Damals

Ostzeile am Römerberg: Frankfurts erste Rekonstruktionsdebatte

Lange vor der Neuen Altstadt stritt Frankfurt schon einmal erbittert über rekonstruiertes Fachwerk: Zwischen 1981 und 1983 entstand die kriegszerstörte Ostzeile am Römerberg originalgetreu neu. Aus dem „Disneyland“-Vorwurf von damals wurde die Postkartenansicht von heute — und ein Präzedenzfall für die ganze Republik.

Von Johanna Roth 7 Min. Lesezeit
Die Fachwerkzeile am Samstagsberg in tiefer Nachmittagssonne als breites Panorama, Passanten nur als Silhouetten.
01Römerberg, Samstagsberg, 17:20 Uhr— Tiefe Nachmittagssonne auf dem Fachwerk der Ostzeile — die berühmteste Postkartenansicht der Stadt ist keine 45 Jahre alt.Foto: Zeit Frankfurt

Wer heute auf dem Römerberg steht und die Fachwerkzeile auf der Ostseite fotografiert — und es fotografieren an guten Tagen Tausende —, hält ein Paradox im Sucher: Das älteste Bild Frankfurts ist eines seiner jüngsten Bauwerke. Der Große Engel, der Goldene Greif, der Wilde Mann und ihre Nachbarn am Samstagsberg sind keine 45 Jahre alt. Sie entstanden zwischen 1981 und 1983 als originalgetreue Rekonstruktion jener Bürgerhäuser, die im März 1944 mit der gesamten Altstadt verbrannt waren. Und sie entstanden gegen erbitterten Widerstand: Lange bevor die Stadt über die Neue Altstadt stritt, führte sie an genau dieser Stelle ihre erste große Rekonstruktionsdebatte — mit denselben Argumenten, derselben Wucht und einem Ausgang, der die deutsche Baukultur bis heute prägt.

Um die Fallhöhe zu verstehen, muss man einen Moment zurückblenden. Frankfurts Altstadt war vor dem Krieg eine der größten zusammenhängenden Fachwerkstädte Mitteleuropas, ein Gewirr aus mehr als tausend Häusern zwischen Dom und Römer, gewachsen seit dem Mittelalter. Die Luftangriffe vom März 1944 löschten sie in wenigen Nächten aus; wie die Stadt 1945 in den Trümmern neu anfing, haben wir an anderer Stelle erzählt. Der Wiederaufbau der Nachkriegsjahrzehnte entschied sich gegen das Gestern: breite Straßen, moderne Zeilenbauten, und über den Kellern der alten Mitte parkte man das Thema buchstäblich zu — mit dem Technischen Rathaus der Siebzigerjahre, einem Betonriesen mitten im historischen Herzen. Der Römerberg selbst blieb ein halbfertiger Ort: im Westen der wiederhergestellte Römer, im Süden die Alte Nikolaikirche, im Osten — eine Lücke.

Die Lücke am Samstagsberg wurde zur Grundsatzfrage

Dass genau diese Lücke zum Schauplatz der Grundsatzdebatte wurde, war kein Zufall. Der Samstagsberg, die leicht ansteigende Ostseite des Platzes, hatte vor der Zerstörung eine der berühmtesten Häuserzeilen der Stadt getragen: giebelständige Fachwerkhäuser des 15. bis 17. Jahrhunderts, deren Namen — Großer Engel, Goldener Greif, Wilder Mann, Kleiner Dachsberg, Schwarzer Stern — nach alter Frankfurter Art von den Hauszeichen stammten. Vor dieser Kulisse hatten Kaiserkrönungen ihre Festspiele gefeiert; der Platz war über Jahrhunderte die gute Stube der Stadt gewesen, Endpunkt des Krönungswegs, über den unser Guide vom Dom zum Römer führt.

In den Siebzigerjahren kippte die Stimmung im Land: Die Abrissmoderne geriet in die Kritik, das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 gab dem neuen Geschichtsbewusstsein einen Namen, und in Frankfurt verband sich beides mit einem Machtwechsel im Römer. Die Stadtregierung unter Oberbürgermeister Walter Wallmann machte die Mitte zur Chefsache: Zwischen Dom und Römer sollten die Schirn und eine neu bebaute Saalgasse entstehen — und am Samstagsberg, als Herzstück, die alte Häuserzeile wiederkehren, so originalgetreu, wie es Fotografien, Aufmaße und erhaltene Pläne erlaubten.

