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Der Henninger Turm: Vom Getreidesilo zum Wohnturm
Erst ein Silo mit Drehrestaurant, dann eine Baulücke, heute ein Wohnturm mit vertrautem Kopf: Der Henninger Turm in Sachsenhausen ist auferstanden – als Zitat seiner selbst. Die Geschichte eines Wahrzeichens.
Es gibt Bauwerke, die eine Stadt so lange begleiten, dass ihr Verschwinden fast wie ein Trauerfall wirkt. Der Henninger Turm in Sachsenhausen war so eines. Über Jahrzehnte ragte er als markanter Punkt über die südlichen Stadtteile, mit einem Kopf, der aussah wie ein überdimensionales Fass – passend für ein Bauwerk, das zur Brauerei Henninger gehörte.
Ursprünglich war der Turm allerdings gar kein Ausflugsziel, sondern ein Getreidesilo. In dem 1961 vollendeten Bau lagerte die Brauerei ihre Braugerste; mit rund 120 Metern zählte er lange zu den höchsten Bauwerken im Frankfurter Süden. Weil Frankfurt aber selten etwas ungenutzt lässt, richtete man ganz oben ein Drehrestaurant ein, das sich langsam um die eigene Achse drehte und den Gästen bei Kaffee und Kuchen einen wandernden Blick über die Stadt bot. Für Generationen war der Ausflug auf den Turm ein Sonntagsvergnügen.
Berühmt wurde der Turm auch durch den Radsport. Das Rennen „Rund um den Henninger Turm“, erstmals 1962 ausgetragen, machte den Namen weit über Frankfurt hinaus bekannt; jahrzehntelang galt es als das wichtigste deutsche Eintagesrennen im Frühjahr. Seit 2009 trägt es nicht mehr den Namen des Turms und startet im benachbarten Eschborn; nach mehreren Umbenennungen heißt es heute schlicht „Eschborn–Frankfurt“. Der Turm ist damit weder Ziel noch Namensgeber – im Gedächtnis vieler Zuschauer aber bleibt er mit dem Rennen verbunden.

Abschied von einer Ikone
Mit dem Ende der Bierproduktion am Standort verlor das Silo seine Funktion. Der alte Turm galt als sanierungsbedürftig, eine Ertüchtigung als unwirtschaftlich. Eine Sprengung kam im dicht bebauten Sachsenhausen nicht in Frage; 2013 wurde der Turm Stück für Stück abgetragen – ein schmerzhafter Vorgang für viele Anwohner, die mit dem Bauwerk aufgewachsen waren. Ein Stück vertraute Silhouette verschwand, und für kurze Zeit klaffte am Hainer Weg eine Lücke im Süden der Stadt.
Doch die Geschichte endete nicht mit dem Abriss. An gleicher Stelle sollte ein neuer Turm entstehen, diesmal kein Silo, sondern ein Wohnhochhaus. Die Frankfurter Architekten Meixner Schlüter Wendt trafen dabei eine kluge Entscheidung: Der Neubau sollte den charakteristischen Kopf des alten Turms zitieren, jenes fassartige Motiv, das den Henninger Turm unverwechselbar gemacht hatte. Zwischen 2014 und 2017 wuchs das Haus empor. Wer heute durch Sachsenhausen geht, erkennt die Silhouette sofort wieder.
Ein Wahrzeichen kehrt zurück – nicht als Kopie, sondern als Erinnerung in Beton.
Wohnen im Zitat
Der neue Henninger Turm, 2017 fertiggestellt, misst rund 140 Meter und zählt 40 Geschosse; hinter den Fassaden liegen rund 210 Wohnungen. Wo einst das Drehrestaurant kreiste, im nachgebildeten „Fass“ an der Spitze, befinden sich heute ein Restaurant mit Aussichtsterrasse sowie Wohnungen mit weitem Blick: nach Norden die Skyline, nach Süden der Stadtwald, dazwischen die Dächer von Sachsenhausen. Der frühere freie Aufstieg ist damit allerdings verloren – die Terrasse gehört zum Restaurant und ist zahlenden Gästen vorbehalten, einen Publikumsaufzug hinauf gibt es nicht mehr.
Rund um den Turm ist auf dem einstigen Brauereigelände ein ganzes Wohnquartier entstanden. Im Hochhaus-Ranking der Stadt spielt der Turm höhenmäßig nicht ganz vorne mit, doch seine Bedeutung misst sich ohnehin nicht in Metern. Er steht abseits der Bankentürme, mitten in einem gewachsenen Wohnviertel, und erzählt eine andere Geschichte als die Glastürme im Bankenviertel: die vom Wandel eines Industriestandorts zum Wohnort. Wo Frankfurt lange vor allem in die Höhe baute, um Büros zu stapeln, entstand hier ein Hochhaus zum Wohnen – ein Modell, das die Stadt inzwischen auch andernorts verfolgt.
Erinnerung in Beton
Der Fall Henninger Turm ist ein Lehrstück darüber, wie Städte mit ihren Wahrzeichen umgehen. Nicht jedes lässt sich erhalten; wo Denkmalpflege an ihre Grenzen stößt, bleibt oft nur, die Erinnerung weiterzutragen. Der neue Turm ist keine Kopie, sondern eine Übersetzung, die das Vertraute aufnimmt und zugleich etwas Neues wagt. Manchen Sachsenhäusern ist die Geste zu glatt, zu sehr Kulisse; anderen gilt sie als gelungene Verbeugung vor einem Stück Stadtgeschichte.
Für die Menschen im Viertel ist der Turm längst wieder Teil des Alltags, ein Fixpunkt am Horizont. Das alte Rennen führt heute nicht mehr an ihm vorbei, und das Drehrestaurant dreht sich nicht mehr. Geblieben ist die Silhouette über den Dächern – ein bisschen anders als früher, und doch vertraut genug, dass viele beim Blick nach oben noch immer schlicht „der Henninger“ sagen.
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