Damals · Porträt

Mayer Amschel Rothschild: Weltkarriere aus der Judengasse

Er begann als Münzhändler im Haus zum Grünen Schild und begründete die einflussreichste Bankendynastie der Geschichte: Mayer Amschel Rothschild (1744–1812). Sein Aufstieg aus der Judengasse ist zuerst eine Frankfurter Geschichte — von Ausgrenzung, Familienbindung und der Erfindung des internationalen Finanzwesens.

Von Johanna Roth 8 Min. Lesezeit
Die klassizistische Fassade des Rothschild-Palais am Untermainkai im warmen Nachmittagslicht als breites Panorama.
01Untermainkai, 16:40 Uhr— Nachmittagslicht auf dem Rothschild-Palais — heute residiert hier das Jüdische Museum.Foto: Zeit Frankfurt

Am Untermainkai, wo das Jüdische Museum in einem klassizistischen Palais residiert, hängt die Erinnerung an eine Familie, deren Name bis heute wie ein Synonym für Geld klingt: Rothschild. Wer diesen Namen hört, denkt an London, Paris, an Legenden von Weltvermögen. Dabei ist die Geschichte in ihrem Kern eine sehr Frankfurter Geschichte, und sie beginnt nicht in einem Palais, sondern wenige hundert Meter weiter nordöstlich — in einer wenige Meter breiten, nachts verriegelten Gasse, in der ein Kind zur Welt kam, dem die Stadt fast alles verbot, was seinen christlichen Nachbarn erlaubt war.

Mayer Amschel Rothschild wurde 1744 in der Frankfurter Judengasse geboren, als Sohn eines Kleinhändlers, der mit Stoffen und Münzen handelte. Der Familienname stammte, wie in der Gasse üblich, von einem Hauszeichen: zum roten Schild. Die Lebensbedingungen sind schnell erzählt — die Frankfurter „Stättigkeit" beschränkte die Zahl jüdischer Haushalte, verbot den Erwerb von Grundbesitz außerhalb der Gasse, schloss Juden von Zünften und Ämtern aus und ließ ihnen im Wesentlichen den Handel und das Geldgeschäft. Was wie eine Randnotiz klingt, ist der Schlüssel zur ganzen Geschichte: Die Karriere der Rothschilds ist auch deshalb eine Finanzkarriere geworden, weil die Stadt ihnen fast jeden anderen Weg versperrt hatte.

Aus Sammlermünzen wurde ein Geschäft mit Fürsten

Der Junge verlor früh beide Eltern — eine Pockenepidemie ließ ihn als Elfjährigen zurück — und lernte das Geldgeschäft als Lehrling im Bankhaus Oppenheimer in Hannover. Zurück in Frankfurt, baute er ab den 1760er Jahren einen Handel mit alten Münzen, Medaillen und Antiquitäten auf, und er tat es mit einer Methode, die man heute Marketing nennen würde: Er ließ sorgfältig gedruckte Kataloge anfertigen und verschickte sie an fürstliche Sammler. Einer der Empfänger war Wilhelm, Erbprinz und später Landgraf von Hessen-Kassel, einer der reichsten Fürsten Europas. 1769 durfte sich Rothschild mit dessen Erlaubnis „Hoffaktor" nennen — ein Titel ohne Gehalt, aber mit Türöffnerwirkung.

Was folgte, war keine Explosion, sondern jahrzehntelange Kärrnerarbeit. Rothschild heiratete 1770 Gutle Schnapper, die Tochter eines Händlers; das Paar bekam zehn Kinder, die das Erwachsenenalter erreichten, darunter fünf Söhne. 1785 bezog die Familie das Haus zum Grünen Schild in der Judengasse — nach den Maßstäben der Gasse stattlich, nach denen der Stadt bescheiden: ein schmales Haus, das sich die Familie anfangs mit einer zweiten teilte. Von hier aus verschob sich das Geschäft Schritt für Schritt vom Münzhandel zum Wechsel- und Kreditgeschäft. Der entscheidende Sprung gelang über die Finanzgeschäfte des Landgrafen: Rothschild diskontierte Wechsel, vermittelte Anleihen und verwaltete wachsende Teile des kurfürstlichen Vermögens — zuverlässig, diskret und günstiger als die etablierte Konkurrenz.

