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Sachsenhausen-Guide: Museumsufer, Schweizer Straße, Altstadt

Kulturmeile am Museumsufer, Kneipengassen in Alt-Sachsenhausen, dazwischen die bürgerliche Schweizer Straße: Frankfurts Viertel südlich des Mains hat zwei Gesichter — und den besten Blick auf die Stadt. Der große Guide vom Städel bis zum wiederaufgebauten Goetheturm am Stadtwald.

Von Lukas Schardt Aktualisiert am 8 Min. Lesezeit
Panorama der Frankfurter Skyline vom Sachsenhäuser Mainufer aus, der Eiserne Steg im goldenen Gegenlicht.
01Sachsenhäuser Mainufer, 17:20 Uhr— Der Eiserne Steg im Gegenlicht, dahinter die Türme: Von dieser Uferseite aus schaut Frankfurt sich selbst an.Foto: Zeit Frankfurt

Wenn Frankfurt ein Gesicht hat, dann schaut man es von Sachsenhausen aus an. Vom südlichen Mainufer, zwischen den Platanen am Schaumainkai, öffnet sich der Blick über den Fluss auf die Skyline — es ist das Panorama, das auf allen Postkarten dieser Stadt gedruckt ist, und es gehört einem Stadtteil, der selbst gar keine Hochhäuser hat. Das ist kein Zufall, sondern Programm: Sachsenhausen, von den Frankfurtern liebevoll-despektierlich „Dribbdebach" genannt — drüben überm Bach —, ist der Ort, an dem die Stadt ihre Gegenwelt pflegt. Museen statt Banken, Kopfsteinpflaster statt Glasfassaden, Schoppen statt Spritz. Dieser Guide, Teil unserer Serie Viertel-Kompass, sortiert das Viertel mit den zwei Gesichtern.

Die zwei Gesichter, das ist keine Floskel, sondern Geografie. Am Ufer entlang zieht sich die Kulturmeile, die Frankfurt international bekannt gemacht hat wie sonst nur die Buchmesse; wenige hundert Meter dahinter beginnt mit Alt-Sachsenhausen das älteste Vergnügungsviertel der Stadt, dem seit Jahrzehnten abwechselnd der Untergang und die Renaissance vorhergesagt werden. Dazwischen liegt, als bürgerlicher Puffer, die Schweizer Straße. Wer Sachsenhausen verstehen will, geht alle drei Schichten an einem Tag ab — es sind nur Minuten voneinander entfernt.

Das Museumsufer ist Frankfurts bestes Argument

Beginnen wir am Wasser. Am Schaumainkai reihen sich unter den Platanen mehr als ein Dutzend Museen — eine Dichte, die in Deutschland ihresgleichen sucht: das Städel mit seiner Sammlung von Cranach bis Richter, das Liebieghaus mit fünf Jahrtausenden Skulptur, das DFF als Haus des Films, dazu Kommunikation, Angewandte Kunst, Weltkulturen und weitere Häuser bis hinüber zur Dreieichstraße. Man kann hier ein Wochenende verbringen, ohne dasselbe Haus zweimal zu betreten; die perfekte Ein-Tages-Route durch die Meile haben wir eigens kartiert. Der Rhythmus des Ufers gehört dabei nicht nur der Kunst: Samstags breitet sich am Schaumainkai der Flohmarkt aus — im Wechsel mit dem Standort am Osthafen, die Termine sollte man prüfen —, und wer zwischen Trödel und Träume gerät, findet unsere Erkundung mit fünf Funden und einem Urteil als Vorbereitung nützlich.

Der Uferweg selbst ist die kostenlose Dauerausstellung des Viertels. Vom Eisernen Steg — der Fußgängerbrücke von 1869, die sich die Frankfurter Bürger einst selbst finanzierten — bis zum Holbeinsteg läuft man die schönste halbe Stunde der Stadt: links die Museen, rechts der Fluss, gegenüber die Türme. Der beste Zeitpunkt ist der späte Nachmittag, wenn die Sonne hinter dem Westhafen steht und die Skyline ins Gegenlicht gerät; der beste Platz die Uferböschung auf Höhe des Städel, wo Sachsenhausen sein Feierabendpublikum versammelt wie andere Viertel ihre Marktplätze.

