Stadtteile · Portraet
Der Messeturm: Helmut Jahns Bleistift über Frankfurt
1991 war er mit 256,5 Metern das höchste Haus Europas. Bis heute erkennt man Helmut Jahns „Bleistift“ schon aus dem Zugfenster. Ein Turm, der Frankfurts Skyline erst zur Skyline machte.
Wer aus Richtung Westen nach Frankfurt hineinfährt, sieht ihn zuerst: einen schlanken Turm, oben zugespitzt, der wie ein überdimensionaler Bleistift in den Himmel ragt. Der Messeturm an der Friedrich-Ebert-Anlage war bei seiner Fertigstellung 1991 mit 256,5 Metern das höchste Hochhaus Europas – ein Titel, den er nur wenige Jahre halten sollte, ehe die Bankentürme nachzogen.
Entworfen hat ihn Helmut Jahn, geboren bei Nürnberg, zu Weltruhm gekommen in Chicago. Jahn gab dem Turm eine Silhouette, die mit dem nüchternen Bürokasten seiner Zeit bewusst brach: ein quadratischer Sockel, ein zylindrischer Schaft, eine gläserne Pyramide als Spitze. Die Frankfurter tauften das Bauwerk kurzerhand „Bleistift“ – und der Spitzname blieb kleben.
Der rötliche Granit der Fassade, die pilasterartigen Halbsäulen, die kannelierten Metall-Schmuckleisten, die klassizistischen Anklänge: Der Messeturm ist ein Kind der Postmoderne, jener Strömung, die nach Jahrzehnten der Strenge wieder Farbe, Ornament und Symbolik zuließ. Wo andere Türme sich hinter Glas versteckten, trug dieser sein Gesicht offen zur Schau.

Ein Turm für die Messe
Anders als die meisten Nachbarn im Hochhauswald ist der Messeturm kein Bankgebäude. Er steht am Rand des Messegeländes, dort, wo einst Ausstellungshallen und Parkplätze lagen, und wurde als reines Büro- und Prestigeobjekt gebaut. Über Jahre war er das Wahrzeichen, das internationale Gäste bei der Anreise über den Autobahnkreuzen als Erstes wahrnahmen.
Mit seinen 55 Etagen und rund 63.000 Quadratmetern Bürofläche war er eine Ansage: Frankfurt, die kleine Großstadt am Main, wollte in der ersten Liga der Finanzmetropolen mitspielen. Der Turm lieferte das Bild dazu. Bis heute rangiert er in jedem Hochhaus-Ranking der Stadt weit oben, auch wenn ihn jüngere Nachbarn längst überragen. Den Titel des höchsten Hauses Europas nahm ihm schon 1997 der Commerzbank Tower ab, der mit 259 Metern nur wenig höher geriet.
Gebaut wurde in nur gut drei Jahren: 1988 begannen die Arbeiten, 1991 war der Turm bezugsfertig, errichtet vom New Yorker Projektentwickler Tishman Speyer. Am Fuß, zur Friedrich-Ebert-Anlage hin, entstand eine öffentlich zugängliche Plaza – und auf ihr steht bis heute der „Hammering Man“ des Bildhauers Jonathan Borofsky, eine über zwanzig Meter hohe Figur, deren Arm sich unermüdlich hebt und senkt. Turm und Skulptur wurden rasch zum Fotomotiv, das keiner Beschriftung mehr bedarf.
Ein Hochhaus muss nicht bloß Fläche stapeln – es darf auch Bühne sein.
Die Redaktion
Postmoderne in Granit und Glas
Was den Messeturm bis heute unverwechselbar macht, ist seine Geometrie. Der Übergang vom Quadrat zum Kreis, vom Kreis zur Pyramide folgt einer klaren Dramaturgie, die man selbst aus großer Entfernung noch lesen kann. Nachts leuchtet die gläserne Spitze und legt sich als Signal über die Dächer, das den Turm auch im Dunkeln kenntlich hält. Bei tiefstehender Sonne glüht der schwedische Granit fast kupferfarben, an grauen Tagen wirkt er gedämpft und schwer.
Kritiker warfen der Postmoderne bald Beliebigkeit vor, ein Zitieren historischer Formen ohne inneren Grund. Doch beim Messeturm wirkt die Geste stimmig: Er will monumental sein, und er ist es. Wer vom Bahnhofsviertel her über die Türme blickt, erkennt sofort, dass hier einer den Ton angeben wollte – ein guter Ausgangspunkt für jeden Spaziergang durchs Bankenviertel.
Der Sockel öffnet sich zu einer überdachten Halle, deren Höhe an ein Kirchenschiff erinnert. Es ist ein Raum, der nicht dem schnellen Durchqueren dient, sondern dem Staunen. Genau darin liegt Jahns Botschaft.
Ein Denkmal auf Zeit?
Inzwischen ist der Messeturm über drei Jahrzehnte alt, und die Frage nach dem Denkmalwert stellt sich bereits. Als er entstand, gab es den Hochhausrahmenplan noch nicht, der Frankfurts Türme seit Ende der neunziger Jahre zu Clustern ordnet; der Bleistift setzte eher den Maßstab, an dem sich die späteren Planungen abarbeiteten. Für viele Frankfurter ist er längst mehr als ein Büroturm – er ist ein vertrautes Stück Stadtsilhouette, so selbstverständlich wie der Dom oder der Main.
Dass ein Gebäude aus den frühen Neunzigern schon heute museal diskutiert wird, sagt viel über das Tempo, in dem Frankfurt seine Skyline schreibt. Wann ein solcher Bau unter Schutz gehört, ist am Ende eine Frage der Denkmalpflege. Der Bleistift jedenfalls hält die Stellung: Während ringsum die gläsernen Neubauten in immer neue Höhen schießen, bleibt er der eine, den man aus dem Zug schon von Weitem erkennt – rötlich, spitz, unverwechselbar. Manchmal ist es nicht die Höhe, die einen Turm unsterblich macht, sondern die Form.
Mehr aus Stadtteile
Alle Artikel →Stadtteile · Portraet
Der Westhafen Tower: Das Gerippte am Main
Der Westhafen Tower heißt im Volksmund „Das Gerippte“, weil seine Glasfassade an ein Apfelweinglas erinnert. Wie der Turm am Main zu genau diesem Namen kam.
Stadtteile · Guide
Skyline von oben: Wo man Frankfurt am besten sieht
Wo sieht man Frankfurts Skyline am besten? Ein Guide zu Aussichtsplattform, Mainufer, Lohrberg und Goetheturm – mit Tipps zu Höhe, Zugang und Tageszeit.
Stadtteile · Reportage
Terminal 3 ist offen: Was das für den Frankfurter Süden heißt
Terminal 3 ist eröffnet — doch was heißt das für Niederrad, Gateway Gardens und Zeppelinheim? Eine Reportage über Verkehr, Lärm und neue Chancen im Süden.

