Stadtteile · Reportage

Der Goetheturm: Frankfurts hölzernes Wahrzeichen kehrt zurück

In einer Oktobernacht 2017 brannte einer der höchsten Holztürme Deutschlands nieder. Der Aufschrei war riesig, der Wiederaufbau ein Herzensprojekt. Wie der Goetheturm im Stadtwald auferstand.

Von Georg Böhm 4 Min. Lesezeit
Hoher hölzerner Aussichtsturm mit vielen Treppen und Plattformen zwischen den Baumkronen eines Waldes
01Stadtwald, 15:45 Uhr— Der wiederaufgebaute Goetheturm ragt aus den Baumkronen des Frankfurter Stadtwalds.Foto: Zeit Frankfurt

Am Morgen des 12. Oktober 2017 stand Frankfurt unter Schock. In der Nacht war der Goetheturm niedergebrannt, jenes hölzerne Wahrzeichen am nördlichen Rand des Stadtwalds, das Generationen von Frankfurtern als Ausflugsziel gedient hatte. Von dem rund 43 Meter hohen Bauwerk, einem der höchsten Holztürme Deutschlands, blieb kaum mehr als ein Haufen verkohlter Balken.

Errichtet worden war der Turm 1931, ein Werk der Zwischenkriegszeit, ganz aus Holz gefügt, mit einem kunstvollen Gerüst aus Treppen und Plattformen, das sich nach oben verjüngte. Benannt ist er nach Johann Wolfgang von Goethe, dem berühmtesten Sohn der Stadt. Wer als Kind in Frankfurt aufwuchs, war fast zwangsläufig einmal hinaufgestiegen: die vielen Stufen, das leichte Schwanken im Wind, oben der Blick über die Baumkronen bis zur Skyline. Der Goetheturm war kein spektakuläres Monument, aber ein zutiefst vertrauter Ort.

Umso größer war der Verlust. Dass Brandstiftung im Spiel war, wie die Ermittler bald feststellten, machte die Sache noch bitterer; die Täter wurden nie gefasst. Ein sinnloser Akt hatte in wenigen Stunden zerstört, was fast neun Jahrzehnte überdauert hatte.

Blick nach oben durch das hölzerne Balkenwerk eines Aussichtsturms gegen den Himmel
02Goetheturm, 12:30 Uhr— Das kunstvolle Balkenwerk aus Holz trägt die Treppen bis zur obersten Plattform.Foto: Zeit Frankfurt

Ein Aufschrei und ein Versprechen

Die Reaktion der Stadt war bemerkenswert. Schon in den Tagen nach dem Brand war klar: Dieser Turm sollte wiederkommen. Spenden flossen, Bürgerinnen und Bürger meldeten sich zu Wort, die Politik gab das Versprechen ab, den Goetheturm originalgetreu wiederaufzubauen. Selten hat ein einzelnes Bauwerk in Frankfurt so viel spontane Zuneigung ausgelöst.

Das sagt etwas über die besondere Rolle dieses Ortes. Er liegt nicht im Zentrum, nicht in der glänzenden Skyline, sondern am grünen Saum der Stadt, dort, wo Sachsenhausen in den Wald übergeht. Der Frankfurter Stadtwald, einer der größten Stadtwälder Deutschlands und Teil des GrünGürtels, beginnt unmittelbar südlich davon. Von seinen Rändern führen mehrere Waldwege in wenigen Minuten zum Turm, der zwischen den hohen Bäumen fast unvermittelt aufragt. Zu seinen Füßen liegt der Waldspielpark Goetheturm mit Spielplatz und Wiesen, der ihn seit jeher zum Ziel für Familien macht. Wie groß und vielfältig dieser Wald ist, zeigt der Stadtwald in Zahlen.

Ein Turm aus Holz, ein Stück Kindheit – als er brannte, brannte für viele Frankfurter etwas Eigenes.

Der Wiederaufbau

Der Neubau folgte dem historischen Vorbild so genau wie möglich. Wieder erhob sich das charakteristische Gefüge aus Treppen und Zwischenpodesten, gekrönt von der Aussichtsplattform, wieder maß der Turm annähernd 43 Meter. Und doch war es kein reiner Nachbau, sondern eine Gratwanderung zwischen originalgetreuer Rekonstruktion und heutigen Vorschriften zu Statik und Brandschutz.

Der Weg dorthin zog sich. Nach dem Brand griff das städtische Grünflächenamt auf alte Pläne zurück, ließ die Konstruktion neu berechnen und die Arbeiten ausschreiben. Diese Vorbereitungen nahmen gut zwei Jahre in Anspruch. Anfang November 2019 begann schließlich der Wiederaufbau, zunächst mit den Fundamentarbeiten am Standort. Die eigentliche Montage der Turmteile folgte erst im Sommer 2020: Anfang Juli fügten Zimmerleute die tonnenschweren Segmente aus Eiche und Kastanie am Boden zusammen, ehe Ende Juli die Spezialkräne anrückten und die vorgefertigten Bauteile in nur rund zwei Tagen übereinandersetzten. Am 28. Juli 2020 erreichte der Turm seine volle Höhe, zwei Tage später, am 30. Juli, wurde Richtfest gefeiert. Rund 2,4 Millionen Euro kostete der Neubau; den Großteil trug die Versicherung, fast 200.000 Euro kamen aus Spenden.

Für das Publikum öffnete der Goetheturm allerdings erst am 6. April 2021, kurz nach dem Start der neuen Ausflugssaison. An jenem Frühlingstag war der Andrang groß, viele kamen mit ihren Kindern, um ihnen jenen Aufstieg zu ermöglichen, den sie selbst als Kinder erlebt hatten. Der Turm ist, wie eh und je, kostenlos zugänglich. Wer den weiten Blick übers Grüne liebt, findet auf der anderen Mainseite ein verwandtes Erlebnis am Lohrberg.

Warum Orte zählen

Die Geschichte des Goetheturms ist im Kern eine Geschichte über die Bindung zwischen Menschen und Orten. Ein Bauwerk aus Holz hat keinen enormen materiellen Wert, keine Bankfiliale, keine Konzernzentrale. Und doch löste sein Verlust eine Welle der Trauer aus, wie sie kaum ein glänzender Neubau je hervorrufen würde. Solche Bauwerke sind Speicher gemeinsamer Erinnerung, kleiner Alltagsgeschichten, die sich über Jahrzehnte angesammelt haben. Was eine Stadt bewahrt und was sie wiederaufbaut, sagt viel darüber, was ihr wirklich wichtig ist – eine Frage, die weit über die Denkmalpflege hinausreicht.

Vielleicht liegt darin eine Lehre für das Bauen überhaupt. Es sind nicht immer die höchsten, teuersten, spektakulärsten Gebäude, die eine Stadt zusammenhalten. Manchmal ist es ein alter Holzturm im Wald, den man als Kind erklommen hat und zu dem man mit den eigenen Kindern zurückkehrt. Dass Frankfurt ihn zurückholte, war die richtige Entscheidung.

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