Guide · Reportage
Das IG-Farben-Haus: schönstes und schwerstes Gebäude der Stadt
Der geschwungene Poelzig-Bau im Westend beherbergt heute Studierende – doch seine Geschichte reicht von architektonischer Avantgarde über die Verbrechen der IG Farben bis zum US-Hauptquartier.
Es gibt in Frankfurt wenige Gebäude, die so schön und zugleich so schwer beladen sind wie das IG-Farben-Haus im Westend. Heute beherbergt der geschwungene Steinbau die Geisteswissenschaften der Goethe-Universität; Studierende sitzen mit Kaffeebechern auf den Treppen, im Park daneben werfen Familien Frisbees. Kaum ein anderes Bauwerk der Stadt zwingt so unausweichlich dazu, Schönheit und Schuld zusammenzudenken. Denn die Geschichte dieses Hauses reicht von architektonischer Avantgarde bis in die dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts.
Ein Palast für den Konzern
Den Wettbewerb für die Konzernzentrale gewann 1928 der Architekt Hans Poelzig, bis 1931 wuchs der Bau auf der Anhöhe der einstigen Grüneburg empor. Poelzig, einer der prägenden Architekten der Weimarer Republik, entschied sich gegen den modischen Turm und für einen kammförmigen Grundriss: Sechs Querflügel treten hinter einem sanft gebogenen Haupttrakt zurück und stufen sich nach hinten terrassenförmig ab. Die geschwungene Travertinfassade zieht sich über rund 250 Meter; an den Gelenkstellen der Flügel gleiten die berühmten Paternoster-Aufzüge bis heute unaufhörlich durch die Etagen. Für seine Zeit war der Stahlskelettbau ein technisches Wunderwerk mit Zentralheizung und Rohrpost – all das machte ihn zu einem Musterbeispiel moderner Bürobaukunst und für Jahrzehnte zum größten Bürogebäude Europas. Davor spannt sich ein weiter Vorplatz mit Weiher und dem niedrigen Casino, das den strengen Riegel ins Grüne öffnet.
Die Schönheit trügt. Die IG Farben, in den 1920er-Jahren einer der größten Chemiekonzerne der Welt, verstrickte sich tief in die Verbrechen des Nationalsozialismus. Sie profitierte von Zwangsarbeit, errichtete bei Auschwitz das Buna-Werk Monowitz und war über ihre Beteiligung an der Degesch mit dem Vertrieb jenes Giftgases verbunden, mit dem in den Vernichtungslagern gemordet wurde. Der elegante Bau im Westend war die Kommandozentrale eines Konzerns, dessen Name nach 1945 zum Synonym für industrielle Mitschuld wurde – ein eigener Nürnberger Nachfolgeprozess richtete sich gegen seine Manager.

Vom Hauptquartier zum Campus
Weil der Bau die Bombenangriffe nahezu unversehrt überstand, zogen nach dem Krieg die Amerikaner ein. Von hier aus proklamierte die Militärregierung 1945 das Land Groß-Hessen, in Poelzigs Räumen residierte zeitweise Dwight D. Eisenhower. Von den oberen Etagen aus steuerten die Amerikaner über Jahre einen großen Teil ihrer Deutschlandpolitik; Entscheidungen, die die junge Bundesrepublik prägten, fielen hinter der hellen Travertinfassade. Über Jahrzehnte diente das Gebäude als Hauptquartier des V. US-Korps und weiterer Kommandostellen; 1975 benannten es die Amerikaner nach General Creighton W. Abrams. Erst 1995, nach dem Ende des Kalten Krieges, gaben die US-Streitkräfte den Bau frei. Das Land Hessen erwarb ihn, ließ ihn behutsam sanieren und übergab ihn der Goethe-Universität, die als bürgerliche Stiftungsuniversität gegründet worden war und den Bau 2001 als Campus Westend eröffnete.
Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit findet nun in den Räumen ihrer Täter statt.
Die Redaktion
Jahrzehntelang war das Areal ein abgeriegeltes Militärgelände, das kaum ein Frankfurter ohne Weiteres betreten konnte; heute queren es Studierende auf dem Weg zur Vorlesung. Diese Umwidmung war ein bewusster Akt: Ein Ort der Chemieindustrie und der Militärmacht wurde zum Ort der freien Wissenschaft, der Philosophie, der Geschichte. Dass ausgerechnet die Geisteswissenschaften in dieses Haus zogen, wirkt wie eine leise historische Antwort – die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit findet nun in den Räumen ihrer Täter statt.
Ein Ort, der erinnert
Am Rand des Campus, auf dem Norbert-Wollheim-Platz, hält eine 2008 eröffnete Gedenkstätte die andere Geschichte wach. Sie trägt den Namen eines Mannes, der die Zwangsarbeit im IG-Werk Buna/Monowitz bei Auschwitz überlebte und 1951 als einer der Ersten den Konzern auf Entschädigung verklagte; sein Prozess mündete 1957 in einen Vergleich zugunsten der Häftlinge. Eine Freiluftausstellung mit Fototafeln und Zeitzeugenberichten erinnert an die Menschen, die für die IG Farben schuften mussten. Das Haus versteckt seine Vergangenheit nicht, sondern trägt sie mit; mehr über das Viertel erzählt unser Westend-Guide.
Ringsum liegt der Grüneburgpark, und an manchen Nachmittagen scheint das Gebäude nur ein prächtiges Rückgrat für studentisches Leben zu sein. Doch wer die Schichten kennt – Avantgarde, Verbrechen, Besatzung, Bildung –, sieht in der geschwungenen Fassade ein Kompendium deutscher Geschichte, wie es Frankfurt nur an wenigen Orten so dicht bietet. Auch das zerstörte und wiederaufgebaute Nachkriegs-Frankfurt lässt sich hier ablesen.
Man kann das IG-Farben-Haus als schönes Denkmal bewundern. Man sollte es aber lesen wie ein Buch, dessen dunkle Kapitel man nicht überschlagen darf.
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