Mainhattan · Guide

Spaziergang durchs Bankenviertel: Architektur zwischen den Türmen

Frankfurts Skyline erschließt sich am besten von unten. Eine Route von rund 90 Minuten führt vom Börsenplatz durch die Hochhausschlucht der Neuen Mainzer Straße bis zu den Zwillingstürmen an der Taunusanlage — zu jeder Station gibt es Architekt, Baujahr und ein Detail, das man leicht übersieht.

Von Deniz Kaya Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Enge Hochhausschlucht der Neuen Mainzer Straße in Frankfurt, Sonnenstrahlen fallen schräg zwischen die Glasfassaden.
01Neue Mainzer Straße, 11:50 Uhr— Mittagslicht in der Schlucht — nur für kurze Zeit fällt die Sonne bis auf den Asphalt.Foto: Zeit Frankfurt

Man kann diese Stadt vom Aussichtsdeck betrachten, aus dem Flugzeugfenster oder von der Postkarte. Am meisten versteht man sie zu Fuß. Das Bankenviertel, dieser knappe Quadratkilometer zwischen Hauptwache und Hauptbahnhof, ist der einzige Ort in Deutschland, an dem Hochhäuser dicht genug stehen, um Straßen in Schluchten zu verwandeln — und es ist erstaunlich gut begehbar. Für die folgende Route brauchen Sie keine Banklizenz, kein Ticket und keine besondere Kondition: rund dreieinhalb Kilometer, etwa 90 Minuten, festes Schuhwerk optional, gelegentliches In-den-Nacken-Legen des Kopfes obligatorisch.

Die Route beginnt am Börsenplatz, führt über den Roßmarkt zum Kaiserplatz, hinein in die Hochhausschlucht der Neuen Mainzer Straße, weiter zum Trianon an der Mainzer Landstraße und zu den Zwillingstürmen der Deutschen Bank an der Taunusanlage — und durch das Grün der Wallanlagen zurück zum Ausgangspunkt. Zu jeder Station gehören Architekt, Baujahr und ein Detail, das man leicht übersieht. Die Kernthese vorweg: Diese Skyline erschließt sich nicht aus der Distanz, sondern von unten.

Die verspiegelten Zwillingstürme der Deutschen Bank in Frankfurt spiegeln sich ineinander, abstrakte Glasflächen im Nachmittagslicht.
02Taunusanlage, 15:40 Uhr— Das Ziel der Route: In den Spiegelfassaden der Deutschen Bank verschwimmen Himmel, Nachbartürme und der jeweils andere Zwilling.Foto: Zeit Frankfurt

Am Börsenplatz beginnt die Route bewusst niedrig

Die Alte Börse am Börsenplatz ist das mit Abstand kleinste Gebäude dieser Tour — und ihr logischer Anfang. Zwischen 1874 und 1879 im Stil der Neorenaissance errichtet, nach Plänen von Heinrich Burnitz und Oskar Sommer, erzählt die Fassade mit ihren Säulen, Figuren und dem hellen Sandstein von einer Zeit, in der Geldhandel noch Repräsentation brauchte. Gehandelt wird hier längst elektronisch, das Parkett ist vor allem Kulisse — wie ein Vormittag im Handelssaal heute tatsächlich aussieht, haben wir in einer eigenen Reportage beschrieben. Vor der Treppe stehen die beiden bekanntesten Frankfurter aus Bronze: Bulle und Bär, deren Geschichte ein eigenes Kapitel verdient.

Vom Börsenplatz sind es nur wenige Schritte über den Roßmarkt Richtung Kaiserplatz, und auf diesen zweihundert Metern passiert etwas mit dem Maßstab: Am Gutenberg-Denkmal ist die Stadt noch fünfgeschossig, dann schiebt sich hinter den Dächern der erste Turm ins Bild, und plötzlich sind die Häuser am Straßenrand nur noch Sockel. Diesen Moment sollte man bewusst wahrnehmen. Er ist die eigentliche Eintrittstür des Viertels.