Platanenallee am Schaumainkai in der Vertikalen, dahinter eine klassizistische Museumsfassade im warmen Nachmittagslicht.
03Schaumainkai, 15:45 Uhr— Unter den Platanen reiht sich Museum an Museum — die konzentrierteste Kulturmeile des Landes.Foto: Zeit Frankfurt

Die Schweizer Straße ist das bürgerliche Rückgrat

Landeinwärts vom Museumsufer beginnt die Schweizer Straße, und mit ihr das Sachsenhausen des Alltags. Die Achse vom Schweizer Platz zum Südbahnhof ist eine der intaktesten Geschäftsstraßen der Stadt: Buchhandlung, Käseladen, Weinhandlung, Traditionsgastronomie — vieles inhabergeführt, das meiste seit Jahrzehnten am Platz. Hier stehen auch zwei Institutionen der Apfelweinkultur, das Zum Gemalten Haus und der Apfelwein Wagner, Tür an Tür und beide meist voll; wer die Rituale rund um Bembel, Geripptes und Deckelchen noch nicht beherrscht, lernt sie hier am lebenden Objekt. Die Seitenstraßen dazwischen — Textorstraße, Brückenstraße, das Umfeld des Lokalbahnhofs — haben sich in den letzten Jahren zur leisen Genussmeile entwickelt: Cafés, Naturweinbars, kleine Küchen, weniger Show als nördlich des Mains, dafür mehr Stammpublikum.

Und dann ist da das dritte Gesicht, das älteste: Alt-Sachsenhausen. Die Kopfsteingassen zwischen Klappergasse, Paradiesgasse und Großer Rittergasse waren einmal das Vergnügungsviertel eines ganzen Landstrichs — Fachwerk, Apfelweinwirtschaften, die Frau-Rauscher-Fontäne, die bis heute unvermittelt Wasser auf Passanten spuckt. Dann kamen die Jahrzehnte der Ballermann-Beschallung, denen das Viertel seinen zwiespältigen Ruf verdankt. Die Wahrheit von heute liegt dazwischen: Neben den Partygassen halten Häuser wie das Fichtekränzi, die Atschel oder das Lorsbacher Thal das Niveau der alten Wirtshauskultur, und um die schrittweise Neuerfindung des Quartiers — Ateliers, neue Konzepte, städtische Förderung — kümmert sich ein eigener Text dieser Redaktion. Faustregel für Besucher: Wenige Schritte abseits der lautesten Gasse wird es sofort besser.

Kopfsteinpflastergasse in Alt-Sachsenhausen mit Fachwerkhäusern, auf einem Holztisch im Vordergrund ein grau-blauer Bembel mit einem Gerippten.
02Alt-Sachsenhausen, 18:05 Uhr— Fachwerk, Kopfstein, Bembel: In den Gassen hält sich das alte Sachsenhausen — zwischen allen Neuanläufen.Foto: Zeit Frankfurt

Oben am Berg wird Sachsenhausen zur Sommerfrische

Sachsenhausen endet nicht am Lokalbahnhof. Nach Süden steigt das Viertel an — über die Gründerzeitzeilen des Sachsenhäuser Bergs, vorbei am neuen Henninger Turm, der als Wohnhochhaus die Silhouette des alten Fassspeichers zitiert, bis an den Rand des Stadtwalds. Dort steht seit 2020 wieder der Goetheturm: Der hölzerne Aussichtsturm, 1931 errichtet und 2017 durch Brandstiftung zerstört, wurde nach originalem Vorbild neu gebaut — ein Wiederaufbau, den sich die Stadt nicht nehmen ließ, weil an diesem Turm halb Frankfurt Kindheitserinnerungen hängen hat. Der Aufstieg kostet nichts außer Atem und belohnt mit einem Blick, der die Skyline aus ungewohnter Distanz zeigt: als Kulisse hinter sehr viel Grün. Danach gehört der Nachmittag dem Stadtwald, dem Spielplatz am Turm oder dem Abstieg zurück ins Viertel — Sachsenhausen ist der seltene Stadtteil, der Museumsmeile und Waldrand in derselben Gemarkung führt.

