Guide · Reportage

Sonntagmorgen auf dem Lohrberg: Frankfurts Balkon im Osten

Um acht gehört der Lohrberg den Joggern, um elf den Familien mit Picknickdecken. Eine Reportage über Frankfurts einzigen Weinberg, das MainÄppelHaus und den Ort, an dem die Stadt am wenigsten nach Großstadt aussieht — und am meisten nach sich selbst.

Von Deniz Kaya Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Panorama vom Lohrberg über Weinreben hinweg auf die Frankfurter Skyline im Morgendunst.
01Lohrberg, Seckbach, 7:55 Uhr— Über die Rebzeilen hinweg liegt die Skyline im Morgendunst — Frankfurts Balkon, kurz bevor die Stadt aufwacht.Foto: Zeit Frankfurt

Um kurz vor acht an einem Sonntagmorgen gehört der Lohrberg den Disziplinierten. Zwei Jogger ziehen ihre Runde über den oberen Weg, ein Mann dehnt sich am Geländer, und unten im Dunst liegt die Stadt, als hätte jemand sie über Nacht leiser gestellt: die Türme der Skyline grau-blau gestaffelt, davor die Dächer von Seckbach und Bornheim, dazwischen nichts als Vogellärm. Es ist der Moment, für den die Frühen hierherkommen — beobachtet an einem Spätsommersonntag, an dem die Trauben am Hang schon schwer hingen. Wer Frankfurt nur aus dem Bankenviertel kennt, würde nicht glauben, dass dieser Blick zur selben Stadt gehört.

Der Lohrberg ist mit seinen rund 185 Metern kein Berg, sondern eine Anhöhe am nordöstlichen Stadtrand, oberhalb von Seckbach. Aber er ist der einzige Frankfurter Hügel mit allem, was dazugehört: Weinberg, Streuobstwiesen, Gartenlokal, Panorama. „Frankfurts Balkon" nennen ihn die einen, „unser Dorfplatz" die aus Seckbach, und beide haben recht. An sieben Tagen der Woche ist er ein Ausflugsziel — aber nur am Sonntag entfaltet er seinen ganz eigenen Stundenplan, den man ablesen kann wie eine Uhr.

Um neun wird gearbeitet, während die Stadt noch schläft

Gegen neun Uhr bewegt sich etwas zwischen den Rebzeilen. Am Lohrberger Hang, dem steilen Südstück unterhalb des Plateaus, wird auch sonntags nach den Reben gesehen — in den Wochen vor der Lese fast täglich. Ein Mitarbeiter des städtischen Weinguts läuft die Zeilen ab, zupft Blätter aus der Traubenzone, prüft Beeren zwischen zwei Fingern. „Die Leute denken, Wein wächst von allein", sagt er und lacht. „Dabei ist das hier Handarbeit am Hang — nur eben mit dem schönsten Büro der Stadt."

Das Kuriosum dieses Fleckens ist in Weinkreisen berühmt: Der Lohrberger Hang zählt als östlichste Lage des Rheingaus, gut ein Hektar Riesling, kilometerweit von Johannisberg und Rüdesheim entfernt und doch demselben Anbaugebiet zugeschlagen. Der Ertrag ist klein, der Wein entsprechend rar. Wie es zu dieser Grenzziehung kam und wohin die Flaschen verschwinden, haben wir in unserem Stück über Frankfurts einzigen Weinberg aufgeschrieben — an diesem Morgen genügt der Anblick: Reihen voller praller Trauben, dahinter, wie ein bestelltes Bühnenbild, die Hochhaustürme.

Eine Rebzeile am Lohrberger Hang, pralle Trauben hängen im warmen Seitenlicht.
03Lohrberger Hang, 9:15 Uhr— Östlichste Lage des Rheingaus: Zwischen diesen Zeilen wächst der einzige Frankfurter Wein.Foto: Zeit Frankfurt

Im MainÄppelHaus regiert das Ehrenamt

Ein paar Schritte weiter, am Rand des Plateaus, öffnet gegen zehn das MainÄppelHaus seine Tore — Streuobstzentrum, Hofladen, Lehrgarten und Vereinsheim in einem. Auf dem Gelände stehen alte Apfelsorten, an denen kleine Schilder hängen wie in einem Museum, das man essen darf. Drinnen sortiert eine Ehrenamtliche Gläser mit Honig und Apfelgelee, draußen erklärt ein Kollege zwei Besuchern den Unterschied zwischen Schnitt und Verschnitt. „Wir sind kein Ausflugslokal, wir sind ein Lernort", sagt sie, „aber gegen ein Glas Apfelwein nach der Belehrung hat noch niemand protestiert."

Die Streuobstwiesen rund um den Lohrberg sind das eigentliche Kapital des Hügels — ein Biotop aus knorrigen Hochstämmen, das Frankfurts Apfelweinkultur mit Nachschub und die Stadt mit einem Stück Kulturlandschaft versorgt, wie es sie im Umland immer seltener gibt. Dass die trockenen Sommer den alten Bäumen zusetzen und wie die Helfer dagegenhalten, war hier bereits Thema in unserer Reportage über die Streuobsternte am Lohrberg. An diesem Sonntag ist davon wenig zu spüren: Es riecht nach Gras und Fallobst, und über den Wiesen hängt jener Frieden, für den andere Städte Eintritt nehmen würden.