Die Napoleonischen Kriege machten aus dem Frankfurter Hoffaktor einen europäischen Akteur. Als Kurfürst Wilhelm 1806 vor den französischen Truppen fliehen musste, gehörte das Haus Rothschild zu denen, die sein Vermögen weiterverwalteten und verzinsten — ein Vertrauensbeweis, der die Reputation der Familie zementierte. Zugleich hatte der dritte Sohn Nathan längst den Schritt gewagt, der das Familiengeschäft für immer veränderte: Er war Ende der 1790er Jahre nach England gegangen, zunächst als Textilhändler in Manchester, dann als Financier in London. In den Wirren der Kontinentalsperre organisierte das Netz der Brüder Warentransfers, Wechselgeschäfte und schließlich Subsidienzahlungen für die Kriegskoalitionen gegen Napoleon — Geldtransporte über Grenzen hinweg, für die es bis dahin keine verlässliche private Infrastruktur gegeben hatte.

Geschwungenes historisches Treppenhaus im Inneren des Rothschild-Palais, weiches Licht fällt durch ein Oberlicht.
02Jüdisches Museum, Untermainkai, 11:50 Uhr— Das Treppenhaus des Palais: großbürgerliche Repräsentation, keine zwei Kilometer von der engen Gasse entfernt, in der alles begann.Foto: Zeit Frankfurt

Fünf Söhne, fünf Städte, ein Haus

Hier liegt die eigentliche historische Leistung, und sie ist nüchterner, als die Legenden es wollen: Mayer Amschel Rothschild erfand keine Zaubertricks, sondern eine Organisationsform. Das Haus M. A. Rothschild & Söhne war eine Familiengesellschaft, in der die Söhne Partner waren, Gewinne gemeinsam gehörten und Informationen schneller flossen als bei jeder Konkurrenz. Nach dem Tod des Vaters 1812 vollendeten die Brüder das Muster: Amschel Mayer führte das Stammhaus in Frankfurt, Nathan saß in London, Jakob — bald James genannt — in Paris, Salomon ging nach Wien, Carl nach Neapel. Fünf Häuser, ein Name, ein Absender: Das Familienwappen mit den fünf gebündelten Pfeilen erzählt genau davon. Staatsanleihen für halb Europa, später Eisenbahnfinanzierungen — das 19. Jahrhundert wurde auch deshalb das Jahrhundert der Rothschilds, weil hier zum ersten Mal ein Bankhaus wirklich international dachte. Wie Frankfurt insgesamt von der Messestadt zum Finanzplatz wurde, ist ohne dieses Kapitel nicht zu erzählen.

Der Gründervater selbst hat davon nur den Anfang gesehen, und er hat ihn dort erlebt, wo er geboren wurde. Mayer Amschel blieb Zeit seines Lebens Bewohner der Judengasse; erst in seinen letzten Jahren durften Frankfurter Juden überhaupt außerhalb wohnen. Er starb im September 1812 und wurde auf dem Alten Jüdischen Friedhof an der Battonnstraße begraben, wo sein Grabstein bis heute steht. Seine Frau Gutle wurde zur Legende der Familie: Sie weigerte sich, die Gasse zu verlassen, und wohnte bis zu ihrem Tod 1849 im Haus zum Grünen Schild — während ihre Söhne in London und Paris Paläste bezogen und in den Adelsstand erhoben wurden. Man kann darin Starrsinn sehen oder ein Statement: Wer wissen wolle, woher der Segen komme, so ein ihr zugeschriebenes Wort, solle dorthin schauen, wo sie geblieben war.

Mayer Amschel Rothschild hat Frankfurt nie verlassen — er hat stattdessen seine Söhne zu Filialen gemacht.

