Stadtleben · Analyse

Der Frankfurter Stadtwald in Zahlen

Fast 5.800 Hektar, mehr als 650 Jahre Geschichte, einer der größten Kommunalwälder Deutschlands: Wir vermessen den Frankfurter Stadtwald und erklären, warum er nicht nur Erholung, sondern harte Klimapolitik ist.

Von Imke Sauer 4 Min. Lesezeit
Sonnendurchflutete Buchenallee im Frankfurter Stadtwald mit langen Schatten auf dem Waldweg
01Stadtwald, Frankfurt-Sachsenhausen, 08:05 Uhr— Morgenlicht in einer der alten Buchenalleen im Süden der Stadt.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt eine Zahl, mit der Frankfurt gern für seinen Wald wirbt, und sie stimmt fast: Kaum eine deutsche Großstadt trägt so viel Grün in ihren eigenen Grenzen. Rund 5.800 Hektar misst der Frankfurter Stadtwald, der sich südlich des Mains von Sachsenhausen bis an die Stadtgrenze von Neu-Isenburg zieht – das entspricht ungefähr 8.000 Fußballfeldern. Die gesamte Fläche steht im Eigentum der Stadt und ist für jedermann frei zugänglich. Gut 3.800 Hektar davon liegen innerhalb der Frankfurter Stadtgrenzen und machen knapp ein Sechstel der gesamten Stadtfläche aus. Damit gehört der Stadtwald zu den größten kommunalen Wäldern Deutschlands – und macht Frankfurt zu einem der größten Waldbesitzer unter den Städten des Landes.

Doch Fläche allein sagt wenig. Interessant wird der Stadtwald erst, wenn man in seine Geschichte schaut. Sie beginnt mit einem Geldgeschäft: Im Jahr 1372 kaufte die aufstrebende Reichsstadt dem stets geldbedürftigen Kaiser Karl IV. für 8.800 Gulden das Reichsschultheißenamt ab – und mit ihm die Rechte am Reichswald, der aus dem alten Wildbann Dreieich hervorgegangen war. Seither, seit mehr als 650 Jahren, gehört der Wald der Stadt und damit ihren Bürgern – ein Erbe, das erklärt, warum hier bis heute nicht private Forstbetriebe das Sagen haben, sondern ein städtisches Amt. Der Stadtwald ist das südliche Herzstück des Frankfurter GrünGürtels, jenes Rings aus Wald, Wiesen und Feldern, der die Stadt umschließt.

Was hier wächst

Wer durch den Stadtwald geht, läuft vor allem durch Eichen und Kiefern. Rund 35 Prozent der Bäume sind Eichen, etwa 30 Prozent Kiefern – ein Erbe der sandigen, nährstoffarmen Böden der Untermainebene, auf denen die genügsame Kiefer über Jahrhunderte gut gedieh. Erst danach folgt mit gut einem Fünftel die Rotbuche, dazu Hainbuche, Birke und in feuchteren Lagen Erle und Esche. Über Generationen galt gerade die Buche als sichere Bank des mitteleuropäischen Waldes. Genau das ändert sich gerade dramatisch.

Frisch geschlagene Baumstämme am Waldrand mit farbigen Nummerierungen an den Schnittflächen
02Oberforsthaus, Frankfurt, 11:30 Uhr— Farbige Nummern auf den Schnittflächen kennzeichnen eingeschlagenes Holz für Vermessung und Verkauf – Alltag im bewirtschafteten Stadtwald.Foto: Zeit Frankfurt

Die trockenen, heißen Sommer seit 2018 haben dem Wald schwer zugesetzt. In den jüngsten Waldzustandserhebungen weist nur noch ein kleiner Teil der untersuchten Bäume keine sichtbaren Schäden auf; die große Mehrheit zeigt deutliche Kronenschäden, viele Bäume gelten als stark geschädigt. Kronen lichten sich, alte Buchen sterben von oben herab, Borkenkäfer finden geschwächte Bäume vor. Das städtische Forstamt reagiert mit einem langfristigen Umbau: Wo Bestände ausfallen, kommen Arten hinein, die mehr Hitze und Trockenheit vertragen – tiefer wurzelnde Eichen, dazu vorsichtige Versuche mit wärmeliebenden Baumarten. Das ist Generationenarbeit, denn ein Baum, der heute gepflanzt wird, prägt den Wald erst in fünfzig oder achtzig Jahren.

Ein Wald mitten in der Großstadt ist kein Idyll, sondern eine Dauerbaustelle des Klimawandels.

Mehr als Erholung

Für die Frankfurter ist der Stadtwald zunächst der große Ausflugs- und Sportraum vor der Haustür. An Wochenenden füllen sich die Wege mit Läufern, Radfahrern und Familien, die zum Grillplatz ziehen. Am Wäldchestag, dem Volksfest am Dienstag nach Pfingsten, feiert die halbe Stadt zwischen den Bäumen – ein Brauch, der bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht und den viele halb im Scherz den Frankfurter Nationalfeiertag nennen. Traditionsziele wie das Oberforsthaus am Waldstadion oder der 2020 wieder aufgebaute Goetheturm gehören zur Frankfurter Sonntagskultur.

Doch der Wald leistet unbemerkt weit mehr. In seinem Untergrund liegen Wasserschutzgebiete; über mehrere Wasserwerke stammt ein Teil des Frankfurter Trinkwassers von hier, nach städtischen Angaben rund 15 Prozent. Seine Kronen filtern Staub, spenden Schatten und speichern Kohlenstoff. Zugleich ist der alte Baumbestand Lebensraum für seltene Arten, vom Hirschkäfer in morschen Eichen bis zu Fledermäusen und Spechten. In einer Stadt, die sich im Sommer zur Hitzeinsel aufheizt, ist der kühlende Dienst des Waldes kaum zu überschätzen. Fachleute haben versucht, den Wert solcher Leistungen in Euro zu beziffern – und kommen auf Summen, die jeden Holzertrag weit übersteigen.

Ein Wald unter Druck

Zugleich steht der Stadtwald unter Dauerdruck. Autobahnen, Bahntrassen und vor allem der Flughafen haben ihn im Lauf der Jahrzehnte zerschnitten. Allein für den Flughafen und seine Erweiterungen sind seit den 1930er-Jahren mehrere Hundert Hektar Wald verschwunden, zuletzt für die 2011 eröffnete Landebahn Nordwest, deren Rodungen jahrelange Proteste auslösten. Jede neue Fläche, die fallen soll, entzündet heftige Debatten, denn die Frankfurter haben gelernt, dass verlorener Wald sich nicht in einer Generation zurückholen lässt. Der Stadtwald ist deshalb längst ein politisches Symbol, an dem sich Wachstum und Bewahrung reiben.

Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die alle Zahlen zusammenfasst: Der Frankfurter Stadtwald ist kein statisches Erbstück, sondern ein lebendiges System, das gepflegt, umgebaut und verteidigt werden muss. Er ist Erholungsraum, Wasserspeicher, Klimaanlage und Käferschlachtfeld zugleich. Dass ausgerechnet eine Bankenmetropole einen der größten Stadtwälder des Landes ihr Eigen nennt, ist eine schöne Ironie – und zugleich eine Verpflichtung, die mit jedem heißen Sommer dringlicher wird.

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