Stadtleben · Reportage

Grüneburgpark: Frankfurts liebster Rasen

An sonnigen Tagen wird die weite Wiese im Westend zum größten Wohnzimmer der Stadt. Über einen Park, der Rothschild-Erbe, Volkspark und Studenten-Idyll zugleich ist.

Von Imke Sauer 4 Min. Lesezeit
Weite sonnige Parkwiese mit lockeren Gruppen von Menschen und alten Baumgruppen im Hintergrund
01Grüneburgpark, Frankfurt-Westend, 17:30 Uhr— Am späten Nachmittag füllt sich die große Wiese mit Decken, Büchern und Bällen.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt einen zuverlässigen Weg, zu erkennen, wann in Frankfurt der Sommer begonnen hat: Man schaue auf die große Wiese im Grüneburgpark. Sobald die Sonne verlässlich scheint, verwandelt sich die Wiese in ein Meer aus Picknickdecken, Fußbällen, aufgeklappten Büchern und dem leisen Zischen geöffneter Flaschen. Studenten der nahen Goethe-Universität liegen neben Familien aus dem Westend, Rentner sitzen auf den Bänken am Rand, Hunde jagen Frisbees über den Rasen. Kaum ein anderer Ort bringt die Stadt so mühelos auf einer einzigen Fläche zusammen.

Nirgendwo demokratisiert sich Frankfurt so schnell wie auf dieser Wiese.

Mit rund 29 Hektar zählt der Grüneburgpark zu den größten innerstädtischen Grünanlagen Frankfurts, und seine Geschichte reicht weit in das 19. Jahrhundert zurück. Der Name erinnert an die einstige „Grüne Burg“, ein Landgut vor den Toren der Stadt. 1837 erwarb die Frankfurter Familie Rothschild das Anwesen und ließ es zu einem herrschaftlichen Sommersitz mit weitläufigem Landschaftsgarten umgestalten. Aus dieser Zeit stammen die sanften Wiesenhügel und die alten Baumgruppen, die dem Park bis heute seinen Charakter geben.

Vom Landgut in städtische Hand

Der Weg des Parks in öffentlichen Besitz führt durch ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte. Die Rothschilds gehörten zu den prägenden jüdischen Familien Frankfurts; in den 1930er Jahren geriet die Familie unter den Druck der nationalsozialistischen Verfolgung. Mitte des Jahrzehnts ging die Grüneburg an die Stadt über – ein Verkauf unter dem Druck des NS-Regimes, wie er damals zahllosen jüdischen Eigentümern aufgezwungen wurde. Das herrschaftliche Palais überstand den Zweiten Weltkrieg nicht; es wurde bei Luftangriffen zerstört. Geblieben ist der Park, der erst nach dem Krieg zu jenem offenen Volkspark wurde, als den ihn die Frankfurter heute kennen: ohne Eintritt, ohne Zaun, ohne Öffnungszeiten.

Anders als der benachbarte Palmengarten, der mit seinen Schauhäusern und Eintrittskarten ein kuratierter Garten ist, lebt der Grüneburgpark von seiner Formlosigkeit. Hier gibt es keine Beete, die man bewundern soll, sondern Rasen, den man betreten darf. Gleich nebenan liegt der Botanische Garten, unweit erhebt sich der wuchtige Poelzigbau der Goethe-Universität. Wer die grünen Nachbarschaften des Viertels verbinden will, findet im Westend-Guide die Wege dazwischen.

Ein Garten aus Korea

Detail eines geschwungenen Holzpavillons im ostasiatischen Stil zwischen Bambus und Steinen
02Koreanischer Garten, Grüneburgpark, 12:15 Uhr— Der geschenkte Garten bringt eine Ecke Ostasien in den Frankfurter Westen.Foto: Zeit Frankfurt

Etwas abseits der großen Wiese verbirgt sich eine Besonderheit: der Koreanische Garten. Er geht auf das Jahr 2005 zurück, als Korea Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war, und kam als Geschenk an die Stadt – angelegt im Stil traditioneller ostasiatischer Gartenkunst, mit geschwungenem Pavillon, sorgfältig gesetzten Steinen, Wasser und Bambus. Zwischen den weiten Rasenflächen wirkt er wie eine kontemplative Insel, ein Ort zum Innehalten in einem sonst betriebsamen Park. Wer ostasiatische Gartenkunst in Frankfurt weiterverfolgen möchte, findet mit dem Chinesischen Garten im Bethmannpark ein zweites, älteres Beispiel.

Rund um die zentrale Wiese führen Wege durch Baumbestände, die zu den schönsten der Stadt gehören. Mächtige Platanen, Buchen und exotische Solitärbäume zeugen von der gärtnerischen Ambition vergangener Jahrzehnte. An milden Tagen treffen sich Boulespieler auf den sandigen Wegen, Jogger ziehen ihre Runden, und Kinder erobern den Spielplatz am Rand der Anlage. Im Herbst färbt sich der Park spektakulär, im Winter locken die Hänge beim ersten Schnee die Rodler an, und im Frühling ist er einer der ersten Orte, an denen die Stadt wieder ins Grüne strömt.

Ein Park unter dem Druck seines Erfolgs

So beliebt der Grüneburgpark ist, so sehr leidet er auch unter seiner Beliebtheit. An heißen Wochenenden hinterlassen Tausende Besucher Müll, der strapazierte Rasen muss sich mühsam erholen, und das Grünflächenamt treibt erheblichen Aufwand, um das grüne Wohnzimmer der Stadt in Form zu halten. Grillen ist in der Anlage offiziell nicht gestattet, was an manchen Abenden mehr Wunsch als Wirklichkeit bleibt. Es ist das Dilemma erfolgreicher Parks: Je mehr Menschen sie lieben, desto härter müssen sie gepflegt werden.

Doch an einem lauen Sommerabend, wenn die Sonne flach über die Wiese fällt und die Silhouetten der Bankentürme am Horizont zu glühen beginnen, verzeiht man dem Park seine Überfüllung gern. Dann zeigt sich, was der Grüneburgpark eigentlich ist: kein bloßer Rasen, sondern eine große, offene Bühne, auf der eine ganze Stadt für ein paar Stunden das Nichtstun übt. Und darin ist Frankfurt, so ließe sich sagen, überraschend gut.

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