Stadtleben · Porträt

Bethmannpark und der Chinesische Garten: Eine stille Insel im Nordend

Mitten im Nordend, ummauert und leicht zu übersehen, liegt der Garten des Himmlischen Friedens: Mondtore, ein Teich, geschwungene Dächer. Über den Bethmannpark und seine ostasiatische Überraschung.

Von Imke Sauer 4 Min. Lesezeit
Chinesisches Gartentor aus rotem Holz mit geschwungenem Dach, gespiegelt in einem stillen Teich
01Chinesischer Garten, Frankfurt-Nordend, 11:00 Uhr— Ein geschwungenes Tor spiegelt sich im Teich des Gartens des Himmlischen Friedens.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt in Frankfurt Parks, die ihre Eigenart nicht am Eingang preisgeben. Der Bethmannpark im Nordend ist so einer. Von der Friedberger Landstraße aus wirkt er wie eine etwas altmodische Anlage: Blumenbeete, die im Frühjahr mit Tulpen und im Sommer mit Wechselflor bepflanzt werden, alter Baumbestand, Bänke, auf denen die Nachbarschaft die Sonne nimmt. Doch wer den Wegen nach hinten folgt und durch ein schlichtes Tor tritt, steht unvermittelt in einem chinesischen Garten.

Der Garten des Himmlischen Friedens ist kein dekoratives Beiwerk. Auf rund 4.000 Quadratmetern, eingefasst von einer Mauer, entstand hier 1989 eine ernsthafte Anlage klassischer chinesischer Gartenkunst; Vorbild waren die Shuikou-Gärten und die schlichte Wohnarchitektur der Provinz Anhui. Sechzehn Handwerker reisten dafür aus China an, das Baumaterial kam in 27 Containern über das Meer, und die Anlage kostete gut drei Millionen Mark. Ein Teich mit Seerosen, geschwungene Dächer, eine Brücke aus Marmor, kunstvoll geschichtete Steine und sorgsam gesetzte Pflanzen fügen sich zu einem Bild, das mit dem gründerzeitlichen Nordend ringsum nichts gemein hat.

Der Blick wird geführt

Chinesische Gartenkunst folgt einer Idee, die dem westlichen Park fremd ist. Es geht nicht um weite Wiesen und offene Sichtachsen, sondern um Andeutung, Verengung und plötzliche Öffnung. Jeder Schritt gibt einen neuen, komponierten Ausschnitt frei: ein Landschaftsfenster in der Mauer, ein Spiegelbild im Wasser, ein Durchblick durch ein rundes Mondtor. Rund zwei Dutzend solcher Fenster sind in die Wände gebrochen, jedes rahmt eine andere Szene. Der Garten drängt sich nicht auf, er verlangt, dass man langsamer wird.

Nahaufnahme einer geschwungenen Dachkante mit verzierten Ziegeln vor grünem Blattwerk
02Bethmannpark, Frankfurt, 14:35 Uhr— Die geschwungenen Dächer entstanden 1989 in Handarbeit; das Material kam per Schiff aus China.Foto: Zeit Frankfurt

Gerade das macht den Ort im dicht bebauten Nordend ungewöhnlich. Während draußen der Verkehr über die Friedberger Landstraße rollt, ist hier vor allem Wasser zu hören, Bambus im Wind, gelegentlich ein Vogel. Anders als der umgebende Park ist der innere Garten vergittert: Er öffnet werktags um sieben, an Wochenenden um zehn Uhr und schließt bei Einbruch der Dunkelheit. Wer vor verschlossenem Tor steht, hat die Zeiten übersehen – es lohnt der zweite Versuch.

Geplant als Frühlingsblumengarten, wurde die Anlage nach dem 4. Juni 1989 zu einem stillen Mahnmal.

Ein Name mit Datum

Angelegt wurde die Anlage als „Frühlingsblumengarten“. Ihren heutigen Namen erhielt sie kurz nach der Eröffnung im Oktober 1989 – in Erinnerung an die Opfer der Niederschlagung der Proteste auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni jenes Jahres. Was von außen wie eine freundliche Geste kultureller Begegnung aussieht, trägt damit eine politische Widmung in sich. Der Garten ist zugleich Idylle und Erinnerungsort.

Von den Bethmanns zur Stadt

Seinen Namen verdankt der Park einer der bedeutendsten Frankfurter Bürgerfamilien. Die Bankiersfamilie Bethmann unterhielt hier einst einen privaten Garten; schon vor rund zweihundert Jahren sollen auf dem Gelände ostasiatische Pflanzen gezogen worden sein. Später ging der Grund in städtischen Besitz über und wurde öffentlich – eine für Frankfurt typische Geschichte, in der aus bürgerlichem Grün Raum für alle wird, wie beim nahen Günthersburgpark. Dass ausgerechnet ein chinesischer Garten hinzukam, hat einen eher beiläufigen Ursprung: Zunächst sollte eine solche Anlage aus dem Münchner Westpark nach Frankfurt geholt werden. Als das scheiterte, entschied sich die Stadt für einen eigenen Bau.

Dass der chinesische Garten heute wieder vollständig ist, war zwischenzeitlich nicht selbstverständlich. In der Nacht zum 1. Juni 2017 setzten Unbekannte den hölzernen Wasserpavillon in Brand; nur wenige Wochen zuvor hatte es den Pavillon des Koreanischen Gartens im Grüneburgpark getroffen. Die Stadt entschied sich gegen eine schlichte Notlösung: 2019 bauten erneut Handwerker aus China den Pavillon von Hand originalgetreu wieder auf – dieselbe Werkstatt, die schon 1989 am Werk gewesen war. Der Wiederaufbau kostete einen sechsstelligen Betrag.

Der Bethmannpark ist kein Ziel für den ganzen Tag, keine weite Wiese zum Toben. Er taugt zum kurzen, bewussten Besuch, und gerade in seiner Kleinheit liegt seine Eigenart. Der innere Garten ist an die Öffnungszeiten gebunden; wer sie trifft, findet eine Stille, wie sie die Bankenstadt an wenigen Orten bereithält. Für die Serie Stadtgrün ist er ein Sonderfall – kein Landschaftspark zum Durchqueren, sondern ein gebautes Bild, das man betrachtet, ehe man zurück in den Lärm der Friedberger Landstraße tritt.

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