Damals

Mai 1945: Wie Frankfurt in den Trümmern neu anfing

Im März 1945 endete der Krieg in Frankfurt, sechs Wochen vor dem Rest des Reichs. Zwischen Schuttbergen, Schwarzmarkt und dem US-Hauptquartier im IG-Farben-Haus fielen damals die Entscheidungen, die das Stadtbild bis heute prägen.

Von Johanna Roth 6 Min. Lesezeit
Der Römerberg mit der Alten Nikolaikirche im warmen Morgenlicht, lange Schatten auf dem Pflaster, fast menschenleer.
01Römerberg, 7:50 Uhr— Morgenlicht, lange Schatten, kaum Menschen — 1945 lag hier das Herz der Stadt in Schutt.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt ein Gedankenexperiment, das jeden Gang über den Römerberg verändert: Man stelle sich diesen Platz ohne ein einziges stehendes Haus vor. Keine Giebel, keine Nikolaikirche mit Dach, kein Rathaus — nur Mauerreste, Schutt und der Geruch von kaltem Brand. So sah das Herz Frankfurts aus, als hier im Frühjahr 1945 der Krieg endete. Achtzig Jahre später ist von dieser Stunde null auf den ersten Blick nichts mehr zu sehen. Auf den zweiten Blick ist sie überall: in den breiten Schneisen der Innenstadt, in den Zeilenbauten der Fünfziger, in der Skyline selbst. Die Weichen, die in den Trümmerjahren gestellt wurden, prägen diese Stadt bis heute.

Zerstört wurde Frankfurt nicht 1945, sondern vor allem im März 1944. In zwei verheerenden Angriffswellen am 18. und 22. März legten britische Bomber die Altstadt in Schutt und Asche — die größte zusammenhängende Fachwerkaltstadt Deutschlands, über Jahrhunderte gewachsen, verbrannte in wenigen Stunden. Über tausend Menschen starben allein in diesen Märznächten, Zehntausende verloren ihr Zuhause. Bis Kriegsende war rund die Hälfte aller Frankfurter Wohnungen zerstört oder schwer beschädigt; von den etwa 553.000 Einwohnern des Jahres 1939 lebten am Ende kaum mehr als die Hälfte in der Stadt — der Rest war evakuiert, geflohen, eingezogen oder tot.

Für Frankfurt endete der Krieg schon im März 1945

Die Stunde null kam für Frankfurt früher als für das Reich. Ende März 1945 überquerten amerikanische Truppen den Main und nahmen die Stadt nach wenigen Tagen gegen versprengten Widerstand ein; am 29. März war Frankfurt in amerikanischer Hand — sechs Wochen vor der Kapitulation vom 8. Mai. Was folgte, war zunächst keine Befreiungsfeier, sondern Verwaltung des Mangels: Ausgangssperren, Registrierungen, die Suche nach Unterkünften in einer Stadt, in der ganze Viertel unbewohnbar waren. Familien hausten in Kellern und notdürftig geflickten Etagen, in Behelfsquartieren und Nissenhütten am Stadtrand.

Der Alltag der ersten Jahre wurde von drei Dingen bestimmt: Hunger, Kälte und Tauschhandel. Die zugeteilten Rationen reichten selten, im berüchtigten Hungerwinter 1946/47 froren die Menschen in ausgebombten Wohnungen. Wer etwas brauchte, ging auf den Schwarzmarkt, der rund um den Hauptbahnhof blühte: Zigaretten waren die heimliche Währung, amerikanische Marken die Reservewährung, und ein Pfund Butter kostete ein kleines Vermögen. Erst die Währungsreform vom Juni 1948 — vorbereitet übrigens in Frankfurt, wo die neue Bank deutscher Länder saß — ließ die Schaufenster über Nacht wieder voll werden.

