Damals · Getestet

Die Neue Altstadt im Test: Kulisse oder gewachsenes Viertel?

Sieben Jahre nach der Eröffnung macht die Redaktion den Praxistest im DomRömer-Quartier: Wie lebendig ist die Neue Altstadt zwischen Dom und Römer wirklich? Vier Kategorien, eine Punktwertung und ein klares Verdikt.

Von Johanna Roth Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Blick über den Hühnermarkt mit Stoltze-Brunnen und rekonstruierten Fassaden der Neuen Altstadt in tiefer Nachmittagssonne.
01Hühnermarkt, 16:45 Uhr— Tiefe Nachmittagssonne über dem Stoltze-Brunnen: Hier soll Stadt sein, nicht Museum — der Test.Foto: Zeit Frankfurt

Der Vorwurf stand schon fest, bevor der erste Kran kam: Disneyland. Kulisse. Puppenstube für Touristen. Kaum ein Frankfurter Bauprojekt der letzten Jahrzehnte wurde so erbittert diskutiert wie das DomRömer-Quartier — 35 Häuser auf historischen Parzellen zwischen Dom und Römer, errichtet dort, wo bis 2010 der Betonriegel des Technischen Rathauses stand und davor, bis zur Brandnacht 1944, das dichteste Altstadtgeflecht Deutschlands. Seit dem Eröffnungsfest 2018 sind sieben Jahre vergangen, die Bauzäune sind Erinnerung, die ersten Mietergenerationen haben gewechselt. Zeit für die Frage, die sich mit Abstand besser beantworten lässt als im Eröffnungsjubel: Ist hier ein Stück Stadt entstanden — oder doch nur ihre Simulation? Wir haben das Quartier über mehrere Tage getestet, morgens um sieben und samstags um fünfzehn Uhr, in vier Kategorien, mit Punkten.

Zur Erinnerung an den Einsatz, um den es ging: Rund 200 Millionen Euro hat sich die Stadt das Projekt kosten lassen, 15 Häuser wurden nach historischem Vorbild rekonstruiert, 20 weitere als sogenannte schöpferische Nachbauten neu entworfen — moderne Architektur im alten Maßstab, mit Gestaltungssatzung und strenger Jury. Versprochen wurde seinerzeit viel: Wohnen und Arbeiten statt Museumsbetrieb, Handwerksqualität statt Fassadenattrappe, ein Quartier für die Frankfurter, nicht nur für deren Gäste. An diesen Versprechen muss sich der Test messen lassen.

Kategorie 1: Alltagstauglichkeit — hier wohnt jemand, aber kauft er auch ein?

Beginnen wir mit dem härtesten Prüffeld. Ein Viertel ist dann keine Kulisse, wenn man in ihm Dinge erledigen kann, die nichts mit Fotografieren zu tun haben. Der Befund nach mehreren Testtagen: durchwachsen. Ja, in der Neuen Altstadt wird tatsächlich gewohnt — abends leuchten Fenster, auf Simsen stehen Blumentöpfe, morgens werden Kinder Richtung Schule verabschiedet, und wer um sieben über den Hühnermarkt geht, trifft Anwohner mit Bäckertüten statt Reisegruppen mit Wimpeln. Das ist mehr Alltagsleben, als die Kritiker von 2018 für möglich hielten. Aber: Der Einzelhandel des Quartiers arbeitet fast vollständig für den Besucher. Souvenirs, Confiserie, Kunsthandwerk, Gastronomie — was fehlt, ist die profane Grundversorgung, der Laden, in dem man Milch, Zeitung und Klebeband bekommt. Wer hier wohnt, kauft woanders ein. Das ist keine Katastrophe, die Innenstadt liegt vor der Tür. Aber ein „gewachsenes Viertel" sieht anders aus. 2 von 5 Punkten.

