Stadtleben · Reportage

Die Renaturierung der Nidda: Ein Fluss kehrt zurück

Jahrzehntelang war die Nidda ein begradigter Kanal. Nun bekommt Frankfurts zweiter Fluss seine Kurven zurück. Ein Ortstermin an neu geschaffenen Ufern, Kiesbänken und der Rückkehr des Eisvogels.

Von Imke Sauer 4 Min. Lesezeit
Sanft mäandernder Flusslauf mit frisch angelegten Kiesbänken und niedrigem Uferbewuchs im Abendlicht
01Nidda-Aue, Frankfurt-Höchst, 19:10 Uhr— Wo der Fluss früher schnurgerade floss, hat er heute wieder Kurven und flache Ufer.Foto: Zeit Frankfurt

Es ist kurz nach vier an einem Julinachmittag, als in Rödelheim ein Graureiher von einer frisch aufgeschütteten Kiesbank abhebt und über das flache Wasser davonstreicht. Wo die Nidda hier heute in weichen Bögen an den Kleingärten vorbeizieht, floss sie noch vor wenigen Jahrzehnten schnurgerade, tief eingegraben, das Ufer mit Steinen und Beton gesichert. Man hatte den Fluss vor knapp hundert Jahren gezähmt, um Bauland zu gewinnen, die feuchten Wiesen trockenzulegen und das Wasser möglichst rasch abzuführen. Was dabei verloren ging, bekommt Frankfurts zweiter Fluss seit einigen Jahren Stück für Stück zurück: seine Kurven, seine flachen Ufer, sein Leben.

Die Nidda entspringt im Vogelsberg, durchfließt die Wetterau und erreicht Frankfurt im Nordwesten, ehe sie nach knapp zwanzig Kilometern Stadtstrecke bei Höchst in den Main mündet. Auf diesem Weg begleitet sie der Grüngürtel mit seinem Rundwanderweg, vorbei an Praunheim, Hausen und Rödelheim, durch Auwiesen und Schrebergärten. Genau hier, zwischen Wohnquartieren und Kleingärten, betreibt das Umweltamt der Stadt Frankfurt seit den frühen 2000er-Jahren eine der größten ökologischen Baumaßnahmen der Stadt.

Ein Fluss bekommt seine Kurven zurück

Renaturierung klingt technisch, meint aber etwas Anschauliches. Abschnittsweise hat die Stadt die harten Uferbefestigungen herausgebrochen und dem Fluss erlaubt, sich wieder auszubreiten. Bagger haben neue Mäander gegraben, Kiesbänke aufgeschüttet und die steilen Ufer abgeflacht. Am Alten Flugplatz in Bonames, wo einst Hubschrauber der US-Armee starteten, wurden ganze Betonflächen aufgebrochen; heute darf sich das Wasser dort in einer offenen Aue verzweigen. Wo die Nidda früher durch einen Kanal schoss, fließt sie nun langsam, staut sich und tritt bei Hochwasser über die Wiesen.

Nahaufnahme von Kieselsteinen und flachem, klarem Wasser an einer neu gestalteten Uferzone
02Niddaufer, Frankfurt-Rödelheim, 16:45 Uhr— Flache Kiesbänke bieten Fischen und Insekten neuen Lebensraum.Foto: Zeit Frankfurt

Gerade dieser letzte Punkt ist entscheidend. Eine breite Aue, die überflutet werden darf, ist der beste Hochwasserschutz, den ein Fluss haben kann – Rückhalteraum, den auch die europäische Wasserrahmenrichtlinie seit dem Jahr 2000 einfordert. Statt das Wasser mit immer höheren Deichen in die dicht bebauten Stadtteile zu zwingen, gibt man ihm Fläche, sich auszudehnen. Was wie ein Rückschritt ins Ursprüngliche aussieht, ist in Wahrheit moderne Wasserwirtschaft, die aus den Fehlern der Betonjahrzehnte gelernt hat.

Man kann einen Fluss begradigen. Aber man kann ihm auch seine Umwege zurückgeben.

Die Rückkehr der Arten

Der Lohn dieser Arbeit lässt sich sehen und hören. In den flachen, sauerstoffreichen Uferzonen laichen wieder Fische wie Nase und Barbe, die schnelles Wasser über sauberem Kies brauchen und in einem betonierten Kanal keine Laichplätze finden. Libellen jagen über den Stillwasserzonen, und mit etwas Geduld sieht man den blau-orangenen Blitz eines Eisvogels über das Wasser schießen. Sogar der Biber ist zurückgekehrt und fällt an manchen Ufern Weiden, sehr zum Erstaunen der Spaziergänger. Die Aue der Nidda zählt so zu den wichtigsten Achsen der Stadtnatur und des Artenschutzes im Frankfurter Nordwesten.

Auch für die Menschen hat sich der Fluss verändert. An warmen Tagen sitzen Familien auf den Kiesbänken, Kinder waten durch das knöcheltiefe Wasser, Radler lehnen ihre Räder an die Weiden. Wo früher eine Betonkante das Ufer abschloss, führt heute ein schmaler Pfad hinunter ans Wasser, und die Aue ist zu einem der beliebtesten Naherholungsräume im Norden und Westen der Stadt geworden. Der Fluss ist wieder ein Ort, an dem man sein will, nicht bloß ein Abflusskanal, an dem man vorbeigeht.

Ein Projekt für Generationen

Vollendet ist die Renaturierung noch lange nicht. Sie schreitet abschnittsweise voran, immer dort, wo Flächen frei werden und Mittel vorhanden sind. Von der Mündung in Höchst bis hinauf nach Bonames und Harheim hat die Stadt auf diese Weise über die Jahre schon mehrere Kilometer Ufer umgestaltet. Ziel des Umweltamts ist es, die einzelnen naturnahen Abschnitte nach und nach zu einer durchgehenden Aue zu verbinden. Doch manche Wünsche kollidieren mit Kleingärten, Wegen oder Abwasserleitungen, und jeder Meter Ufer muss geplant, finanziert und mitunter gegen Widerstände durchgesetzt werden. Ein Fluss lässt sich nicht in einer Wahlperiode heilen.

Doch die Richtung stimmt. Kurz nach sieben steht die Sonne tief über der Mündung in Höchst, und das Wasser zieht golden über die Kiesbänke. Wer jetzt hier steht, erlebt keinen unberührten Naturfluss, sondern etwas womöglich Wertvolleres: einen Fluss, dem eine Großstadt bewusst wieder Raum gegeben hat. Es ist ein leises, geduldiges Projekt – und vielleicht eines der schönsten, das Frankfurt derzeit betreibt.

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