Stadtleben · Erklärstück
Die Wallanlagen: Frankfurts erster grüner Ring
Wo einst Mauern und Bastionen die Stadt einschlossen, zieht sich heute ein grünes Band um die Altstadt. Die Wallanlagen erfanden schon vor rund 200 Jahren, was der GrünGürtel heute im Großen fortschreibt.
Der GrünGürtel, Frankfurts berühmter grüner Ring, hat einen fast vergessenen, viel älteren Bruder. Er liegt nicht am Stadtrand, sondern mitten im Zentrum, dort, wo heute der Anlagenring die Innenstadt umschließt. Über mehrere Kilometer zieht sich zwischen viel befahrenen Straßen ein Band aus alten Bäumen, geschwungenen Wegen, Teichen und Denkmälern um die Altstadt. Es sind die Wallanlagen, und sie erfanden vor rund zweihundert Jahren die Idee, die der GrünGürtel heute im Großen fortschreibt.
Um ihre Entstehung zu verstehen, muss man sich Frankfurt als befestigte Stadt vorstellen. Bis ins frühe 19. Jahrhundert war die Altstadt von Mauern, Gräben, Wällen und Bastionen umgeben, einem massiven Verteidigungsgürtel, der die Stadt einschloss und ihr Wachstum begrenzte. Als diese Befestigung militärisch bedeutungslos geworden war, begann Frankfurt ab 1806, die Wälle zu schleifen. Der Abriss zog sich über Jahre hin: Wälle wurden abgetragen, Gräben verfüllt, das gewonnene Gelände neu vermessen. Damit stand die Stadt vor einer Entscheidung, die viele Kommunen jener Jahre trafen: Was tun mit dem freiwerdenden Ring?
Aus Mauern wird ein Park
Die Frankfurter trafen eine kluge Wahl. Statt den Wallring einfach zu bebauen und zu Geld zu machen, ließen sie ihn in eine Parklandschaft verwandeln. Der Stadtgärtner Sebastian Rinz gestaltete aus Wällen und Gräben über Jahrzehnte eine geschwungene Anlage im englischen Landschaftsstil, mit Baumgruppen, Wiesen, Wasserflächen und Spazierwegen. Wo einst Wassergräben die Angreifer aufhalten sollten, entstanden nun Teiche; aus dem harten Gürtel der Verteidigung wurde ein weiches Band der Erholung, ein grüner Kranz um das Herz der Stadt.

Bemerkenswert ist, dass die Frankfurter diesen grünen Charakter für alle Zeiten sichern wollten. Das sogenannte Wallservitut von 1827 schrieb rechtlich fest, dass die Anlagen dauerhaft als Grünfläche erhalten bleiben und nicht bebaut werden dürfen, eine erstaunlich weitsichtige Dienstbarkeit, die bis heute gilt. Damit gehören die Wallanlagen zu den frühesten dauerhaft geschützten öffentlichen Grünflächen einer deutschen Stadt, ein Gedanke, der sich in der GrünGürtel-Verfassung von 1991 wiederholen sollte.
Frankfurt riss seine Mauern nieder und pflanzte an ihrer Stelle einen Park.
Ein Ring mit vielen Gesichtern
Wer die Wallanlagen heute abschreitet, durchwandert ein Stück Frankfurter Kulturgeschichte. Der Ring reiht die einzelnen Anlagen wie Perlen aneinander: die Taunusanlage und die Gallusanlage im Bankenviertel, die Untermainanlage hinab zum Fluss, die Friedberger Anlage und die Obermainanlage im Osten. Am Eschenheimer Turm, einem der wenigen erhaltenen Reste der alten Befestigung, wird die Herkunft des Rings bis heute sichtbar. Überall stehen Denkmäler, die an Dichter, Bürger und Ereignisse erinnern, und mächtige alte Bäume spenden Schatten.
Der Ring hat viele Gesichter. Im Westen, an der Alten Oper und im Rothschildpark, ist er repräsentativ und gepflegt, im Osten, Richtung Zoo, wird er ruhiger und grüner. Unweit der Friedberger Anlage lädt der Bethmannpark mit seinem Chinesischen Garten zum Verweilen. Trotz des Verkehrs ringsum sind die Anlagen bis heute ein beliebter Ort zum Spazieren, für die Mittagspause der Büroangestellten und für den Weg zwischen den Vierteln. Überall aber verläuft die Kette exakt auf der Linie der einstigen Befestigung, sodass man beim Gehen unbemerkt die alte Stadtgrenze nachzeichnet. Die Wallanlagen sind damit ein begehbares Geschichtsbuch, in dem sich das Werden der modernen Stadt ablesen lässt.
Vorbild für den grünen Ring
Die Bedeutung der Wallanlagen reicht weit über ihre Fläche hinaus. Als Rinz seine Pläne zeichnete, war der Gedanke einer für immer geschützten Grünfläche keineswegs selbstverständlich. Die Anlagen wurden zum frühen Beweis, dass eine Stadt Grün als öffentliches Gut begreifen und dauerhaft sichern kann, gegen den Druck von Bebauung und kurzfristigem Gewinn. Diese Haltung, dass manche Flächen grün bleiben müssen, koste es, was es wolle, prägt Frankfurts Umgang mit seinem Stadtgrün bis heute und lässt sich vom Anlagenring bis zum Stadtwald verfolgen.
So schließt sich der Kreis, im Wortsinn. Der kleine grüne Ring der Wallanlagen im Zentrum und der große grüne Ring des GrünGürtels am Stadtrand sind Geschwister derselben Idee, getrennt durch fast zwei Jahrhunderte, verbunden durch dieselbe Überzeugung. Frankfurt hat zweimal beschlossen, sich selbst einen grünen Gürtel zu schenken, und beide Male hat es damit bewiesen, dass eine reiche Stadt reich genug sein kann, um auf Bauland zu verzichten. Ein Spaziergang durch die Wallanlagen ist deshalb immer auch ein Gang durch ein Stück Frankfurter Selbstverständnis.
Mehr aus Stadtleben
Alle Artikel →Stadtleben · Erklärstück
Der GrünGürtel: Frankfurts grüner Ring erklärt
Der Frankfurter GrünGürtel bedeckt rund ein Drittel des Stadtgebiets. Wir erklären seine Entstehung, den Rundwanderweg und die GrünGürtel-Verfassung von 1991.
Stadtleben · Reportage
Palmengarten: 150 Jahre tropischer Garten in Frankfurt
Seit über 150 Jahren holt der Palmengarten die Tropen ins Frankfurter Westend. Ein Rundgang durch Palmenhaus, Tropicarium, Freilandanlagen und Artenschutz.
Stadtleben · Reportage
Die Renaturierung der Nidda: Ein Fluss kehrt zurück
Die Nidda wird renaturiert: Frankfurt gibt dem begradigten Fluss seine Auen zurück. Ein Ortstermin über Kiesbänke, Hochwasserschutz und die Rückkehr der Arten.