Zur Wahrheit dieser Monate gehört auch, wer da eigentlich neu anfing. In der Stadt lebten Tausende befreite Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, um die sich die Militärverwaltung in Sammellagern kümmerte; in Zeilsheim entstand eines der großen Lager für jüdische Displaced Persons, in dem Überlebende der Schoa auf die Ausreise warteten. Und es kehrten die ersten Emigranten zurück, zögernd, oft nur besuchsweise — in eine Stadt, die ihre jüdische Gemeinde, vor 1933 eine der größten Deutschlands, fast vollständig vertrieben, deportiert und ermordet hatte. Der Neuanfang von 1945 war immer auch eine Inventur dessen, was nicht wiederkam.

Vom Krieg gezeichnete, geflickte Sandsteinquader an einer alten Mauer der Frankfurter Innenstadt im Streiflicht.
02Altstadt, an der Staufenmauer, 10:30 Uhr— Geflickte Quader, helle Ausbesserungen: Wer genau hinsieht, liest die Kriegsschäden bis heute im Stein.Foto: Zeit Frankfurt

Die Trümmer wurden zur Rohstoffquelle

Bevor irgendetwas Neues entstehen konnte, musste das Alte weggeräumt werden — Millionen Kubikmeter Schutt, mehr, als sich heute vorstellen lässt. Frankfurt ging dabei einen bemerkenswert nüchternen Weg: Schon Ende 1945 wurde die Trümmerverwertungsgesellschaft gegründet, die den Schutt nicht einfach aufhäufte, sondern industriell recycelte. Loren- und Trümmerbahnen brachten das Material zu Aufbereitungsanlagen, wo aus zermahlenem Altstadtziegel neue Bausteine gepresst wurden. Ein erheblicher Teil des zerstörten Frankfurts steckt deshalb buchstäblich in den Wänden der Nachkriegsbauten — die alte Stadt wurde nicht entsorgt, sie wurde eingebaut.

Wie lange dieser Prozess dauerte, wird oft unterschätzt: Die letzten Trümmergrundstücke der Innenstadt wurden erst in den Sechzigerjahren bebaut, einzelne Brachen hielten sich noch länger. Der Wiederaufbau war kein Ereignis, sondern eine Epoche — sie umfasst die halbe Lebenszeit derer, die 1945 erwachsen waren.

Im IG-Farben-Haus wurde über Deutschland regiert

Während unten in der Stadt der Schutt rollte, wurde oben am Grüneburgpark Weltpolitik gemacht. Das IG-Farben-Haus, der monumentale Verwaltungsbau von Hans Poelzig aus dem Jahr 1931, hatte den Bombenkrieg nahezu unversehrt überstanden — die Legende, die Amerikaner hätten ihn absichtlich verschont, weil sie ihn schon als Hauptquartier eingeplant hatten, hält sich hartnäckig und ist doch nicht belegt. Fest steht: Dwight D. Eisenhower bezog hier 1945 sein Hauptquartier, und in den Jahren darauf war der Bau das Nervenzentrum der amerikanischen Besatzungszone, halb spöttisch „Pentagon Europas" genannt. In Eisenhowers Büro wurde Hessen als Land proklamiert; von hier aus wurden Entnazifizierung, Care-Pakete und der Wiederaufbau der Verwaltung organisiert. Heute studieren in dem Gebäude die Studierenden der Goethe-Universität — der Campus Westend gehört zu den schönsten Universitätsstandorten des Landes, und man kann die Geschichte des Hauses in seinen Fluren noch immer spüren.

Frankfurt war in diesen Jahren heimliche Hauptstadt: Sitz der bizonalen Verwaltung, des Wirtschaftsrats, der neuen Notenbank. Die Stadt rechnete fest damit, Bundeshauptstadt zu werden, und baute vorsorglich bereits einen Plenarsaal — dann entschied sich der Parlamentarische Rat 1949 mit knapper Mehrheit für Bonn. Der fertige Saal wurde später zum Sendesaal des Hessischen Rundfunks, und Frankfurt behielt statt der Politik das Geld: die Banken, die Börse, die Bundesbank. Man kann im Rückblick fragen, ob die Stadt bei dieser Abstimmung wirklich verloren hat.

