dichter Robert Gernhardt 2001 das GrünGürtel-Tier, ein Fabelwesen, das er selbst als Kreuzung aus Wutz, Molch und Star bezeichnete. Es wurde zum Wahrzeichen des GrünGürtels – auf Wegweisern, in Broschüren und als Skulptur zum Anfassen. Dazu kamen weitere Objekte der Komischen Kunst am Wegesrand, Werke der Neuen Frankfurter Schule um Gernhardt, Hans Traxler und F. K. Waechter, die den Ring erlebbar machen sollten.

Der Rundwanderweg
Herzstück für Besucher ist der GrünGürtel-Rundwanderweg, der auf rund 68 Kilometern einmal um die ganze Stadt führt. Er lässt sich bequem in Etappen erwandern und gilt als längster und, wie die Stadt gern wirbt, komischster Wanderweg Frankfurts. Die Route verbindet den Stadtwald im Süden mit den Weinbergen am Lohrberg im Nordosten, folgt über weite Strecken dem Ufer der Nidda und berührt im Osten den Fechenheimer Mainbogen. An neun Stationen sammeln Wanderer Stempel; wer alle vorweisen kann, erhält eine Anstecknadel mit dem GrünGürtel-Tier. Wer lieber im Sattel unterwegs ist, folgt dem eigenen, rund 64 Kilometer langen Radrundweg, den ein Fahrradsymbol auf gelbem Punkt markiert.
Der GrünGürtel ist damit weit mehr als ein Naherholungsgebiet am Rand. Er ist eine politische Aussage darüber, wie eine wachsende Metropole mit ihrem knappen Boden umgeht: Nicht jede Wiese muss zu Bauland werden, nicht jeder Wald weichen. In Zeiten von Hitzesommern und Wohnungsnot bleibt der Ring ein täglich neu verhandelter Kompromiss. Dass er überhaupt existiert, ist Frankfurts stiller Beweis, dass Wirtschaftskraft und Natur einander nicht ausschließen müssen.
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