Guide · Analyse
Der GrünGürtel: Frankfurts Klimaanlage zum Spazieren
Ein grüner Ring aus Wald, Wiesen und Flussauen legt sich seit 1991 um Frankfurt. Er kühlt die Innenstadt, bremst Hochwasser und bewahrt Artenvielfalt — Daseinsvorsorge zum Spazierengehen, direkt vor den Bankentürmen.
Ein Drittel Frankfurts ist grün, und das ist kein Zufall. Rund um die dicht bebaute Innenstadt zieht sich seit 1991 ein Ring aus Wäldern, Wiesen, Feldern und Flussauen: der GrünGürtel, eines der ehrgeizigsten stadtökologischen Projekte Deutschlands — und längst Frankfurts wichtigstes Instrument gegen die Klimakrise.
Ein Ring aus Landschaft
Der GrünGürtel umfasst rund 8.000 Hektar, etwa ein Drittel des gesamten Stadtgebiets. Zu ihm gehören der Frankfurter Stadtwald im Süden, die Auen der Nidda im Norden und Westen, die Streuobstwiesen am Berger Hang und am Lohrberg, dazu Felder, Kleingärten und der einzige Weinberg der Stadt. Ein rund 65 Kilometer langer Radrundweg verbindet diese Teile zu einem durchgehenden Grünzug und macht den Ring im Wortsinn erfahrbar. Allein der Stadtwald misst rund 48 Quadratkilometer, zählt zu den größten kommunalen Wäldern Deutschlands und ist teils seit dem Mittelalter in städtischem Besitz — wie viel Geschichte in diesem Forst steckt, zeigt unser Stadtwald in Zahlen.
Die Idee eines grünen Rings ist älter als das Projekt selbst. Schon die Wallanlagen, die nach dem Abriss der Stadtbefestigung um 1810 angelegt wurden, zogen einen grünen Kranz um die Altstadt, und in den 1920er-Jahren plante Stadtbaurat Ernst May Grünzüge in die Siedlungen des Neuen Frankfurt hinein. Als zusammenhängendes System beschlossen wurde der GrünGürtel aber erst 1991, unter der rot-grünen Koalition und dem damaligen Umweltdezernenten Tom Koenigs. Herzstück ist die sogenannte GrünGürtel-Verfassung, ein Grundsatzbeschluss der Stadtverordneten, der das Grün für unantastbar erklärt: Es soll in seiner Gesamtheit erhalten bleiben, nicht bebaut werden und der Allgemeinheit offenstehen. Mitte der 1990er-Jahre wurde ein Großteil der Flächen zusätzlich als Landschaftsschutzgebiet rechtlich gesichert. Der Frankfurter Zeichner und Satiriker Robert Gernhardt entwarf dem Ring sogar ein eigenes Maskottchen, das GrünGürtel-Tier. In den frühen Neunzigern hielten das manche für eine kostspielige Marotte; aus heutiger Sicht war es bemerkenswert weitsichtig.

Die Klimaanlage der Stadt
Der wichtigste Dienst des Grüns ist unsichtbar: Kühlung. In klaren Nächten bildet sich über Wiesen und Feldern kühle Luft, die durch Frischluftschneisen wie das Niddatal in die aufgeheizte Innenstadt strömt und die städtische Wärmeinsel dämpft. Bäume spenden Schatten und verdunsten Wasser, unversiegelte Böden schlucken Starkregen, statt ihn in die Kanäle zu schießen. Der Unterschied ist messbar: In heißen Sommernächten kann es in der dicht bebauten City mehrere Grad wärmer sein als am grünen Stadtrand, in Extremlagen bis zu rund zehn Grad — warum sich die Stadt so aufheizt, erklärt unser Beitrag zur Hitzeinsel Frankfurt. Für ältere und kranke Menschen können solche Tropennächte gefährlich werden; jedes Grad weniger ist dann ein Stück Gesundheitsschutz. In einer Stadt, die regelmäßig zu den heißesten Deutschlands zählt, ist der Ring damit Daseinsvorsorge — mehr dazu in unserer Übersicht der kühlen Orte Frankfurts.
Was damals als grüner Luxus galt, ist heute Daseinsvorsorge.
Die Redaktion
Wasser, Wildnis und alte Sorten
Neben der Kühlung geht es um Wasser. Die Nidda, nach dem Main der zweite große Fluss der Stadt, wurde in den 1920er- und 1930er-Jahren begradigt und in ein enges Bett gezwängt: schneller Abfluss, mehr Bauland — aber monotone, tote Ufer. Seit den 1990er-Jahren wird sie abschnittsweise renaturiert. Man gibt dem Fluss Mäander, Kiesbänke und Auen zurück, damit er bei Hochwasser kontrolliert ausufern kann, statt Keller volllaufen zu lassen — wie das gelingt, zeigt die Nidda-Renaturierung.
Zugleich ist der Ring ein Rückzugsraum für Tiere und Pflanzen. Auf den Streuobstwiesen am Lohrberg und am benachbarten Berger Hang, einer der größten Streuobstlandschaften der Region, wächst eine Vielfalt alter Obstsorten, wie sie in der ausgeräumten Agrarlandschaft selten geworden ist. Alte Bäume, Hecken und ungemähte Ränder bieten Insekten, Vögeln und Fledermäusen Lebensraum; hier bewahrt der GrünGürtel Artenvielfalt in Sichtweite der Bankentürme.
Bedroht und gebraucht
Doch der Ring steht unter Druck. Frankfurt wächst, Wohnungen fehlen, und immer wieder wird über Bebauung am Rand des Grüns gestritten. Jeder Quadratmeter, der verschwindet, fehlt später als Kühlfläche und als Wasserspeicher. Die Auseinandersetzung darüber, wie viel Grün sich eine wachsende Stadt leisten muss, wird härter, je heißer die Sommer werden.
Für die meisten Frankfurter ist der GrünGürtel längst Alltag: Man joggt, radelt und grillt hier, ohne an Klimafunktionen zu denken. Genau das ist sein Erfolg. Wer das nächste Mal durch den Stadtwald läuft, spaziert eben nicht nur durch ein Erholungsgebiet, sondern durch die vielleicht wichtigste Infrastruktur, die Frankfurt gegen die Hitze besitzt.
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