Kaiserdom ohne Bischof: Die Karriere von St. Bartholomäus
Frankfurt hatte nie einen Bischof, aber einen Dom hat es trotzdem. Wie die Stiftskirche St. Bartholomäus durch Königswahlen und Kaiserkrönungen zum Kaiserdom aufstieg, Brand und Krieg überstand — und warum sich der Turmaufstieg lohnt.
Es gehört zu den charmanteren Ungenauigkeiten dieser Stadt, dass ihr berühmtestes Gotteshaus einen Titel trägt, der ihm streng genommen nicht zusteht. Ein Dom ist die Kirche eines Bischofs — Frankfurt aber war nie Bischofssitz, keinen einzigen Tag in über tausend Jahren. Dass die Stiftskirche St. Bartholomäus trotzdem „Kaiserdom" heißt, und zwar völlig zu Recht, liegt an einer Karriere, wie sie keine zweite Kirche im deutschen Sprachraum gemacht hat: Sie stieg nicht über die Kirchenhierarchie auf, sondern über die Politik. Gewählt wurden hier Könige, gekrönt wurden Kaiser — und am Ende zählte der Titel mehr als jede Amtskette.
Die Geschichte beginnt lange vor dem Titel, auf dem Domhügel, der älter ist als die Stadt selbst. Archäologen fanden hier die Spuren einer karolingischen Königspfalz — und 1992, mitten im Kirchenschiff, das reich ausgestattete Grab eines vornehmen Mädchens aus dem späten 7. Jahrhundert, ein kleiner Sensationsfund. 852 wurde an dieser Stelle die Salvatorkirche geweiht, Hofkapelle der ostfränkischen Könige, die in Frankfurt residierten, wenn sie am Main zu tun hatten. Kirche und Königtum: Auf diesem Hügel waren sie von Anfang an ein Paar.
Eine Schädelreliquie machte die Kirche berühmt
Den ersten Aufstieg verdankte das Stift einem Knochen: 1239 erhielt die Kirche die Schädeldecke des Apostels Bartholomäus — eine Reliquie erster Güte, die Pilger aus dem ganzen Reich anzog und der Kirche ihren neuen Namen gab. Mit den Pilgern kamen Stiftungen, mit den Stiftungen kam der Ehrgeiz: Ab dem 14. Jahrhundert wurde die Kirche in mehreren Kampagnen gotisch erneuert — erst der lange Hochchor, dann das ungewöhnlich weite Querhaus, das dem Bau bis heute seine Silhouette gibt. 1415 schließlich legte Stadtbaumeister Madern Gerthener den Grundstein für den Westturm, der alles Bisherige überragen sollte: ein Meisterwerk der Spätgotik mit geplantem Kuppelhelm, wie es im Reich kein zweites gab.
Dann ging dem Projekt das Geld aus. Um 1514 stellte man die Arbeiten ein, der Turm blieb ein Torso mit Notdach — und blieb es dreieinhalb Jahrhunderte. Ausgerechnet in dieser unvollendeten Gestalt wurde er zum Wahrzeichen: Auf jeder alten Stadtansicht erkennt man Frankfurt am gekappten Domturm. Es hat eine gewisse Ironie, dass die Stadt der Kaufleute ihren berühmtesten Bau als Bauruine verewigte — vollendet wurde er erst, als eine Katastrophe nachhalf. Doch dazu später.

Wahlen und Krönungen machten die Kirche zum Dom
Denn zunächst kam die Politik. Frankfurt war seit dem Hochmittelalter der bevorzugte Ort der deutschen Königswahlen, und die Goldene Bulle von 1356 machte daraus geltendes Reichsrecht: Gewählt wird in Frankfurt — und das hieß konkret: in dieser Kirche. In der kleinen Wahlkapelle südlich des Chors berieten und stimmten die Kurfürsten, jahrhundertelang. 1562 folgte die zweite Würde: Die Krönungen wanderten von Aachen an den Main, Maximilian II. machte den Anfang, und bis 1792 wurden zehn Kaiser und Könige am Krönungsaltar von St. Bartholomäus gesalbt und gekrönt. Anschließend zog der Gekrönte über den Krönungsweg zum Bankett in den Römer — Wahl, Krönung und Festmahl auf 400 Metern.
Aus dieser Zeit stammt der Titel: Eine Kirche, in der Kaiser gemacht wurden, nannte das Volk „Kaiserdom", und kein Bischof der Welt hätte dagegen etwas ausrichten können. Der Befund ist bemerkenswert: Nicht Weihrang, sondern Verfassungsgeschichte adelte dieses Haus. Man kann den Dom deshalb mit Gewinn wie ein Dokument lesen — die Wahlkapelle als Sitzungssaal des Reichs, der Chor als Krönungsbühne, das Ganze als steinerne Urkunde einer Stadt, die Reichspolitik beherbergte, ohne je Residenz zu sein.
Wie eng Kirche und Königtum hier verflochten waren, zeigt ein Grab im Kircheninneren: Günther von Schwarzburg, 1349 in Frankfurt zum Gegenkönig gewählt und noch im selben Jahr in der Stadt gestorben, wurde in St. Bartholomäus beigesetzt — als einziger römisch-deutscher König, der in Frankfurt begraben liegt. Seine Grabplatte kann man bis heute besichtigen; sie ist das vielleicht unmittelbarste Zeugnis dafür, dass diese Kirche nicht über Politik redete, sondern Politik beherbergte.
Der Dom ist keine Bischofskirche — er ist die steinerne Urkunde der Frankfurter Reichsgeschichte.
Der Brand von 1867 schuf den Turm, den wir kennen
Am 15. August 1867 dann die Katastrophe: Ein Großbrand verwüstete den Dom, der Turm brannte aus wie ein Kamin, die Glocken stürzten, das Dach war verloren. Für das protestantisch geprägte Frankfurt, das gerade seine Unabhängigkeit an Preußen verloren hatte, wurde der Wiederaufbau der katholischen Stiftskirche überraschend zur Herzensangelegenheit — der Dom gehörte längst allen, als Wahrzeichen und als Erinnerung an die große Zeit der Stadt. Unter der Leitung des Dombaumeisters Franz Josef Denzinger wurde nicht nur repariert, sondern vollendet: Bis 1878 erhielt der Turm endlich den Kuppelhelm, den Gerthener 450 Jahre zuvor gezeichnet hatte — nun 95 Meter hoch, neugotisch verfeinert, aber im Geist des mittelalterlichen Plans. Der berühmteste Torso der Stadt war Geschichte; das heutige Wahrzeichen war geboren.