Und mitten im Mangel begann, erstaunlich früh, das öffentliche Leben von Neuem: Schon im Sommer 1945 erschien mit der Frankfurter Rundschau die erste von den Amerikanern lizenzierte Zeitung der Stadt, Radio Frankfurt — der Vorläufer des Hessischen Rundfunks — ging auf Sendung, Kinos und Theater spielten in notdürftig geflickten Sälen. Die Besatzungsmacht verstand Presse und Rundfunk ausdrücklich als Schule der Demokratie; dass Frankfurt bis heute Medien- und Verlagsstadt ist, hat auch in diesen Lizenzjahren seine Wurzeln.

Die monumentale Travertin-Fassade des IG-Farben-Hauses am Campus Westend in ruhigem Seitenlicht.
03Campus Westend, 14:20 Uhr— Nahezu unversehrt durch den Krieg: Im Poelzig-Bau regierte ab 1945 die amerikanische Militärverwaltung.Foto: Zeit Frankfurt

Wer verstehen will, warum Frankfurt aussieht, wie es aussieht, muss nicht in die Gegenwart schauen, sondern in die Trümmerjahre.

Der Wiederaufbau entschied, wie Frankfurt heute aussieht

Die folgenreichste Debatte der Trümmerjahre aber drehte sich um eine Frage: wiederaufbauen oder neu bauen? Frankfurt entschied sich — anders als etwa München — fast durchgängig für das Neue. Die Trümmergrundstücke der Altstadt wurden neu geordnet, breite, autogerechte Straßen wie die Berliner Straße als Schneisen durch das alte Gassennetz gelegt, darüber schlichte Zeilen und Rasterfassaden. Rekonstruiert wurde nur, was als unverzichtbar galt: die Paulskirche als demokratisches Symbol schon 1948, die Römer-Front als Postkartenmotiv in den Fünfzigern, der ausgebrannte Dom bis 1953. Der Rest der ältesten Stadt Deutschlands verschwand unter Parkplätzen, Bürobauten und später dem Technischen Rathaus.

Diese Radikalität hatte eine Kehrseite und eine Konsequenz. Die Kehrseite: ein Verlust an gebauter Erinnerung, den viele Frankfurter nie verwunden haben — die Sehnsucht danach entlud sich erst 1983 in der Rekonstruktion der Ostzeile am Römerberg und zuletzt in der Neuen Altstadt. Die Konsequenz: Wo nichts Altes mehr stand, konnte Neues in die Höhe wachsen. Dass ausgerechnet Frankfurt die einzige deutsche Skyline bekam, ist keine Laune des Marktes, sondern eine Spätfolge des März 1944 — und der Entscheidung der Trümmerjahre, nicht zurückzubauen, sondern nach vorn.

Zum Neuanfang gehörte schließlich auch der Anschluss an die Welt: Während in der Innenstadt noch enttrümmert wurde, starteten vom wiederhergerichteten Rhein-Main-Flughafen ab 1948 die Maschinen der Berliner Luftbrücke. Die Stadt, die eben noch Ziel der Bomber gewesen war, wurde binnen drei Jahren zur Basis der größten humanitären Luftoperation der Geschichte — kaum ein Bild fasst die Verwandlung dieser Jahre besser zusammen.

Die Bankenskyline in der Abenddämmerung hinter den wiederaufgebauten Giebeln des Römers.
04Römerberg, 17:10 Uhr— Giebel vorn, Türme dahinter: Beides sind Antworten auf dieselbe Zerstörung — nur siebzig Jahre auseinander.Foto: Zeit Frankfurt

Wer heute abends auf dem Römerberg steht, sieht beide Antworten auf die Zerstörung gleichzeitig: vorn die rekonstruierten Giebel, hinten die Türme aus Glas. Beides ist Nachkriegs-Frankfurt, beides begann in denselben Monaten des Jahres 1945 — zwischen Schuttbergen, Schwarzmarkt und der trotzigen Gewissheit, dass es weitergehen würde. Es ging weiter. Nur eben nicht zurück.

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