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Der Botanische Garten: Frankfurts stiller Nachbar des Palmengartens

Gleich gegenüber dem berühmten Palmengarten liegt ein Garten, den viele übersehen: kostenlos, nach Erdteilen geordnet und wunderbar ruhig. Ein Rundgang durch den Botanischen Garten der Stadt Frankfurt.

Von Imke Sauer 4 Min. Lesezeit
Ruhiger Weg durch einen Pflanzengeografie-Garten mit nach Vegetationszonen gegliederten Beeten
01Botanischer Garten, Frankfurt-Westend, 10:50 Uhr— Nach Erdteilen und Lebensräumen geordnet, zeigt der Garten die Pflanzenwelt im Kleinen.Foto: Zeit Frankfurt

Es ist ein kleiner Verrat an der Berühmtheit, aber wir wagen ihn: Der schönste Garten im Frankfurter Westend ist womöglich nicht der Palmengarten, sondern sein stiller Nachbar. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Siesmayerstraße, liegt der Botanische Garten der Stadt – nordöstlich des großen Publikumsmagneten und an den Grüneburgpark grenzend. Er verlangt keinen Eintritt, macht kein Aufheben um sich und ist gerade deshalb ein Ort, an den man immer wieder zurückkehrt.

Wer vom Trubel des Palmengartens herüberwechselt, spürt den Unterschied sofort. Hier gibt es keine Menschentrauben, keine Konzertbühne, keine Bootsvermietung. Stattdessen führen schmale Wege durch sorgsam gepflegte Beete, in denen die Pflanzenwelt nach einem klugen Prinzip geordnet ist: nicht nach Schönheit, sondern nach Herkunft. Der Botanische Garten ist ein Garten der Geografie.

Die Welt in Beeten

Das Prinzip ist ebenso einfach wie bestechend. In einer Abteilung wächst die Flora des Mittelmeerraums, daneben die nordamerikanische Prärie, dann Ostasien; ein eigener Bereich, das Alpinum, versammelt auf Kalk- und Silikatgestein die Pflanzen der Hochgebirge. Dazu kommen eine Kanarenflora, eine nachgebildete Sanddüne und, dem Rhein-Main-Gebiet nachempfunden, heimische Lebensräume: Buchen- und Eichen-Hainbuchenwald, Auwald, Moorbeete und Heide. Wer den Garten durchschreitet, unternimmt eine botanische Weltreise auf wenigen hundert Metern.

Mehr als 5.000 Pflanzenarten sind hier versammelt, viele mit dem schlichten Schild versehen, das den Ort ausmacht: Name, Familie, Herkunft. Etliche davon gelten als gefährdet und stehen auf Roten Listen; der Garten zieht sie in eigenen Erhaltungskulturen nach und bewahrt so Pflanzen, die in freier Natur selten geworden sind. Die ältesten Gehölze stehen im Arboretum, das schon in den 1930er-Jahren angelegt wurde. Anders als der Palmengarten, der auf die große Schau setzt, arbeitet der Botanische Garten leise und genau.

Vom Universitätsgarten zum Garten der Stadt

Seine Wurzeln reichen weit zurück, bis ins 18. Jahrhundert, zur Stiftung des Frankfurter Arztes Johann Christian Senckenberg. Mehrfach umgezogen, fand der Garten seinen heutigen Platz an der Siesmayerstraße ab den 1930er-Jahren – auf einem Gelände am Rand des Grüneburgparks, von dem es abgetrennt wurde. Lange gehörte er der Goethe-Universität, der die Senckenbergische Stiftung ihn 1914 überlassen hatte.

Das änderte sich, als die biologischen Institute auf den Campus Riedberg zogen und dort einen neuen Wissenschaftsgarten anlegten. Die Zukunft der Anlage an der Siesmayerstraße stand plötzlich infrage. Zum 1. Januar 2012 übernahm die Stadt Frankfurt den Garten und gliederte ihn dem Palmengarten an – allerdings nur organisatorisch. Beide Gärten behielten ihre eigenen Eingänge und Eintrittsregeln: Der Palmengarten kostet Eintritt, der Botanische Garten bleibt frei. Aus dem Universitätsgarten wurde ein städtischer Garten, heute ein Ort der Natur- und Umweltbildung, mit kostenlosen Führungen und einem klaren Auftrag zum Arterhalt, nicht länger ein Hörsaal unter freiem Himmel.

Der schönste Frankfurter Garten ist der, den die meisten übersehen.

Ein Refugium für Insekten und Menschen

Weil die Pflanzungen naturnah gehalten sind, ist der Botanische Garten auch ein Paradies für Insekten. An sonnigen Tagen summt es in den Staudenbeeten; Wildbienen und Schmetterlinge tun sich an den heimischen Blüten gütlich. Damit ist der Garten ein kleines, lebendiges Argument für den Artenschutz mitten in der Stadt – ein Thema, das Frankfurt an vielen Orten beschäftigt, von der renaturierten Nidda bis zu den Streuobstwiesen am Lohrberg.

Nahaufnahme einer Wildbiene auf einer violetten Blüte in einem Staudenbeet
02Staudenbeet, Botanischer Garten, 13:20 Uhr— Die naturnahen Beete ziehen Wildbienen und Schmetterlinge an.Foto: Zeit Frankfurt

Für die Menschen ist der Garten vor allem ein Ort der Ruhe. Man sieht ältere Spaziergängerinnen auf den Bänken, Studierende mit Lehrbüchern, gelegentlich jemanden mit Skizzenblock. Es ist die Art von Ort, an dem die Zeit langsamer zu vergehen scheint, ein Gegengift zur Hektik der nahen Innenstadt. Dass er nichts kostet, macht ihn zu einem der demokratischsten Grünräume der Stadt.

Wann man kommen sollte

Der Garten hat seine Jahreszeiten. Geöffnet ist er nur in der wärmeren Jahreshälfte, von Ende Februar bis Ende Oktober; den Winter über bleibt er geschlossen. Im Frühjahr blüht das Alpinum, im Hochsommer stehen die Stauden am dichtesten, im Herbst färbt sich das Arboretum. Der Haupteingang liegt an der Siesmayerstraße 72, dem Palmengarten gegenüber. Von der U-Bahn-Station Bockenheimer Warte sind es rund zehn Minuten zu Fuß; näher und direkter erschließen den Garten die Station Westend (U6/U7) sowie die Buslinie M32, deren Haltestelle „Botanischer Garten“ über einen Fußgängerüberweg direkt mit dem Eingang verbunden ist.

Viele Frankfurter kennen den Garten nur vom Vorbeigehen und ahnen nicht, welche Vielfalt sich hinter der unscheinbaren Einfriedung verbirgt. Dabei ist gerade seine Zurückhaltung sein größter Reiz. Er will nicht beeindrucken, er will zeigen und erklären – und wer sich darauf einlässt, verlässt ihn ein wenig klüger, als er gekommen ist.

Wer also das nächste Mal im Westend unterwegs ist und die Schlange am Palmengarten sieht, quert einfach die Siesmayerstraße. Schräg gegenüber wartet ein Garten, der nicht weniger zu bieten hat, nur leiser und ohne Gedränge. Es ist einer jener Frankfurter Orte, die man erst zu schätzen lernt, wenn man sie einmal betreten hat – und die man danach nicht mehr missen möchte.

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