Handwerkliche Details am Haus zur Goldenen Waage: geschnitzte Konsolen und vergoldete Zier unter einem Schieferdach.
02Haus zur Goldenen Waage, 11:30 Uhr— Schnitzwerk, Vergoldung, Schiefer: An der Goldenen Waage kann man dem Handwerk beim Rechthaben zusehen.Foto: Zeit Frankfurt

Kategorie 2: Handwerk — die klarste Antwort des Tests

Bei der Bauqualität fällt das Urteil dagegen leicht, und es fällt hoch aus. Was an Schnitzwerk, Steinmetzarbeit, Schieferdeckung und Vergoldung in diesen Gassen steckt, hält jeder Nahbetrachtung stand — allen voran am Haus zur Goldenen Waage, jener Renaissance-Ikone, deren Wiedergeburt selbst hartgesottene Rekonstruktionsgegner milde gestimmt hat. Man kann dort Konsolen, Fachwerkschnitzereien und vergoldete Zier studieren wie in einem begehbaren Lehrbuch; die Handwerksbetriebe, viele aus der Region, haben Techniken angewandt, die auf deutschen Baustellen fast ausgestorben waren. Bemerkenswert auch die besseren Neubauten: Sie zitieren Traufhöhen, Materialien und Parzellenbreiten, ohne sich zu verkleiden — mancher Besucher hält gerade sie für „alt", was man als Kompliment oder als Problem lesen kann. Dass einzelne Fassaden im Detail schwächeln und der eine oder andere Neubau eher brav geraten ist, ändert am Gesamtbild wenig. 5 von 5 Punkten.

Ein Wort zur Einordnung, weil es zum Testfeld gehört: Frankfurt hat diese Debatte nicht zum ersten Mal geführt. Schon der Wiederaufbau der Ostzeile am Römerberg in den Achtzigern galt Puristen als Sündenfall und ist heute das meistfotografierte Motiv der Stadt. Die Neue Altstadt hat diesen Streit geerbt und professionalisiert — und nebenbei bewiesen, dass Rekonstruktion und zeitgenössisches Bauen einander nicht ausschließen, wenn der Maßstab stimmt.

Kulisse ist die Neue Altstadt nur für den, der sie wie eine Kulisse benutzt.

Kategorie 3: Aufenthaltsqualität — der Hühnermarkt besteht

Die dritte Kategorie prüft, ob man im Quartier gern bleibt, wenn man nichts vorhat. Hier hat sich seit der Eröffnung am meisten getan. Der Hühnermarkt, das Herzstück mit dem zurückgekehrten Stoltze-Brunnen, funktioniert inzwischen als das, was er sein sollte: ein Platz. Die Proportionen stimmen, die Gastronomie bespielt ihn, ohne ihn zu fressen, abends sitzt man dort in einer Licht- und Geräuschkulisse, die tatsächlich an eine sehr alte Stadt erinnert — was streng genommen ein Kunststück ist, denn nichts hier ist älter als ein Jahrzehnt. Der Krönungsweg, die wiederhergestellte Achse der Kaiserkrönungen vom Dom zum Römer, erfüllt seine Rolle als Rückgrat; wer ihm folgt, verpasst nichts Wesentliches. Abzüge gibt es für Details: Sitzgelegenheiten ohne Bestellpflicht sind rar, schattige Ecken im Hochsommer ebenso, und die Gassen abseits der Hauptachse wirken zu Randzeiten mitunter steril aufgeräumt — gewachsener Wildwuchs lässt sich eben nicht beauftragen. Ein stiller Gewinn, der im Eröffnungstrubel unterging: Unter dem Stadthaus blieb die Archäologie erhalten — durch ein Fenster im Boden blickt man auf Mauerreste der karolingischen Kaiserpfalz, den ältesten Kern Frankfurts. Dass man über dem 9. Jahrhundert einen Espresso trinken kann, ist eine Pointe, die dem Quartier niemand mehr nimmt. 4 von 5 Punkten.