Das 20. Jahrhundert stellte die Kirche dann auf ihre härteste Probe: Bei den Luftangriffen vom März 1944 brannte der Dom mit der Altstadt aus, die Einrichtung verglühte, nur die Mauern und der Turm hielten stand. Im zerstörten Frankfurt der Nachkriegsjahre war seine Wiederherstellung eine Frage der Selbstachtung: 1953 wurde der Dom neu geweiht, innen karger als zuvor, was der Wucht des roten Mainsandsteins eher genützt als geschadet hat. Seither steht er als ruhender Pol in einer Umgebung, die sich um ihn herum mehrfach neu erfunden hat — zuletzt mit der Neuen Altstadt, die ihm die alten Blickachsen zurückgab: Wer heute durch die Gasse Markt auf den Turm zugeht, sieht ungefähr das, was ein Krönungsgast des 18. Jahrhunderts sah.
Wer den Dom heute betritt, sollte sich Zeit für drei Dinge nehmen. Erstens für die Wahlkapelle, deren nüchterner Ernst mehr über das Alte Reich erzählt als mancher Prachtsaal. Zweitens für den spätgotischen Maria-Schlaf-Altar, eines der kostbarsten Ausstattungsstücke, das die Katastrophen der Jahrhunderte überstanden hat. Und drittens für das Dommuseum im Kreuzgang, das mit dem Domschatz auch die Funde vom Domhügel zeigt — der Bogen von der Merowingerzeit bis zur Gegenwart schließt sich hier in einem einzigen Rundgang.
Und dann ist da noch der Klang: Zum großen Frankfurter Stadtgeläute, wenn an den Vorabenden der hohen Feiertage die Glocken von zehn Innenstadtkirchen gemeinsam läuten, steuert der Dom die tiefste Stimme bei — die mächtige Gloriosa aus der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Brand. Wer das einmal auf dem Römerberg gehört hat, versteht, warum die Frankfurter auf dieses Ritual so eigensinnig stolz sind.
Oben auf dem Turm gehört der Dom allen
Und heute? Ist St. Bartholomäus katholische Stadtpfarrkirche, Konzertraum, Museumsstandort — und Aussichtspunkt. Der Aufstieg auf den Turm ist der beste Serviceteil, den diese Geschichte zu bieten hat: Gut 300 Stufen windet sich die enge Wendeltreppe hinauf zur Plattform in rund 66 Metern Höhe, und oben liegt einem dann alles zu Füßen, worum es in diesem Text ging — der Römerberg mit dem Kaisersaal, die Gassen des Krönungswegs, der Main, dahinter die Türme der Geldstadt. Kein anderer Punkt zeigt Alt und Neu so unmittelbar übereinandergeschichtet. Man sollte den Blick am Nachmittag genießen, wenn die Sonne schon tief über Sachsenhausen steht — oben an der Brüstung treffen sich Touristen und Frankfurter einträchtig; es ist der demokratischste Genuss der Innenstadt.

Vielleicht ist das die schönste Pointe dieser tausend Jahre: Ein Dom ohne Bischof, ein Turm, der Jahrhunderte unvollendet blieb, eine Kirche, die zweimal ausbrannte — und trotzdem, oder gerade deswegen, das unangefochtene Wahrzeichen der Stadt. St. Bartholomäus verdankt seinen Rang keiner Hierarchie, sondern dem, was Menschen ihm anvertraut haben: Wahlen, Krönungen, Wiederaufbauten. Für eine Stadt, die selbst nie Residenz war und trotzdem Geschichte schrieb, gibt es kein passenderes Denkmal.
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