Die heutige Postkartenansicht Frankfurts war einmal das umstrittenste Bauprojekt der Stadt.

„Disneyland" war das Schlagwort — und traf den Nerv der Zeit

Was dann losbrach, kann man sich heute, da die Zeile auf jedem zweiten Frankfurt-Souvenir prangt, kaum noch vorstellen. Für weite Teile der Architektenschaft und der Kritik war die Rekonstruktion ein Sündenfall: Geschichte lasse sich nicht nachbauen, hieß es, wer zerstörte Häuser kopiere, fälsche Vergangenheit und mache die Stadt zur Bühne. Das Schlagwort vom „Disneyland" machte die Runde, andere spotteten über „Kulissenzauber" und ein „Museumsdorf für Touristen". Dahinter stand ein ernstes Argument, das die Debatte bis heute begleitet: Die ehrliche Antwort auf die Zerstörung sei das sichtbar Neue, nicht die tröstliche Attrappe — alles andere verharmlose, was 1944 geschehen war.

Auf der anderen Seite stand eine Sehnsucht, die sich von Fachdebatten wenig beeindrucken ließ. Die Frankfurterinnen und Frankfurter hatten drei Jahrzehnte mit einer Mitte gelebt, die keine war; die Erinnerung an die alte Stadt wurde in Fotobänden und Familienerzählungen wachgehalten. Als die Pläne öffentlich wurden, zeigte sich eine deutliche Mehrheit der Bürger hinter der Rekonstruktion — für viele war die Zeile kein Bühnenbild, sondern eine Wiedergutmachung, so weit Balken und Schnitzwerk sie leisten können. Es ist dieselbe Konstellation, die sich drei Jahrzehnte später beim DomRömer-Projekt wiederholen sollte: hier die Fachwelt mit dem Authentizitätsargument, dort eine Stadtgesellschaft, die ihre Mitte zurückwollte.

Nahaufnahme von geschnitztem Zierwerk und Balkenköpfen an einer Fachwerkfassade der Ostzeile im Streiflicht.
02Ostzeile, Fassadendetail, 17:45 Uhr— Geschnitzte Balkenköpfe, verzapfte Hölzer: Für die Ostzeile mussten Zimmerleute Techniken wiederbeleben, die kaum noch jemand beherrschte.Foto: Zeit Frankfurt

Auf der Baustelle wurden vergessene Handwerkskünste wiederbelebt

Während die Feuilletons stritten, begann am Samstagsberg eine Baustelle, wie es sie in der Bundesrepublik noch nicht gegeben hatte. Denn originalgetreues Fachwerk lässt sich nicht aus dem Katalog bestellen: Die Häuser mussten in traditioneller Holzbauweise errichtet werden, mit Zapfen, Holznägeln und handwerklichen Verbindungen, die in den Lehrplänen der Zimmerleute längst Randnotizen geworden waren. Handwerker arbeiteten sich in historische Abbundtechniken ein, Schnitzer rekonstruierten Zierbalken und Figuren nach Fotografien, Restauratoren tüftelten an Farbfassungen, wie sie die Vorkriegszeile getragen hatte. Einzelne gerettete Fragmente — geborgene Spolien der zerstörten Originale — fanden zurück an die Fassaden. Man kann das Ergebnis bis heute mit den Fingern nachvollziehen: Wer am Großen Engel die Balkenköpfe betrachtet, sieht keine gefräste Dekoration, sondern Schnitzarbeit.

Bemerkenswert am Frankfurter Weg war dabei, dass die Stadt gar nicht alles rekonstruierte: Parallel zur originalgetreuen Ostzeile entstanden an der benachbarten Saalgasse betont zeitgenössische Stadthäuser namhafter Architekten und mit der Schirn ein selbstbewusst moderner Kunstbau. Alt und Neu wurden bewusst nebeneinandergestellt — als hätte die Stadt beschlossen, den Streit nicht zu entscheiden, sondern zu bebauen. Gerade diese Doppelstrategie nahm der Debatte etwas von ihrer Schärfe: Wer die Rekonstruktion für Verrat an der Moderne hielt, bekam fünfzig Meter weiter die Moderne; wer die Moderne für seelenlos hielt, bekam am Samstagsberg seine Giebel.