Der Commerzbank Tower versteckt seine beste Idee hinter Glas

Am Kaiserplatz wartet der Hauptdarsteller: der Commerzbank Tower, 259 Meter hoch, 1997 nach einem Entwurf von Norman Foster fertiggestellt und bis 2003 das höchste Gebäude Europas. Von außen ein eleganter, im Grundriss dreieckiger Schaft mit gelbem Antennenmast; seine beste Idee aber sieht man erst auf den zweiten Blick. Über die gesamte Höhe winden sich neun jeweils viergeschossige Gärten spiralförmig um das Haus, innen liegt ein durchgehender Lichthof — der Turm atmet, viele Büros lassen sich natürlich belüften. Ein Hochhaus als ökologisches Experiment, Mitte der Neunzigerjahre: Das war ein Statement, und es prägt den Hochhausbau der Stadt bis heute.

Das Detail für Vorbeigehende: Die Gärten zeichnen sich außen als große, verglaste Einschnitte in der Fassade ab, jeweils vier Geschosse hoch. Wer am Kaiserplatz die Straßenseite wechselt und nach oben schaut, kann die Vegetation hinter dem Glas erahnen — je nach Jahreszeit schimmert es grün zwischen den Bürogeschossen.

In der Neuen Mainzer Straße wird die Stadt zur Schlucht

Von der Großen Gallusstraße biegen Sie in die Neue Mainzer Straße — und stehen im dichtesten Straßenraum der Republik. Links und rechts steigen die Fassaden so steil auf, dass die Sonne nur um die Mittagszeit bis auf den Asphalt fällt; den Rest des Tages ist die Straße ein kühler, blaugrauer Korridor, in dem sich die Türme gegenseitig spiegeln. Hier steht der Main Tower: 200 Meter, 1999 nach Plänen des Hamburger Büros Schweger + Partner fertiggestellt, mit der einzigen öffentlich zugänglichen Hochhaus-Aussichtsplattform der Stadt auf rund 198 Metern.

Das übersehene Detail liegt hier ausnahmsweise ganz unten. Das Foyer des Main Tower ist frei zugänglich und beherbergt zwei eigens für das Haus geschaffene Kunstwerke: Bill Violas Videoinstallation „The World of Appearances" und Stephan Hubers Wandmosaik „Frankfurter Treppe", zusammengesetzt aus rund 2,7 Millionen Steinchen, auf denen 56 Persönlichkeiten mit Frankfurt-Bezug auftreten. Man kann in diesem Viertel also Kunst im Bankenturm sehen, ohne Eintritt zu zahlen; erst für die Plattform oben wird ein Ticket fällig.

Nehmen Sie sich für die paar hundert Meter Zeit, denn die Schlucht ist ein Ensemble: In der Nachbarschaft stehen der Garden Tower, dessen Name auf die in den Baukörper eingeschnittenen Gärten verweist, und das schlanke Eurotheum, in dessen oberen Geschossen tatsächlich gewohnt wird — dazwischen ein paar gründerzeitliche Reste, die den Maßstabssprung erst sichtbar machen. Auffällig ist auch die Akustik: Der Verkehr klingt zwischen den Glaswänden seltsam gedämpft, Gespräche dafür näher. „Mittags ist hier für eine halbe Stunde Süden", sagt ein Barista, der seinen Kaffeestand seit Jahren an der Ecke betreibt, „danach klappt das Viertel das Licht wieder zu."

Oben auf dem Aussichtsdeck sieht man die Postkarte. Unten auf dem Bürgersteig sieht man die Entscheidungen, aus denen sie gemacht ist.

Das Trianon trägt seine Pointe auf dem Dach

Die dreieckige Spitze des Trianon-Hochhauses von unten fotografiert, im Hochformat vor ziehenden Wolken.
03Mainzer Landstraße, 13:15 Uhr— Zwischen den Eckpfeilern des Trianon hängt eine umgekehrte Pyramide — von unten scheint sie zu schweben.Foto: Zeit Frankfurt

Die Neue Mainzer Straße entlässt Sie an ihrem nördlichen Ende auf die Mainzer Landstraße, und dort steht mit dem Trianon (Hausnummern 16–24) das wohl unterschätzteste Hochhaus des Viertels: 186 Meter, gebaut 1990 bis 1993 von Novotny Mähner Assoziierte gemeinsam mit HPP und Albert Speer & Partner, im Grundriss ein Dreieck mit verspiegelten Flächen. Die Pointe sitzt oben: Die drei Eckpfeiler überragen den Baukörper um 14 Meter und tragen zwischen sich eine umgekehrte, dreiseitige Pyramide aus Stahl — eine Krone, die auf dem Kopf steht.

