Stadtteile · Analyse
Denkmalpflege in Frankfurt: Wer entscheidet, was bleibt
Abreißen oder erhalten? In einer Stadt, die sich ständig neu baut, ist Denkmalschutz ein Dauerkonflikt. Wer entscheidet, was schützenswert ist – und warum ausgerechnet die Nachkriegsmoderne umkämpft ist.
Frankfurt ist eine Stadt, die selten stillsteht. Kaum eine andere deutsche Großstadt reißt so viel ab und baut so viel neu wie diese. Genau deshalb ist Denkmalschutz hier ein besonders heikles Geschäft. Denn jedes Mal, wenn ein altes Gebäude einem Neubau weichen soll, stellt sich dieselbe Frage: Ist dieses Haus schützenswert – oder darf es fallen?
Die Antwort geben nicht Bauträger oder Politiker allein. In Hessen liegt die fachliche Beurteilung beim Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden, das den kulturellen und historischen Wert eines Bauwerks einschätzt. Vor Ort entscheidet die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt, angesiedelt beim Denkmalamt. Grundlage ist das Hessische Denkmalschutzgesetz, das seit 1974 gilt. Das klingt nüchtern, ist in der Praxis aber oft ein Schlachtfeld gegensätzlicher Interessen.
Denn Denkmalschutz kollidiert regelmäßig mit dem Druck einer wachsenden Stadt. Wo Wohnungen fehlen, wo Grundstücke Gold wert sind, wo Investoren mit renditestarken Projekten locken, gerät der Erhalt schnell in die Defensive. Ein Denkmal ist teuer im Unterhalt, schränkt die Nutzung ein und steht dem schnellen Gewinn im Weg.
Was ist überhaupt ein Denkmal?
Die Vorstellung, ein Denkmal müsse alt, schön und offensichtlich bedeutend sein, greift zu kurz. Schützenswert kann ein Gebäude aus vielen Gründen sein: wegen seiner Architektur, seiner Geschichte, seiner Bedeutung für ein Stadtviertel oder weil es beispielhaft für eine Epoche steht. Auch ein unscheinbares Haus kann Denkmal sein, wenn es etwas Wichtiges bezeugt.
Diese Bandbreite macht die Sache schwierig. Über ein Fachwerkhaus oder eine barocke Kirche sind sich die meisten schnell einig. Doch je jünger und nüchterner ein Bau, desto umstrittener sein Schutz. Wer will schon einen Betonbau der 1960er-Jahre unter Schutz stellen? Genau hier liegt eines der heißesten Eisen der Frankfurter Denkmalpflege.
Was heute abgerissen wird, kann keine spätere Generation mehr für schützenswert erklären.
Der Streit um die Nachkriegsmoderne
Die Bauten der Nachkriegsmoderne – schlichte Bürohäuser, Kaufhäuser, Betontürme der 1950er- bis 1970er-Jahre – sind heute in einem gefährlichen Alter. Sie sind alt genug, um technisch überholt und wirtschaftlich unattraktiv zu sein, aber zu jung, als dass die breite Öffentlichkeit sie liebte. Viele werden abgerissen, ehe man ihren Wert überhaupt erkannt hat.

Frankfurt liefert dafür reichlich Anschauungsmaterial. Das Technische Rathaus, ein wuchtiger Betonbau von 1974 zwischen Römer und Dom, galt jahrzehntelang als „Betonklotz“ und wurde von kaum jemandem verteidigt, als es ab 2010 fiel. An seiner Stelle entstand die Neue Altstadt – ausgerechnet eine Rekonstruktion des mittelalterlichen Viertels, das der Krieg zerstört hatte. Frankfurt riss also ein echtes, wenn auch ungeliebtes Stück Nachkriegsmoderne ab, um Älteres nachzubauen.
Ähnlich erging es dem AfE-Turm auf dem Campus Bockenheim, mit 116 Metern lange das höchste Hochschulgebäude der Stadt. Im Februar 2014 wurde der Uni-Turm von 1972 gesprengt – für viele nur ein hässlicher Koloss, für Architekturhistoriker ein Zeugnis der Bildungsexpansion jener Jahre. Dass die Anerkennung solcher Bauten der Zerstörung oft hinterherhinkt, lässt sich an der schwankenden Wertschätzung der Nachkriegsmoderne ablesen – manchmal kommt sie zu spät. Denkmalpfleger warnen deshalb vor voreiligen Abrissen, denn was einmal weg ist, kommt nicht wieder.
Dabei zeigt die Stadtgeschichte, dass sich das Urteil wandeln kann. Die Siedlungen des Neuen Frankfurt, die der Stadtbaurat Ernst May in den 1920er-Jahren errichten ließ, galten lange als nüchterne Zweckarchitektur; heute stehen sie unter Schutz und gelten als Meilenstein der Moderne. Was einer Generation banal erscheint, kann der nächsten als bewahrenswert gelten – vorausgesetzt, es steht dann noch.
Erhalten heißt entscheiden
Denkmalpflege ist kein Selbstläufer. Sie verlangt ständige Abwägung: zwischen Alt und Neu, zwischen Erhalt und Nutzung, zwischen dem Interesse Einzelner und dem der Allgemeinheit. Dass die Sehnsucht nach Geschichte schwerer wiegen kann als der Respekt vor dem Bestand, zeigen die gefeierten Rekonstruktionen am Römerberg. Auch der Henninger Turm erzählt davon: Der originale Getreidesilo von 1961 wurde 2013 abgerissen und bis 2017 durch einen Wohnturm ersetzt, dessen Silhouette bewusst an das alte Wahrzeichen erinnert. Die vertraute Form kehrt zurück – das Original aber bleibt verloren, und es stellt sich die Frage, was daran echt ist und was bloß Kulisse.
Am Ende ist Denkmalschutz eine Frage der Haltung. Er ist der Versuch einer Gesellschaft, sich ihrer eigenen Geschichte zu vergewissern und nicht alles dem kurzfristigen Nutzen zu opfern. Wer heute leichtfertig abreißt, nimmt späteren Generationen die Chance, selbst zu entscheiden. Denkmalpflege ist damit immer auch ein Geschenk an jene, die nach uns kommen.
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