Ab elf verwandelt sich die Wiese in ein Wohnzimmer

Man kann die Uhr danach stellen: Zwischen halb elf und elf rollen die ersten Picknickdecken aus. Familien mit Bollerwagen kommen den Weg von der Bushaltestelle herauf, Studentengruppen tragen Kühltaschen, zwei Großväter bauen einen Klapptisch mit Schachbrett auf. Eine Stunde später ist die große Wiese ein Mosaik aus Decken, und die Geräuschkulisse hat gewechselt — aus Vogellärm ist Kinderlachen geworden, dazwischen das Ploppen von Verschlüssen und der Geruch von Kaffee aus Thermoskannen.

Am Geländer mit dem besten Blick steht dann jener Mann, den hier oben viele grüßen, weil er seit zwanzig Jahren jeden Sonntag kommt, bei jedem Wetter, immer mit derselben karierten Thermoskanne. Er hat oben schon Silvesterfeuerwerke gesehen und Gewitterfronten, die über die Stadt zogen wie Filmkulissen. Warum er nie woanders hingeht? Er zeigt mit der Tasse Richtung Skyline: „Die ist jeden Sonntag dieselbe — und jedes Mal eine andere. Mehr Abwechslung brauche ich nicht."

Picknickdecken auf der Wiese des Lohrbergs, Gruppen von hinten, dahinter Streuobstbäume im Sommerlicht.
02Lohrbergwiese, 11:35 Uhr— Ab elf verwandelt sich die Wiese in ein Mosaik aus Decken, Körben und Sonntagsgesprächen.Foto: Zeit Frankfurt

Ich habe hier oben Silvester gesehen, Gewitter, Schnee auf den Reben. Die Skyline ist jeden Sonntag dieselbe — und jedes Mal eine andere.

Ein Stammgast, seit zwanzig Jahren mit Thermoskanne

Der Nachmittag gehört allen — der Abend wieder dem Berg

Mittags füllt sich die Gartenwirtschaft der Lohrbergschänke, und wer keinen Platz mehr findet, weicht auf die Mauern und Bänke aus; versorgt wird man notfalls im Hofladen. Es ist der demokratischste Moment des Tages: Auf engem Raum sitzen Seckbacher Stammgäste neben Zugezogenen aus dem Ostend, Rennradfahrer neben Kinderwagen, und alle schauen in dieselbe Richtung. Die Stadt hat viele Aussichtspunkte, aber nur einen, auf dem man dabei im Gras sitzt.

Der Weg hinauf ist übrigens Teil des Vergnügens, wenn man ihn richtig wählt. Von der Endstation der U4 an der Seckbacher Landstraße führt die Route durch den alten Ortskern von Seckbach, vorbei an Fachwerk und Vorgärten, dann zwischen Kleingartenparzellen bergan — eine Viertelstunde, in der die Stadt mit jedem Schritt ein Stück zurückfällt. Oben angekommen versteht man, warum die Seckbacher ihren Hügel nie als Ausflugsziel bezeichnen würden: Für sie ist er schlicht die Verlängerung der eigenen Straße. Und man versteht auch das Ritual, das hier fast alle Erstbesucher vollziehen — das Erraten der Türme am Horizont, von links nach rechts, bis beim Messeturm gewöhnlich Einigkeit herrscht und beim Rest der Streit beginnt.

Der Rhythmus des Berges übersteht dabei jede Jahreszeit. Im Winter, wenn die Reben kahl sind und der Atem dampft, kommen weniger Decken und mehr Thermoskannen; dafür ist die Luft dann so klar, dass hinter der Skyline der Taunus zum Greifen scheint. Die Jogger von acht Uhr bleiben ohnehin — sie sind, sagt einer von ihnen im Vorbeilaufen, „die einzige Konstante, die dieser Stadt geblieben ist".

Wer den Lohrberg lieber ohne Publikum will, kennt die Randzeiten. Vor zehn Uhr morgens gehört er den Läufern und den Gärtnern, nach fünf leert sich die Wiese so verlässlich, wie sie sich gefüllt hat — die Bollerwagen rollen bergab, zurück bleiben die Amseln und ein paar Fotografen, die auf das Abendlicht warten. Dann, in der letzten Stunde vor Sonnenuntergang, passiert das kleine Wunder, für das sich der ganze Tag gelohnt hat: Die Skyline beginnt zu glühen, erst golden, dann kupferrot, und zwischen den alten Apfelbäumen sieht Frankfurt für einen Moment aus wie eine Stadt, die sich mit sich selbst versöhnt hat.

Alte Apfelbäume des Streuobstgeländes im Abendlicht, eine Person mit Korb geht von hinten gesehen zwischen den Stämmen.
04Streuobstwiesen am Lohrberg, 18:45 Uhr— Wenn die Decken eingerollt sind, gehört der Berg wieder denen, die ihn pflegen.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende ist der Lohrberg vielleicht deshalb so beliebt, weil er das seltenste Frankfurter Gut im Überfluss hat: Unaufgeregtheit. Hier wird nichts vermarktet, nichts kuratiert, nichts beschleunigt — es gibt einen Hang mit Reben, Wiesen mit alten Bäumen, eine Schänke und einen Blick. Falls Sie für Ihren nächsten freien Tag noch Alternativen sammeln: Der Berg führt auch unsere Liste mit fünfzehn Ideen für den Frankfurter Sonntag ganz vorne mit. Aber eigentlich braucht er keine Liste. Er braucht nur, dass Sie einmal an einem Sonntagmorgen um acht oben stehen — den Rest erledigt der Blick.

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