Stadtleben · Reportage
Palmengarten: 150 Jahre tropischer Garten in Frankfurt
Seit den 1870er-Jahren zieht der Palmengarten die Frankfurter unter Glas in die Tropen. Ein Rundgang durch Gewächshäuser, Geschichte und einen Garten, der weit mehr ist als Palmen.
Draußen im Westend rauscht der Verkehr über die Bockenheimer Landstraße, drinnen tropft Kondenswasser von riesigen Blättern, die Luft ist schwer und warm und riecht nach feuchter Erde. Ein paar Schritte durch eine Glastür genügen, und Frankfurt liegt am Äquator. Der Palmengarten macht seit über 150 Jahren möglich, was in dieser Breite eigentlich nicht vorgesehen ist: eine tropische Reise ohne Flug, mitten in der Stadt.
Die Geschichte des Gartens beginnt in den 1860er-Jahren und hat einen kuriosen Ursprung. Als das Herzogtum Nassau nach dem Krieg von 1866 preußisch wurde, musste Herzog Adolph seine fürstliche Wintergarten-Sammlung in Biebrich abgeben. Frankfurter Bürger griffen zu, finanzierten den Ankauf über eine eigens gegründete Aktiengesellschaft und ließen vom Gartenkünstler Heinrich Siesmayer eine Anlage entwerfen, die 1871 eröffnete. Nach ihm ist bis heute die Straße benannt, an der der Haupteingang liegt. Von Anfang an wollte dieser Garten nicht nur Wissenschaft sein, sondern auch Vergnügen, mit Konzerten, Festen und einem großen Gesellschaftshaus.
Ein Garten unter Glas
Herzstück ist bis heute das historische Palmenhaus mit seiner filigranen Konstruktion aus Eisen und Glas, unter der die höchsten Palmen ihre Wedel entfalten. Wer hindurchgeht, versteht schnell die Faszination des 19. Jahrhunderts für diese Bauten: Sie waren Fenster in eine ferne Welt, zu einer Zeit, als kaum ein Frankfurter die Tropen je mit eigenen Augen sah.
Wie ernst es der Garten mit dieser Illusion meint, zeigt das jüngere Tropicarium. In zwei Flügeln führt es von den feuchten in die trockenen Tropen: Auf der einen Seite drängen sich Mangroven, Orchideen und Bromelien in schwüler Luft, auf der anderen behaupten sich Wüstenpflanzen wie die urtümliche Welwitschia, tarnfarbene Lebende Steine und mannshohe Kakteen in knochentrockener Luft. Zwischen den Abteilungen wechselt mit jeder Tür das Klima.

Nicht jedes Haus setzt auf Größe. Im Blüten- und Schmetterlingshaus flattern tropische Falter zwischen blühenden Ranken, so nah, dass sie sich auf Ärmel und Schultern setzen, während das Subantarktishaus in die kühle, windige Pflanzenwelt der südlichen Ozeane führt. So reiht der Palmengarten unter seinen Dächern Landschaften aneinander, die auf der Landkarte Tausende Kilometer trennen.
Unter der historischen Glaskuppel gedeiht, was im Frankfurter Freiland keinen Winter überstünde.
Draußen vor den Häusern
Doch der Palmengarten ist weit mehr als seine Häuser. Auf rund 22 Hektar breiten sich Freilandanlagen aus: ein weiter Weiher mit Ruderbooten, Steingärten und Rasenflächen, auf denen im Sommer die halbe Stadt Sonne tankt. Im Rosengarten stehen die Beete in strengen Bögen, Bänke laden zum Verweilen, und an einem Nachmittag im Juni liegt der Duft Hunderter Sorten schwer über den Wegen. Für Familien gibt es Spielplätze und eine kleine Bahn, an lauen Abenden verwandeln Open-Air-Konzerte die Wiesen in ein Freilufttheater. Wer das Grün des Viertels weiterverfolgen will, findet in unserem Westend-Guide die passenden Wege. Gleich jenseits der Straße schließt der Botanische Garten an.
Vom Schauobjekt zum Artenschützer
Die Aufgabe des Gartens hat sich über die Jahrzehnte gewandelt. Was einst vor allem staunen machen sollte, ist heute ein ernsthafter Ort der Wissenschaft und des Artenschutzes. Hinter den Kulissen ziehen Gärtnerinnen und Gärtner in eigenen Anzuchthäusern Pflanzen heran, die in ihren Herkunftsländern längst bedroht oder ausgestorben sind. Über internationale Saatgut-Verzeichnisse tauscht der Garten Samen mit botanischen Sammlungen in aller Welt und bewahrt so genetisches Erbe, das andernorts verloren geht.
Dazu kommt die Umweltbildung. Schulklassen lernen zwischen Bananenstauden und Kakaobäumen, woher ihr Alltag kommt, Sonderschauen erklären Zusammenhänge von der Bestäubung bis zum Klimawandel. Der Palmengarten ist damit ein doppeltes Wesen: populäres Ausflugsziel und stille Forschungseinrichtung zugleich, und beides gelingt ihm auf demselben Gelände.
Frankfurts grünes Wohnzimmer
An einem gewöhnlichen Sonntag zeigt sich, wie sehr die Stadt diesen Garten in ihr Herz geschlossen hat. Rentnerinnen füttern die Enten, Studierende liegen mit Büchern im Gras, Familien picknicken, und in den Häusern schieben sich Besucher an tropfenden Farnen vorbei. Der Palmengarten ist kein Museum hinter Glas, sondern ein Ort, an dem gelebt wird, ein grünes Wohnzimmer für eine ganze Stadt.
Dass ein solcher Garten seit rund anderthalb Jahrhunderten besteht, verdankt sich immer wieder dem bürgerlichen Willen, ihn zu erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg von der US-Armee beschlagnahmt, in Zeiten knapper Kassen zur Debatte gestellt, überstand er Krisen nur, weil Generationen sich weigerten, das tropische Frankfurt aufzugeben. Ein Nachmittag unter der alten Glaskuppel ist deshalb auch ein Nachmittag mit der Geschichte einer Stadt, die sich ihre Sehnsuchtsorte selbst gebaut hat.
Mehr aus Stadtleben
Alle Artikel →Stadtleben · Guide
Der Botanische Garten: Frankfurts stiller Nachbar des Palmengartens
Der Botanische Garten Frankfurt ist der stille, kostenlose Nachbar des Palmengartens: Pflanzengeografie, Artenschutz und Ruhe mitten im Frankfurter Westend.
Stadtleben · Erklärstück
Der GrünGürtel: Frankfurts grüner Ring erklärt
Der Frankfurter GrünGürtel bedeckt rund ein Drittel des Stadtgebiets. Wir erklären seine Entstehung, den Rundwanderweg und die GrünGürtel-Verfassung von 1991.
Stadtleben · Reportage
Grüneburgpark: Frankfurts liebster Rasen
Der Grüneburgpark ist Frankfurts beliebteste Liegewiese. Geschichte, Koreanischer Garten und Parkleben des grünen Herzstücks im Frankfurter Westen im Porträt.