Direkt am Fuß des Turms wirkt diese Konstruktion, als schwebe sie. Bei ziehenden Wolken kippt die Perspektive, und für einen Moment scheint nicht der Himmel sich zu bewegen, sondern das Haus. Es ist der beste Gratis-Schwindel des Viertels — und ein Grund, das Hochformat im Telefon zu bemühen.

An der Taunusanlage stehen Soll und Haben

Wenige Gehminuten weiter westlich erreichen Sie die Taunusanlage und damit die Zwillingstürme der Deutschen Bank: zweimal 155 Meter, 1979 bis 1984 nach Entwürfen von Walter Hanig, Heinz Scheid und Johannes Schmidt errichtet, im Volksmund seit Jahrzehnten „Soll und Haben" genannt. Ihre spiegelnde Haut ist ihr Markenzeichen: Je nach Wetter verschwimmen Wolken, Nachbartürme und der jeweils andere Zwilling zu einem abstrakten Bild, das sich im Minutentakt ändert. Kaum ein Fernsehbeitrag über „die Märkte" kommt ohne diese Fassaden aus.

Das gern übersehene Detail ist eine Fußnote der Baugeschichte: Geplant waren die Türme ursprünglich gar nicht als Bankzentrale, sondern als Hotel — erst während der Bauzeit übernahm die Deutsche Bank das Projekt. Dass ausgerechnet dieses umgewidmete Vorhaben zum meistfotografierten Firmensitz des Landes wurde, zum Hauptquartier eines der 40 Konzerne, die den Dax bilden, gehört zu den stillen Ironien dieses Viertels.

Wer von der Taunusanlage aus zurück auf das Viertel blickt, sieht außerdem, dass es nie fertig ist. An der Großen Gallusstraße hat der Omniturm von 2019 mit seinem charakteristischen Hüftschwung — die Wohngeschosse in der Mitte des Turms sind spiralförmig nach außen verschoben — vorgeführt, dass zwischen den Banken inzwischen auch gewohnt wird. Und auf dem früheren Deutsche-Bank-Areal an der Junghofstraße ist mit den vier Türmen des Four-Quartiers in den vergangenen Jahren ein ganzes Stück Innenstadt neu in die Höhe gewachsen. Die Skyline ist keine abgeschlossene Sammlung, sondern eine Baustelle mit Geschichte.

Die Wallanlagen liefern den ruhigen Schlussakkord

Der Rückweg ist der schönste Teil. Von der Taunusanlage führt das grüne Band der Wallanlagen in weitem Bogen zurück Richtung Innenstadt, vorbei an der Alten Oper, über den Opernplatz und die Freßgass zum Börsenplatz. Dass Sie hier überhaupt unter alten Platanen gehen können, verdanken Sie einer der weitsichtigsten Entscheidungen der Stadtgeschichte: Nach dem Abriss der Stadtbefestigung entstand auf dem alten Mauerring ein Grüngürtel, den die sogenannte Wallservitut von 1827 bis heute vor Bebauung schützt. Zwischen den ältesten Bäumen der Innenstadt und den jüngsten Türmen liegen an manchen Stellen nur fünfzig Meter Luftlinie.

Fußgänger als Silhouetten auf einem Weg durch die Frankfurter Wallanlagen, dahinter die abendlich beleuchteten Hochhäuser des Bankenviertels.
04Wallanlagen, 20:50 Uhr— Der Rückweg gehört den Fußgängern: vorn Platanen und Kies, hinten die beleuchteten Türme.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende, zurück am Börsenplatz, hat sich die These des Anfangs hoffentlich eingelöst. Von der Mainbrücke aus ist die Skyline ein Logo, eine Silhouette fürs Stadtmarketing. Von unten ist sie eine Sammlung von Entscheidungen: ein Turm, der Gärten in die Höhe stapelt; einer, der seine Krone auf den Kopf stellt; zwei, die einander spiegeln, weil ein Hotel zur Bank wurde. Wer das einmal abgelaufen ist, sieht beim nächsten Blick über den Main keine Kulisse mehr — sondern Bekannte.

Mehr aus Mainhattan

Alle Artikel →