Stadtleben · Porträt
Der FSV Frankfurt und der Bornheimer Hang
Es gibt in Frankfurt einen zweiten Fußballverein, 1899 gegründet und tief im Osten verwurzelt: den FSV. Ein Porträt vom Bornheimer Hang, wo Fußball noch nach Tradition schmeckt.
Frage einen Auswärtigen nach Fußball in Frankfurt, und er nennt die Eintracht. Frage einen Kenner des Frankfurter Ostens, und er fügt einen zweiten Namen hinzu: den FSV Frankfurt, den anderen Verein, den kleineren – und älteren, als mancher denkt, mit einer Heimat, die schon vom Klang her nach Fußball riecht: dem Bornheimer Hang. Gegründet wurde der Fußball-Sportverein 1899; die Eintracht führt ihre Anfänge auf dasselbe Jahr zurück. Hier, oben am Hang im Osten der Stadt, lebt bis heute eine Fußballkultur, die vom großen Rampenlicht wenig abbekommt und gerade deshalb ihren eigenen Reiz hat.
Der FSV ist kein Verein ohne Geschichte, im Gegenteil. 1925 zog er bis ins Endspiel um die deutsche Meisterschaft ein und unterlag dort dem übermächtigen 1. FC Nürnberg mit 0:1 – Deutscher Vizemeister, ausgerechnet der kleine Klub vom Hang. Den Weg in die Endrunde ebnete der Gewinn der Bezirksliga Main; in der süddeutschen Endrunde selbst reichte es hinter dem VfR Mannheim, der seinen ersten süddeutschen Meistertitel gewann, und dem 1. FC Nürnberg nur zum dritten Platz. Süddeutscher Meister wurde der FSV erst 1933 – der zweite Höhepunkt einer fernen, aber sehr realen Blütezeit. Seither ist viel Zeit vergangen, in der er durch die Ligen wanderte; doch auch in jüngerer Zeit spielte er größer, als man heute vermuten würde. Von 2008 bis 2016 gehörte der FSV acht Spielzeiten lang der 2. Bundesliga an, ehe der Abstieg in die 3. Liga am Ende der Saison 2015/16 den Weg wieder nach unten wies. Zuletzt trat der Verein in der Regionalliga Südwest an, viertklassig, aber unbeirrt. Der FSV ist eben kein Klub, der von seiner Vergangenheit lebt – er ist einer, der einfach weitermacht.
Das Stadion am Bornheimer Hang, das seit den 1930er Jahren an diesem Fleck liegt, ist kein romantisch abgelegener Ort, sondern Teil eines kleinen Sportquartiers. Es liegt am Richard-Herrmann-Platz, oben auf der Kante, wo Bornheim zum Riederwald hin abfällt. Gleich nebenan stehen die Eissporthalle, in der das Frankfurter Eishockey der Löwen zu Hause ist, und das Familienbad Bornheim; die U-Bahn hält am Johanna-Tesch-Platz, der Ostpark beginnt erst ein Stück weiter südlich. Rund 12.500 Menschen fasst das Stadion heute; in mehreren Ausbauschritten – zwischen 2007 und 2009 sowie zuletzt 2012 – wurde es modernisiert, doch der Charakter des Ortes blieb: ein kompakter Platz, nah am Geschehen, ohne den Prunk der großen Arenen. Genau das macht ihn zu einem der ehrlichsten Fußballplätze der Stadt.

Fußball zum Anfassen
Wer zum FSV geht, erlebt Fußball aus nächster Nähe. Man steht dicht am Feld, hört die Rufe von der Bank, erkennt den einen oder anderen Spieler vom Sehen. Ein Duft von Bratwurst zieht über die Ränge, aus dem Lautsprecher knarzt die Aufstellung, und wenn ein Tor fällt, kennt der Jubel keine Kameras. Die Anhängerschaft ist überschaubar – zu Regionalliga-Spielen kommen oft nur einige Tausend –, aber sie ist treu, und sie kommt nicht wegen des Spektakels, sondern wegen der Sache selbst: wegen ihres Vereins, ihres Viertels, ihrer Tradition. Das ist eine andere Welt als der Trubel im Stadtwald, wo die Eintracht vor mehr als fünfzigtausend Zuschauern spielt.
Diese Bodenständigkeit passt zum Osten der Stadt. Bornheim und die angrenzenden Viertel haben ihren eigenen Charakter bewahrt, zwischen alteingesessenen Familien und neuen Bewohnern, wie wir in unserem Bornheim-Guide beschrieben haben. Der FSV gehört zu seinem Stadtteil wie die Apfelweinwirtschaften und Cafés der Berger Straße oder der Wochenmarkt, der sie zweimal in der Woche belebt.
Nicht jede Stadt braucht zwei große Vereine. Aber jede große Stadt braucht einen zweiten.
Die Redaktion
Der Wert des Zweiten
Man könnte fragen, wozu eine Stadt einen zweiten Fußballverein braucht, wenn der erste schon die ganze Aufmerksamkeit bindet. Die Antwort liegt in der Vielfalt. Nicht jeder Fußballfan will im Sog der großen Emotionen stehen, nicht jeder sucht das Europapokal-Getöse. Manche wollen einfach Fußball sehen, nah, unaufgeregt, in einer Umgebung, in der man noch atmen kann. Für sie ist der Bornheimer Hang das richtige Zuhause.
Der FSV ist damit ein wichtiges Stück der Frankfurter Sportlandschaft, so wie die Basketballer der Fraport Skyliners, die Eishockey-Löwen von nebenan und die vielen Amateurvereine der Stadt. Sie alle zusammen zeigen, dass Frankfurt mehr ist als die eine große Marke im Stadtwald. Und sie erinnern daran, dass Sportgeschichte in dieser Stadt nicht nur an einem Ort geschrieben wird.
An einem Abend am Bornheimer Hang, wenn das Flutlicht angeht und die Zuschauer sich an den Zaun lehnen, wird deutlich, was diesen Verein ausmacht: keine Show, keine Superlative, nur Fußball und ein Viertel, das zu seinem Klub steht. Der FSV wird nie die Schlagzeilen der Eintracht schreiben. Aber er ist der Beweis, dass große Fußballstädte auch einen zweiten Ort brauchen – einen, an dem der Sport bescheiden bleibt und gerade darin echt.
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