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Das Neue Frankfurt: Wie Ernst May die Stadt sozial baute

Licht, Luft, Sonne – und eine Einbauküche für alle: In den 1920er-Jahren baute Ernst May in Frankfurt rund 15.000 Wohnungen und erfand ganz nebenbei das moderne Wohnen. Ein Blick zurück.

Von Georg Böhm 4 Min. Lesezeit
Geschwungene weiße Wohnzeilen mit Flachdächern und Grünstreifen aus den 1920er-Jahren
01Römerstadt, 15:20 Uhr— Die geschwungenen Wohnzeilen der Römerstadt folgen dem Verlauf des Niddatals.Foto: Zeit Frankfurt

Wer im Frankfurter Nordwesten durch die Römerstadt spaziert, geht durch ein Stück Architekturgeschichte, das weit über die Stadt hinaus gewirkt hat. Die geschwungenen, weiß verputzten Wohnzeilen mit ihren Flachdächern, den horizontalen Fensterbändern und den kleinen Vorgärten wirken bis heute erstaunlich frisch. Dabei sind sie fast hundert Jahre alt – errichtet Ende der 1920er-Jahre im Rahmen eines Programms, das schlicht „Das Neue Frankfurt“ hieß.

Sein Kopf war Ernst May, von 1925 bis 1930 Stadtbaurat und Leiter des städtischen Siedlungsamts. Seine Mission war klar: bezahlbaren, gesunden Wohnraum für die vielen zu schaffen, nicht nur für die wenigen. In nur fünf Jahren ließ er rund 15.000 Wohnungen bauen – ein für die damalige Zeit atemberaubendes Tempo, ermöglicht durch industrielle Methoden, standardisierte Bauteile und eine kompromisslose Idee vom modernen Leben. Die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg war drückend; statt auf den Markt zu warten, entschied sich die Stadt, selbst zu bauen.

Das Leitmotiv hieß „Licht, Luft, Sonne“. Schluss mit den finsteren Hinterhöfen der Gründerzeit, in denen sich die Menschen drängten. Stattdessen: durchsonnte Zimmer, Grün vor der Tür, klare Linien. Die eigene Zeitschrift des Programms, ebenfalls „Das Neue Frankfurt“ betitelt, trug diese Ideen ab 1926 in die Fachwelt – Frankfurt wurde für wenige Jahre zum Labor der Moderne.

Schlichte helle Wohnhausfassade mit horizontalen Fensterbändern und Vorgärten
02Siedlung im Nordwesten, 11:00 Uhr— Klare Linien, Flachdächer, viel Licht: die Handschrift des Neuen Frankfurt.Foto: Zeit Frankfurt

Siedlungen wie Manifeste

Die Römerstadt am Hang über der Nidda ist das bekannteste Beispiel, aber längst nicht das einzige. Allein hier entstanden gut 1.200 Wohnungen, deren geschwungene Zeilen dem Verlauf des Flusstals folgen; vorspringende Bastionen sicherten die Siedlung gegen das Hochwasser. In Praunheim erprobte Mays Team ab 1926 die Montagebauweise mit vorgefertigten Betonplatten – ein früher Vorläufer des späteren Plattenbaus. Und in Westhausen, gebaut um 1930, wurde die Zeilenbauweise am konsequentesten umgesetzt: lange, parallel und gleich ausgerichtete Wohnreihen, damit jede Wohnung dasselbe Maß an Sonne bekam.

Möglich wurde dieses Tempo durch einen Umbau der Verwaltung. May bündelte Planung, Hochbauamt und Siedlungsgesellschaft, setzte auf Typisierung und Normung – bis hin zu genormten Fenstern, Türen und Grundrissen. Standardisierung war für ihn kein Selbstzweck, sondern das Mittel, um Qualität bezahlbar zu machen. Das Programm blieb nicht bei Wohnungen: Zu ihm gehörten Schulen, Kindergärten und öffentliche Bauten wie die von Martin Elsaesser entworfene Großmarkthalle im Ostend, die heute zur Europäischen Zentralbank gehört. May dachte nicht in einzelnen Häusern, sondern in ganzen Nachbarschaften – mit Grünflächen, Läden, Waschhäusern und durchdachten Wegen.

Diese Siedlungen waren gebaute Manifeste. Sie sollten beweisen, dass sich Qualität und Masse nicht ausschließen, dass man auch mit knappem Budget würdevoll wohnen kann. Wie sehr diese Frage Frankfurt bis heute umtreibt, zeigt jede aktuelle Debatte über Mieten und Wohnungsbau – die Grundprobleme haben sich seit Mays Zeiten kaum verändert.

Wohnen sollte kein Privileg sein, sondern ein Recht – gebaut in Serie, für Tausende Familien.

Die Küche, die die Welt veränderte

Zum Neuen Frankfurt gehört ein Möbelstück von Weltruhm: die Frankfurter Küche, entworfen von der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky. Auf gut sechs Quadratmetern brachte sie alles unter, was für effizientes Arbeiten nötig schien; jeder Griff, jede Schublade war durchdacht, jeder Weg optimiert. Rund 10.000 dieser Einbauküchen wurden in die neuen Wohnungen montiert.

Diese Küche war die Urform dessen, was heute in Millionen Wohnungen steht. Sie machte aus dem Kochen einen rationalisierten Vorgang und wurde zur Ikone des funktionalen Designs; erhaltene Originale stehen heute in Museen von Frankfurt bis New York. Wie tief sie sich ins Gedächtnis der Stadt eingegraben hat, zeigt die anhaltende Faszination für die Frankfurter Küche, deren Ideen bis heute nachwirken.

Ein Erbe unter Schutz

Nicht alles am Neuen Frankfurt hat die Zeit gut überstanden. Manche Siedlungen wurden verändert, Fenster ausgetauscht, Fassaden gedämmt – oft auf Kosten des ursprünglichen Bildes. Doch das Bewusstsein für den Wert dieser Architektur ist gewachsen: Römerstadt, Praunheim und Westhausen stehen heute unter Denkmalschutz. In einer originalgetreu möblierten Musterwohnung der Römerstadt, dem Ernst-May-Haus, Im Burgfeld 136, lässt sich das Wohngefühl der Zwanzigerjahre sogar besichtigen. Welche Bauten die Stadt bewahrt und welche verschwinden, bleibt eine Frage der Denkmalpflege.

Ernst Mays Vermächtnis ist mehr als eine Sammlung schöner Häuser. Es ist die Idee, dass eine Stadt Verantwortung dafür trägt, wie ihre Bürger wohnen. In einer Zeit knappen und teuren Wohnraums klingt das aktueller denn je. Manchmal muss man fast hundert Jahre zurückblicken, um zu sehen, wie mutig eine Stadt einmal gedacht hat.

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