Stadtleben · Reportage
Nachtdienst bei der Bahnhofsmission: Wer am Gleis 1 wach bleibt
Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr: Am Gleis 1 des Frankfurter Hauptbahnhofs hält die Bahnhofsmission die Tür offen. Sind die letzten Züge abgefahren, kümmern sich Ehrenamtliche um jene, die sonst niemand auffängt.
Es ist kurz nach Mitternacht, und der Frankfurter Hauptbahnhof gehört jetzt anderen. Die Pendlerströme sind versiegt, die Rolltreppen laufen ins Leere, und über den Gleisen liegt jene eigentümliche Ruhe, die große Bahnhöfe erst nach Betriebsschluss annehmen. Am Kopf von Gleis 1 aber brennt noch Licht. Hinter einer schmalen Tür, kaum breiter als ein Kioskfenster, wärmen sich ein paar Menschen an Pappbechern mit Tee.
Die Bahnhofsmission ist die vielleicht unauffälligste soziale Einrichtung der Stadt und zugleich eine der ältesten. Seit weit über hundert Jahren gibt es sie am Frankfurter Hauptbahnhof, ökumenisch getragen von Diakonie und Caritas, von evangelischer und katholischer Kirche gemeinsam. Das blaue Schild übersieht fast jeder Reisende — bis er es zum ersten Mal wirklich braucht.
Anders als die meisten Bahnhofsmissionen im Land ist die Frankfurter rund um die Uhr besetzt, 365 Tage im Jahr — auch in den Stunden, in denen die Halle leer steht und der letzte Fernzug längst abgefahren ist. Der Hauptbahnhof ist einer der meistfrequentierten Bahnhöfe Europas, durch den werktags Hunderttausende strömen; ebbt der Strom ab, bleiben die zurück, die nirgends hinkönnen. Ein festes Team aus hauptamtlichen Kräften und rund 45 Ehrenamtlichen hält den Betrieb Schicht für Schicht in Gang — hinter der schmalen Tür gleich neben dem Aufgang zu Gleis 1.
An diesem Abend sind zwei Ehrenamtliche im Dienst, eine Frau Anfang sechzig und ein Student, dazu eine hauptamtliche Sozialarbeiterin. Sie kochen Tee, schmieren Brote, füllen Formulare aus. Vor allem hören sie zu. Wer nachts kommt, hat den Anschluss verpasst, das Portemonnaie verloren, oft die Wohnung, manchmal auch den Halt.

Zwischen Reiseplan und Absturz
Die Fälle einer Nacht ergeben kein einheitliches Bild, und genau das ist der Punkt. Eine ältere Dame steht ratlos vor der Anzeigetafel, ihr Anschlusszug ist ausgefallen, das Hotel längst geschlossen. Ein junger Mann, offenkundig auf der Durchreise und ohne Geld, fragt nach einem Fahrschein, den es hier nicht gibt — wohl aber nach einem Weg, wie es weitergeht. Später kommt jemand, der einfach nur im Warmen sitzen möchte, weil draußen der Regen quer über den Vorplatz zieht.
Das Bahnhofsviertel ringsum hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, doch der Bahnhof bleibt ein Ort, an dem sich die Lagen der Stadt bündeln wie unter einem Brennglas. Wer verstehen will, wie hier Abend für Abend zwei Welten aufeinandertreffen, dem sei der Blick ins Bahnhofsviertel und in die Nachtschicht des Quartiers empfohlen. Die Mission ist die stille Konstante dazwischen.
Wer nachts hier ankommt, hat oft den letzten Zug verpasst — und manchmal noch viel mehr.
Die Redaktion
Geholfen wird ohne Vorbedingung. Niemand muss seine Geschichte erzählen, niemand nach Papieren fragen. Ein Becher Tee, ein Brot, ein Telefonat mit einer Notunterkunft — das ist keine große Geste, aber in dieser Nacht die richtige. Die Ehrenamtlichen sagen, sie hätten gelernt, nicht zu urteilen. Wer heute hilft, könne morgen selbst der sein, der Hilfe braucht.
Ein Dienst, der niemandem auffällt
Das Erstaunliche an der Bahnhofsmission ist, wie wenig sie sich in Szene setzt. Kein Spendenlauf, keine Kampagne, kein prominentes Gesicht. Die Arbeit lebt von Menschen, die nach Feierabend oder am Wochenende kommen, sich eine Weste überstreifen und tun, was ansteht. Die einen sind im Ruhestand, die anderen kommen direkt von der Spätschicht; alle haben eine Einführung durchlaufen und wissen, wann ein Fall über sie hinausreicht und an die Fachdienste der Stadt gehört. Viele bleiben Jahre, manche Jahrzehnte. Nachwuchs aber ist knapp, wie überall im Ehrenamt, und die Nachtschichten sind am schwersten zu besetzen.
Gegen drei Uhr wird es ruhiger. Der Student räumt die Becher zusammen, die Sozialarbeiterin notiert die letzten Vermittlungen. Draußen kündigt ein erstes Rumpeln den frühen Betrieb an; bald, gegen halb fünf, rollt die erste S-Bahn wieder, bald füllt sich die Halle mit Menschen, die es eilig haben und das kleine Fenster an Gleis 1 nicht bemerken werden.
Man verlässt die Mission mit einem eigentümlichen Gefühl. Frankfurt versteht sich gern als Stadt der Türme, der Zahlen, der großen Bewegungen. Doch ihr sozialer Kitt liegt woanders: in einer Teeküche neben dem Gleis, an den Tischen der Tafel, in ein paar Menschen, die freiwillig wach bleiben, damit niemand ganz allein durch die Nacht muss. Das blaue Schild wird man von nun an sehen.
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