Enge Gassenflucht des neuen Krönungswegs, am Ende ragt der rote Domturm auf.
03Krönungsweg, 9:05 Uhr— Morgens um neun gehört der Krönungsweg noch den Anwohnern — und dem Domturm am Ende der Flucht.Foto: Zeit Frankfurt

Kategorie 4: Der Andrang — geliebt wird das Quartier fast zu sehr

Bleibt die Belastungsprobe. Samstagnachmittag, Hühnermarkt: Reisegruppen im Minutentakt, Selfiestangen über dem Brunnen, vor der Goldenen Waage eine Traube, die den Gehweg versiegelt. Die Neue Altstadt ist ein internationaler Anziehungspunkt geworden, und das Quartier erträgt diesen Erfolg baulich erstaunlich gut — die engen Gassen verteilen die Menge besser als mancher großzügige Platz. Was fehlt, ist Steuerung: Hinweise auf stillere Nebenwege, Besucherlenkung zu Stoßzeiten, all das bleibt rudimentär. Die Bewohner, mit denen wir sprachen, klingen dabei gelassener als erwartet; man arrangiert sich, sagt eine Anwohnerin, „wie an der Ostsee: Man weiß, wann man nicht an den Strand geht". Für Besucher gilt die Umkehrung — und damit unser wichtigster Servicehinweis: Kommen Sie früh oder spät. Morgens vor zehn und abends nach sieben zeigt das Quartier ein Gesicht, das der Samstagsgast nie zu sehen bekommt, und der Dom, dessen Turm die Gassenflucht so mächtig abschließt, ist ohnehin einen eigenen Besuch wert — seine erstaunliche Karriere erzählt unser Stück über den Kaiserdom. 3 von 5 Punkten.

Das Urteil: weder Museum noch gewachsene Stadt — ein Sonderfall

Rechnen wir zusammen. Die Neue Altstadt ist keine Kulisse, dafür wird in ihr zu ernsthaft gewohnt, gearbeitet und gebaut worden; der Disneyland-Vorwurf von einst hat den Praxistest nicht bestanden. Ein gewachsenes Viertel ist sie aber ebenso wenig — dafür fehlen ihr der Zufall, der Leerstand, der Kramladen, das Unfertige, all das, was Stadtquartiere erst im Lauf von Generationen ansetzen. Was Frankfurt zwischen Dom und Römer gelungen ist, ist etwas Drittes: ein präzise gebauter, hervorragend gepflegter Sonderfall — ein Stück Stadtreparatur, das eine 74 Jahre offene Wunde im Grundriss geschlossen hat und dabei ehrlicher ist, als seine Kritiker behaupten, und künstlicher, als seine Verehrer wahrhaben wollen. Man muss beides zugleich denken dürfen. Die Punktwertung steht in der Verdiktbox; die Kurzfassung lautet: hingehen, aber zur richtigen Zeit. Und wer den Ort wirklich verstehen will, kombiniert den Besuch mit einem Gang durch das übrige historische Frankfurt — erst im Vergleich mit Dom, Römerberg und den erhaltenen Resten der alten Stadt zeigt sich, wie präzise diese 35 Häuser ihre Lücke füllen.

Die Dachlandschaft der Neuen Altstadt vom Domturm aus im Abendlicht, dahinter das Dach des Römers.
04Blick vom Domturm, 19:30 Uhr— Von oben fügt sich alles: Die neue Dachlandschaft schließt eine Lücke, die 74 Jahre lang offen war.Foto: Zeit Frankfurt

Der beste Moment des Tests kam am letzten Abend, oben auf dem Domturm, kurz vor Toresschluss. Von dort sieht man die neue Dachlandschaft im Abendlicht liegen — Schiefer, Ziegel, Gauben, dahinter das Dach des Römers —, und für einen Augenblick ist vollkommen gleichgültig, welches Haus Rekonstruktion ist und welches Erfindung. Man sieht nur: Hier ist wieder Stadt, wo lange keine war. Ob daraus in fünfzig Jahren ein gewachsenes Viertel geworden sein wird, entscheiden nicht Architekten und nicht Kritiker, sondern Mietverträge, Milchläden und Kinder, die hier ihre ersten Schulwege gehen. Die Anlage dafür ist gebaut, und sie ist besser als ihr Ruf von 2018. Den Rest muss die Zeit erledigen — es wäre nicht das erste Mal, dass ausgerechnet Frankfurt ihr dabei zusieht.

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