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Warum Frankfurt im Sommer zur Hitzeinsel wird

Wenn nachts der Asphalt die Wärme des Tages zurückatmet, verteidigt Frankfurt seinen Ruf als eine der heißesten Städte Deutschlands. Über Beckenlage, Beton, Frischluftschneisen – und was gegen die Hitze hilft.

Von Dr. Nadine Vogt 4 Min. Lesezeit
Flimmernde Hitze über einer dicht bebauten Innenstadt mit Hochhäusern unter wolkenlosem Sommerhimmel
01Bankenviertel, Frankfurt, 15:20 Uhr— In den steinernen Schluchten der Innenstadt staut sich an heißen Tagen die Hitze.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt Sommertage, an denen Frankfurt seinen zweifelhaften Titel als eine der heißesten Großstädte Deutschlands verteidigt, ohne es zu wollen. Wenn über dem Untermain die Luft steht, das Thermometer im Bahnhofsviertel Werte anzeigt, die im Taunus niemand kennt, und nachts der Asphalt die Hitze des Tages zurückatmet, dann erlebt man am eigenen Körper, was Klimaforscher die städtische Wärmeinsel nennen. Im Hitzesommer 2019 kletterte das Thermometer am Flughafen auf über 40 Grad – ein Wert, der als Warnung zu lesen ist, nicht als Ausreißer.

Warum die Stadt nachts nicht abkühlt

Der Effekt ist kein Frankfurter Sonderweg, aber hier besonders kräftig. Die Stadt liegt in einer Beckenlage im windarmen Rhein-Main-Tiefland, kaum mehr als hundert Meter über dem Meer. Dichte Bebauung, versiegelte Flächen und die steinernen Schluchten des Bankenviertels speichern tagsüber Sonnenenergie und geben sie in der Nacht nur zögernd ab. Während das Umland auskühlt, bleibt die Innenstadt warm, in windstillen Strahlungsnächten um mehrere Grad.

Am deutlichsten zeigt sich das an den Tropennächten, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt. In den 1960er Jahren waren sie in Frankfurt die große Ausnahme; der Deutsche Wetterdienst, dessen Zentrale im benachbarten Offenbach steht, und das städtische Umweltamt verzeichnen inzwischen in heißen Sommern zweistellige Werte, konzentriert auf die dicht bebaute Innenstadt. Nur wenige Kilometer weiter, im offenen Land der Wetterau, kühlt es in denselben Nächten spürbar ab – der Unterschied entsteht fast ausschließlich durch die Stadt selbst.

Das ist mehr als ein Komfortproblem. Anhaltende Hitze belastet vor allem ältere Menschen, Kranke und Kleinkinder; in heißen Sommern steigt die Sterblichkeit messbar. Bei extremer Hitze gibt der Deutsche Wetterdienst amtliche Warnungen für die Region aus. Eine Stadt, die sich nachts nicht erholt, wird zur gesundheitlichen Herausforderung – und Frankfurt gehört zu den deutschen Städten, die das früh zu spüren bekommen.

Aufgeheizter Asphalt und versiegelter Platz mit langen Schatten im tiefen Licht der Nachmittagssonne
02Innenstadt Frankfurt, 16:10 Uhr— Versiegelte Flächen speichern die Sonnenwärme und geben sie nachts nur zögernd ab.Foto: Zeit Frankfurt

Die Bahnen der kühlen Luft

Frankfurts wichtigste Klimaanlage kostet nichts und liegt vor der Tür: die Hänge des Taunus im Norden und das Niddatal im Nordwesten. In klaren Nächten fließt von den Höhen kühle Luft ins Becken, entlang von Frischluftschneisen, die Meteorologen seit Jahrzehnten kartieren. Das Niddatal etwa schiebt Kaltluft aus der Wetterau bis weit ins Stadtgebiet. Solange diese Bahnen frei bleiben, gelangt frische Luft bis in die Innenstadt; wird eine Schneise zugebaut, staut sich die Wärme. Deshalb ist Stadtklima in Frankfurt auch eine Frage der Bauleitplanung: Große Bauvorhaben werden darauf geprüft, ob sie der Stadt die Luft abschnüren. Am schärfsten zeigt sich der Konflikt am geplanten Stadtteil im Nordwesten, wo Tausende Wohnungen ausgerechnet dort entstehen sollen, wo heute Kaltluft ins Becken strömt.

Die Datengrundlage liefern Klimafunktionskarten, wie sie der Regionalverband FrankfurtRheinMain für die ganze Region führt. Sie zeigen, dass die Belastung ungleich verteilt ist: Dicht bebaute, baumarme Quartiere wie das Gallus oder das Bahnhofsviertel heizen sich stärker auf als die grünen Villenlagen im Westend oder die Ränder am Wald. Hitze ist damit auch eine soziale Frage – sie trifft am härtesten dort, wo Wohnungen klein, Höfe versiegelt und Bäume selten sind.

Am Ende ist die Wärmeinsel kein Naturereignis, sondern eine Frage, wie wir bauen und was wir grün lassen.

Die Redaktion

Was gegen die Hitze hilft

Die Rezepte sind bekannt, nur ihre Umsetzung ist mühsam: mehr Straßenbäume, entsiegelte Höfe, begrünte und helle Dächer, Trinkbrunnen im öffentlichen Raum und der Schutz des GrünGürtels vor Bebauung. Der 1991 beschlossene GrünGürtel umfasst mit rund 8.000 Hektar etwa ein Drittel des Stadtgebiets, darunter im Süden der Stadtwald, mit rund 4.000 Hektar einer der größten Stadtwälder Deutschlands – die grüne Lunge, die das Becken überhaupt erträglich hält. Die planerische Antwort darauf bündelt das Umweltamt in der Frankfurter Anpassungsstrategie an den Klimawandel. Zu ihr gehört das Förderprogramm „Frankfurt frischt auf“, das private Dachbegrünung, Fassadenbegrünung, die Entsiegelung von Höfen und das Speichern von Regenwasser mit einem Klimabonus von bis zu 50 Prozent bezuschusst – Schritte hin zur Schwammstadt, die den Regen aufsaugt, statt ihn sofort in die Kanäle zu schicken. Neue Bäume in aufgeheizten Straßen pflanzt die Stadt dagegen selbst, Zug um Zug und zunehmend in klimafesten Arten.

Jeder große Baum kühlt seine Umgebung spürbar, jede neu versiegelte Fläche tut das Gegenteil – nur schreiten Versiegelung und Nachverdichtung vielerorts schneller voran als das Gegensteuern. Zugleich leiden die Straßenbäume selbst unter der Hitze; in Dürresommern ruft die Stadt zum Gießen auf. Für den heißen Nachmittag hilft unterdessen Ortskenntnis: Wo man in der Stadt Schatten, Wasser und ein paar Grad weniger findet, haben wir in unserer Übersicht der kühlen Orte zusammengetragen. Denn bis die Stadt insgesamt kühler wird, bleibt die Wärmeinsel ein Sommergast, mit dem Frankfurt zu leben lernt.

Wie sich die Stadt an heißere Sommer anpasst, wird eine der prägenden Fragen der kommenden Jahrzehnte sein – nicht nur für Planer, sondern für jeden, der hier lebt.

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