Stadtleben · Reportage

Der 1. Mai gehört den Radprofis

Während die Stadt in den Feiertag startet, rollt Deutschlands großes Straßenradrennen durch den Taunus nach Frankfurt. Eine Reportage vom Rand der Strecke.

Von Tobias Henn 4 Min. Lesezeit
Peloton aus Rennradfahrern auf einer Landstraße durch bewaldete Hügel im Morgenlicht.
01Landstraße im Taunus, 11:30 Uhr— Das Feld zieht als bunter Wurm durch die Hügel nördlich von Frankfurt.Foto: Zeit Frankfurt

Kurz nach neun Uhr ist Eschborn für einen Morgen der Mittelpunkt des deutschen Radsports. Zwischen den nüchternen Bürotürmen am Rand der Stadt, dort, wo sonst Pendler und Banker den Ton angeben, stehen an diesem 1. Mai die Mannschaftsbusse der Profiteams. Mechaniker schrauben an Laufrädern, Fahrer rollen zur Unterschriftenbühne, und über allem liegt jene nervöse Ruhe, die großen Rennen vorausgeht. Dass ausgerechnet Eschborn, Sitz der Deutschen Börse, zum Startort wurde, ist kein Zufall, sondern Teil der Geschichte dieses Rennens.

Während die halbe Stadt am Feiertag noch im Bett liegt oder ihn gemächlich angeht, sind die ersten längst unterwegs an den Straßenrand. Klappstuhl, Thermoskanne, Fahrrad – so stehen sie an den Landstraßen im Taunus und warten auf das, was sich seit dem Vormittag als bunter, dünner Wurm durch die Hügel schiebt: das Feld von Eschborn–Frankfurt, dem größten deutschen Straßenradrennen für Profis.

Das Rennen hat Tradition. 1962 wurde es erstmals ausgetragen, damals noch als „Rund um den Henninger Turm“, benannt nach dem markanten Getreidesilo der Henninger-Brauerei in Sachsenhausen. Seit 1964 fällt der Start traditionell auf den 1. Mai. Als sich der Sponsor 2009 zurückzog, wanderte der Start ins benachbarte Eschborn, und aus dem alten Namen wurde das heutige Eschborn–Frankfurt. Über die Jahrzehnte ist daraus ein internationaler Klassiker geworden, seit 2017 fester Teil der UCI WorldTour, der höchsten Rennklasse im Straßenradsport.

Der Charakter dieses Rennens liegt in den Bergen. Wo der Frankfurt Marathon flach und schnell ist, ist Eschborn–Frankfurt hart und selektiv. Die Anstiege rund um den Großen Feldberg, mit 881 Metern die höchste Erhebung des Taunus, sind die Schlüsselstellen, an denen sich das Feld zerreißt. Berüchtigt ist vor allem der Mammolshainer Stich, eine kurze, brutal steile Rampe, die an diesem Tag gleich mehrfach zu bewältigen ist. Hier stehen die Zuschauer besonders dicht, weil die Gesichter der Fahrer die ganze Qual zeigen, die dieser Sport verlangt.

Ein Feiertag am Streckenrand

Für viele Frankfurter ist das Rennen weniger Sportereignis als Ausflug. Man fährt mit dem eigenen Rad hinaus in den Taunus, sucht sich eine Stelle an einem Anstieg, breitet die Decke aus und macht einen Tag daraus. Zwischen den Durchfahrten des Feldes bleibt Zeit für ein Picknick, für Gespräche, für den Blick über die Hügel. Wer die Höhenlagen mag, kann den Tag mit einem Abstecher zu einem der Aussichtspunkte verbinden, wie wir sie in unserer Lohrberg-Reportage beschrieben haben.

Die Strecke selbst liest sich wie eine Rundfahrt durch die Sonntagsausflugsziele der Region: hinauf nach Königstein, durch die Wälder des Hochtaunus, vorbei an Fachwerkorten und über Rampen, deren Namen unter Radfahrern Klang haben. Wer selbst schon einmal versucht hat, die Steigungen Richtung Feldberg hochzukurbeln, weiß, was die Profis hier leisten – und bejubelt sie umso lauter, wenn sie im Renntempo vorüberfliegen. An den steilsten Stellen bilden die Menschen eine Gasse, die sich erst im letzten Moment öffnet.

Am 1. Mai gehört die Straße nicht den Autos, sondern für ein paar Stunden dem Peloton.

Wenn das Feld dann heranrollt, geht alles sehr schnell. Ein Zischen der Reifen, das Klicken der Schaltungen, der Windzug – und schon sind die Fahrer vorbei, ein Farbstreifen, der den Berg hinaufkriecht. Wer nicht aufpasst, verpasst den Moment. Genau diese Flüchtigkeit macht den Reiz aus: Man wartet lange auf wenige Sekunden, und gerade deshalb prägen sie sich ein.

Das Finale in der Stadt

Nach den Anstiegen kehrt das Rennen zurück nach Frankfurt, und hier ändert sich der Ton. Aus dem einsamen Kampf am Berg wird ein rasantes Finale, das mitten in der Innenstadt vor der Alten Oper endet. Auf dem Weg dorthin stehen die Zuschauer mehrere Reihen tief hinter den Absperrgittern, aus Lautsprechern hallt die Stimme des Sprechers über den Platz, und wenn das Feld zum Sprint anzieht, kippt die Anspannung in Jubel um.

Nahaufnahme eines Rennrad-Vorderrads und einer Trinkflasche an einer Straßenabsperrung.
02Zielbereich in der Innenstadt, 16:10 Uhr— Hinter den Absperrgittern im Zielbereich: ein Rennrad und eine Trinkflasche kurz vor dem Finale.Foto: Zeit Frankfurt

Die Kulisse aus Hochhäusern im Hintergrund, das Tempo, der Lärm der Menge – das ist der große Auftritt, auf den das Rennen den ganzen Tag zusteuert. Rund um das Ziel verwandelt sich die Innenstadt in eine Flaniermeile: Familien mit Bollerwagen, Rennradgruppen in Vereinstrikots, dazwischen Imbissstände und wehende Fahnen. Für ein paar Stunden gehört das Herz der Bankenstadt nicht den Geschäften, sondern dem Sport.

Dass das gelingt, hat seinen Preis: Straßen sind gesperrt, Bahnen umgeleitet, und wer mit dem Auto anreist, tut sich schwer – Gründe genug, den Nahverkehr zu nehmen, dessen Logik wir in unserem RMV-Überblick erklären.

Am Abend, wenn die Absperrungen abgebaut sind und die letzten Zuschauer heimradeln, hat Frankfurt einen jener Tage hinter sich, an denen der Sport die Stadt auf angenehme Weise umkrempelt. Kein Stau, keine Hektik, dafür ein Feiertag, an dem die Straße für ein paar Stunden den Radprofis gehörte – und allen, die ihnen am Rand zugesehen haben.

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