Gegen den Namen Rothschild richtete sich ein ganzes Genre der Hetze

Kein deutscher Familienname ist so systematisch zum Material von Verschwörungserzählungen gemacht worden wie dieser, und deshalb gehört die Richtigstellung in jedes Porträt. Die berühmteste Legende behauptet, Nathan Rothschild habe 1815 durch frühes Wissen um den Ausgang der Schlacht von Waterloo an der Londoner Börse ein Riesenvermögen ergaunert. Die Geschichte stammt in ihrem wirkmächtigen Kern aus einem französischen Schmähpamphlet der 1840er Jahre, wurde immer weiter ausgeschmückt und schließlich von den Nationalsozialisten — unter anderem im Hetzfilm „Die Rothschilds" von 1940 — zur Staatspropaganda erhoben. Historiker haben sie längst zerlegt: Ein börsenbewegendes Geheimwissen dieser Art lässt sich nicht belegen, die kolportierten Gewinnsummen sind frei erfunden.

Das Muster dahinter ist älter und zäher als jede einzelne Legende: Einer jüdischen Familie wird zugeschrieben, im Verborgenen „die Fäden zu ziehen" — Kriege zu lenken, Regierungen zu kaufen, Krisen zu inszenieren. Dass die realen Rothschild-Banken seit dem frühen 20. Jahrhundert im Weltmaßstab eher Mittelgewichte sind und das Frankfurter Stammhaus bereits 1901 mangels männlicher Erben geschlossen wurde, hat die Erzählungen nie gestört; Verschwörungsdenken ist gegen Tatsachen gut isoliert. Wer heute in sozialen Netzwerken auf „Rothschild"-Andeutungen stößt, sollte wissen: Er liest keine Finanzgeschichte, sondern die Fortschreibung eines antisemitischen Codes mit über 175 Jahren Laufzeit.

In Frankfurt kann man die ganze Spanne dieser Geschichte abgehen

Stillleben aus historischem Kontobuch, Schreibfeder und Münzwaage auf dunklem Holz im Fensterlicht, die Schrift unscharf.
03Museumsdepot, 14:20 Uhr— Münzwaage und Kontobuch: Werkzeuge eines Händlers, der aus Sammlermünzen ein Weltgeschäft machte.Foto: Zeit Frankfurt

Die Stadt, die der Familie so lange die Bürgerrechte verwehrte, trägt ihre Spuren heute mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Der Rundgang beginnt an der Battonnstraße: Im Museum Judengasse sind die Fundamente von Häusern der Gasse konserviert, gleich daneben liegt der Alte Jüdische Friedhof mit dem Grab des Firmengründers. Von dort sind es fünfzehn Minuten zu Fuß an den Untermainkai, wo das klassizistische Rothschild-Palais — einst Wohnsitz eines Zweigs der Familie — seit 1988 das Jüdische Museum beherbergt, samt einer Dauerausstellung, die der Familie ein eigenes Kapitel widmet. Und wer den Bogen ins Grüne schlagen will, geht hinauf zum Rothschildpark am Rand des Westends: Das Gartengrundstück der Familie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts städtischer Park, heute gerahmt von den Türmen jenes Finanzplatzes, dessen früheste internationale Adresse ein Haus in der Judengasse war.

Geblieben ist von den Frankfurter Rothschilds vor allem Gestiftetes: Die Familie finanzierte Krankenhäuser, Stiftungen und die Freiherrlich Carl von Rothschild'sche Bibliothek, deren Bestände in der Universitätsbibliothek aufgingen. Es ist ein stilles Erbe, verglichen mit dem Weltruhm des Namens — und vielleicht das ehrlichste Denkmal für einen Mann, der sein Leben lang in einer Gasse wohnte, deren Tore nachts verschlossen wurden.

Alter Baumbestand im Rothschildpark in tiefer Abendsonne, Spaziergänger als ferne Silhouetten auf den Wegen.
04Rothschildpark, 20:10 Uhr— Ein Park als Nachlass: Der Name der Familie blieb der Stadt erhalten — als Grünfläche zwischen den Bankentürmen.Foto: Zeit Frankfurt

Denn das ist der Kern dieses Porträts: Die Rothschild-Geschichte ist keine Erzählung vom Geld allein. Sie handelt davon, was eine ausgegrenzte Minderheit aus den wenigen Spielräumen machte, die man ihr ließ — mit Familienbindung als Kapital, Information als Ware und Verlässlichkeit als Geschäftsmodell. Dass daraus die Blaupause des internationalen Finanzwesens wurde, ist Weltgeschichte. Dass sie in einer drei Meter breiten Frankfurter Gasse begann, ist die Pointe, die diese Stadt sich merken sollte.

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