Stadtteile · Erklaerstueck
Nachkriegsmoderne: Bauen im zerstörten Frankfurt
Nach den Bomben lag Frankfurt in Trümmern – und musste sich neu erfinden. Warum die Stadt beim Wiederaufbau meist auf Moderne statt Rekonstruktion setzte und was davon heute noch steht.
Um zu verstehen, warum Frankfurt so aussieht, wie es aussieht, muss man in den März 1944 zurückgehen. In wenigen Nächten legten alliierte Luftangriffe die Altstadt in Schutt und Asche – eines der größten zusammenhängenden Fachwerkensembles Europas, über Jahrhunderte gewachsen, war in Stunden vernichtet. Was blieb, war eine Trümmerwüste, aus der einzelne Mauerreste ragten. Bei Kriegsende war etwa die Hälfte des Frankfurter Wohnraums zerstört oder unbewohnbar.
Der Wiederaufbau, der folgte, war keine ästhetische Entscheidung allein, sondern zuerst eine Frage des blanken Überlebens. Zehntausende brauchten Dächer über dem Kopf, und zwar schnell. Baumaterial war knapp, Geld erst recht. In dieser Lage entschied sich Frankfurt, anders als etwa Münster oder das ferne Warschau, überwiegend gegen die originalgetreue Rekonstruktion und für den zügigen, modernen Neubau.
So entstand die Stadt, die viele heute als nüchtern empfinden: schlichte Wohnzeilen, Rasterfassaden, viel Beton und breite Straßen für das Auto, das man damals für die Zukunft hielt. Die Nachkriegsmoderne prägte das Frankfurter Stadtbild tiefer als jede andere Epoche des 20. Jahrhunderts.

Die Idee der neuen Stadt
Hinter dem Wiederaufbau stand mehr als Pragmatismus. Viele Planer sahen in den Trümmern auch eine Chance: die engen, dunklen Verhältnisse der alten Stadt hinter sich zu lassen und eine lichte, aufgelockerte, verkehrsgerechte Stadt zu bauen. Vorbild war der Zeilenbau, bei dem freistehende Wohnriegel parallel ins Grüne gesetzt werden – ein Ideal, das Frankfurt schon im Neuen Frankfurt der zwanziger Jahre erprobt hatte und nun im großen Maßstab fortschrieb.
Sichtbar wird das in den Großsiedlungen am Stadtrand, allen voran der Nordweststadt, die gegen Ende der fünfziger Jahre geplant und in den Sechzigern gebaut wurde und ganze Wohnquartiere um ein zentrales Einkaufszentrum gruppierte. In der Innenstadt wuchs die Zeil zur modernen Geschäftsstraße; das Bienenkorbhaus aus den fünfziger Jahren steht bis heute für den optimistischen, funktionalen Ton jener Aufbaujahre. Leitbild war die autogerechte Stadt, die dem Verkehr Vorfahrt gab – eine Entscheidung, deren Folgen die Innenstadt bis heute tragen muss.
Der Wiederaufbau war keine Frage des Geschmacks allein, sondern der nackten Not.
Nicht alles davon ist gealtert wie gutes Design. Manche autogerechte Schneise, manche kahle Platzfläche wirkt heute lieblos. Doch es gibt auch Perlen der Nachkriegsmoderne – elegant proportionierte Bürobauten, sorgfältig detaillierte Wohnhäuser –, die man erst auf den zweiten Blick zu schätzen lernt. Wer wissen will, wie tief der Bruch von 1945 reicht, findet in diesen Bauten die Antwort in Stein.
Wo doch rekonstruiert wurde
Ganz ohne Rekonstruktion kam allerdings auch das moderne Frankfurt nicht aus. Das zerstörte Goethe-Haus am Großen Hirschgraben wurde bis 1951 originalgetreu wiederaufgebaut, Zimmer für Zimmer – und das gegen erbitterten Widerstand. Der Publizist Walter Dirks warb 1947 unter dem Titel „Mut zum Abschied“ dafür, auf den originalgetreuen Wiederaufbau zu verzichten – man solle den Mut haben, Abschied zu nehmen, statt eine Kopie zu errichten. Die Paulskirche wiederum wurde bis 1948, pünktlich zum hundertsten Jahrestag der Nationalversammlung, in betont schlichter, moderner Form neu errichtet – ein bewusst nüchterner Gegenentwurf zum historischen Original.
Die Rückkehr der Rekonstruktion
Interessant ist, dass Frankfurt seine radikale Linie später teilweise revidierte. In den achtziger Jahren baute die Stadt die Ostzeile am Römerberg wieder auf – jene Reihe von Fachwerkhäusern, die das historische Bild des Platzes prägen. Es war ein Signal: Die Sehnsucht nach dem verlorenen Alten war nicht verschwunden.
Den vorläufigen Höhepunkt bildete die Neue Altstadt, die 2018 zwischen Dom und Römer eröffnete. Auf dem Areal des abgerissenen Technischen Rathauses entstanden rund drei Dutzend rekonstruierte und neu interpretierte Häuser, die das mittelalterliche Gassennetz nachzeichnen. Über kaum ein Bauprojekt der jüngeren Frankfurter Geschichte wurde so leidenschaftlich gestritten – zwischen der Freude über das wiedergewonnene Bild und dem Vorwurf, hier entstehe bloß eine hübsche Kulisse.
Zwei Seelen einer Stadt
Frankfurt trägt bis heute beide Impulse in sich: den Mut zur Moderne und die Sehnsucht nach Geschichte. Die Skyline aus Glas und Stahl steht nur wenige Gehminuten von den rekonstruierten Fachwerkgiebeln entfernt. Diese Spannung ist kein Widerspruch, sondern das Ergebnis eines langen Ringens darum, wie eine zerstörte Stadt mit ihrer Vergangenheit umgehen soll.
Die Nachkriegsmoderne wird oft unterschätzt, weil sie unspektakulär daherkommt. Doch sie ist das ehrliche Zeugnis einer Zeit, in der Frankfurt aus dem Nichts wieder zur Stadt werden musste. Man muss ihre Bauten nicht lieben. Aber man sollte sie lesen können – als Kapitel einer Geschichte, die mit Trümmern begann.
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