Sachsenhausen ist das Viertel, in dem Frankfurt am meisten nach Frankfurt aussieht — Skyline im Blick, Schoppen in der Hand, Museum im Rücken.

Woher der Name kommt, gehört zu den Lieblingslegenden der Stadt: Karl der Große soll hier, südlich der Furt, besiegte Sachsen angesiedelt haben — belegen lässt sich das nicht, erzählt wird es trotzdem seit Jahrhunderten, und die Sachsenhäuser tragen die Geschichte mit erkennbarem Vergnügen. Historisch fassbar ist das Viertel seit dem Mittelalter als Brückenkopf Frankfurts: Wer von Süden in die Messestadt wollte, musste durch Sachsenhausen über die Alte Brücke, und von diesem Durchgangsverkehr — Fuhrleute, Pilger, Händler — lebten die Wirtshäuser, aus denen später die Apfelweinkultur wurde. Das Viertel war also immer beides, Passage und Bühne. Es ist eine Rolle, aus der es nie herausgewachsen ist.

Wohnen: Vom Altbau am Berg bis zum Neubau am Fluss

Gewohnt wird in Sachsenhausen in mehreren Preislagen der Begehrlichkeit. Die Gründerzeitbestände zwischen Schweizer Straße und Südbahnhof sind die klassische Adresse des bürgerlichen Frankfurt — entsprechend umkämpft und bepreist. Am Sachsenhäuser Berg und Richtung Lerchesberg wird es großzügiger und teurer, im Deutschherrnviertel am östlichen Mainufer moderner: Das Quartier aus den Neunzigern und Nullerjahren mit seinen Wasserlagen ist bei allen beliebt, die Skyline-Blick mit Neubaukomfort verbinden wollen. Vergleichsweise bodenständig bleibt der Süden Richtung Stadtwald. Für alle Lagen gilt, was für die begehrten Viertel dieser Stadt insgesamt gilt: Das Angebot ist knapp, die Preise liegen über dem Schnitt, und wer sucht, braucht Geduld oder Glück — meist beides.

Der perfekte Sachsenhausen-Tag hat drei Akte

Zum Schluss der Praxistest, denn dieses Viertel belohnt Dramaturgie. Erster Akt, vormittags: über den Eisernen Steg ans Südufer, dann zwei, höchstens drei Stunden in einem Museum — mehr ruiniert den Tag. Zweiter Akt, nachmittags: die Schweizer Straße hinauf, Kaffee in einer der Seitenstraßen, dann wahlweise der Bummel durchs Viertel oder, bei Kondition, der Aufstieg zum Goetheturm. Dritter Akt, abends: zurück in die Gassen, Schoppen und Handkäs im Fichtekränzi oder im Gemalten Haus, und zum Abschluss noch einmal ans Ufer, wenn die Türme gegenüber ihre Lichter anhaben. Wer diesen Tag hinter sich hat, kennt nicht ganz Frankfurt — aber er kennt die Version der Stadt, die sie selbst am liebsten zeigt.

Der hölzerne Goetheturm ragt in der Dämmerung über die dunklen Baumwipfel des Frankfurter Stadtwalds.
04Sachsenhäuser Berg, 18:55 Uhr— Seit 2020 steht er wieder: Der Goetheturm markiert die Stelle, an der die Stadt in den Wald übergeht.Foto: Zeit Frankfurt

Damit ist auch die Kernaussage dieses Kompass-Kapitels begründet: Sachsenhausen ist das Viertel, in dem Frankfurt am meisten nach Frankfurt aussieht. Nicht, weil es das schönste wäre — darüber lässt sich streiten —, sondern weil hier alles auf engstem Raum beieinanderliegt, was diese Stadt ausmacht: Weltkunst und Wirtshaus, Fluss und Wald, große Geste und Deckelchen auf dem Glas. Die Skyline hat Frankfurt vielen Städten voraus. Den Ort, von dem aus man sie mit einem Schoppen in der Hand betrachtet, hat es nur einmal.

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