1983 war die Zeile fertig, sechs Giebel gegen den Himmel, und die Stadt feierte sie, als hätte es den Streit nie gegeben. Die Häuser bekamen gastronomische und kleinteilige Nutzungen, der Platz davor wurde wieder, was er Jahrhunderte gewesen war: Bühne des Stadtlebens, vom Weihnachtsmarkt bis zu den Feiern der Eintracht. Und etwas Merkwürdiges geschah mit der Kritik — sie verstummte nicht durch Argumente, sondern durch Gewöhnung. Binnen weniger Jahre war die Ostzeile das Bildzeichen Frankfurts schlechthin, die Antwort der Stadt auf die Frage, wie sie neben den Banktürmen auch aussehen kann. Kaum jemand, der heute davorsteht, käme auf die Idee, hier eine Fälschung zu sehen.

Die steilen Giebel der Ostzeile von unten gegen den blauen Himmel fotografiert, Fachwerkbalken staffeln sich nach oben.
03Samstagsberg, 12:30 Uhr— Sechs Giebel gegen den Himmel: Vorbild waren Fotografien, Aufmaße und Pläne der 1944 verbrannten Originale.Foto: Zeit Frankfurt

Ohne den Samstagsberg gäbe es die Neue Altstadt nicht

Historisch gewirkt hat die Ostzeile vor allem als Präzedenzfall. Sie bewies, dass Rekonstruktion in der Bundesrepublik mehrheitsfähig, handwerklich machbar und städtebaulich erfolgreich sein kann — und lieferte damit das Argument, auf das sich alle späteren Projekte beriefen: die Dresdner Frauenkirche, die Debatten um Schlösser und Altmärkte anderswo, vor allem aber Frankfurts eigene Fortsetzung. Als die Stadt nach der Jahrtausendwende das Technische Rathaus abriss und zwischen Dom und Römer das DomRömer-Quartier plante, wiederholte sich die Debatte fast wortgleich — samt „Disneyland"-Vorwurf. Doch diesmal stand am Samstagsberg das Gegenargument bereits gebaut. 2018 eröffnete die Neue Altstadt mit ihren rekonstruierten und neu interpretierten Häusern; ob sie Kulisse oder gewachsenes Viertel geworden ist, haben wir in einem eigenen Text geprüft.

Bleibt die Frage, was die Ostzeile heute eigentlich ist: Original, Kopie, Denkmal? Die ehrlichste Antwort lautet: ein Dokument — nicht des 16. Jahrhunderts, sondern des 20. Sie erzählt weniger davon, wie Frankfurt einmal aussah, als davon, was die Zerstörung mit dieser Stadt gemacht hat und wie sie versucht hat, sich zu heilen. Vielleicht ist das der Grund, warum der Streit von damals aus heutiger Distanz beinahe versöhnlich wirkt: Beide Seiten hatten recht. Die Kritiker mit dem Satz, dass sich Geschichte nicht zurückbauen lässt. Und die Bürger mit der Ahnung, dass eine Stadt Orte braucht, an denen sie sich wiedererkennt.

Der abendlich beleuchtete Römerberg mit warm angestrahltem Fachwerk und spiegelndem Pflaster nach einem Regenschauer.
04Römerberg, 21:50 Uhr— Nach dem Regen: Was 1980 als „Kulisse" geschmäht wurde, ist längst der meistfotografierte Platz der Stadt.Foto: Zeit Frankfurt

Am schönsten prüft man das Ergebnis abends, wenn die Strahler das Fachwerk wärmen und das Pflaster nach einem Schauer den Platz verdoppelt. Dann stehen dort keine Streitschriften mehr, sondern einfach sechs Häuser, vor denen sich Menschen fotografieren. Fast niemand von ihnen weiß, dass er vor dem einst umstrittensten Bauprojekt der Stadt steht. Genau daran lässt sich der Ausgang der Debatte ablesen: Die Ostzeile hat gewonnen — nicht im Feuilleton, sondern im Alltag.

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