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Bornheim-Guide: Leben und Flanieren an der Berger Straße

Das „lustige Dorf" verbindet Dorfcharakter mit urbaner Dichte wie kein zweites Frankfurter Viertel. Ein Spaziergang die Berger Straße hinauf bis zum Uhrtürmchen — mit Wochenmarkt, Günthersburgpark, Apfelweinlokalen und einer ehrlichen Antwort auf die Frage, was die Beliebtheit fürs Wohnen bedeutet.

Von Lukas Schardt Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Blick die Berger Straße hinauf im warmen Abendlicht, mit Straßencafés, Fahrrädern und dem Uhrtürmchen in der Ferne.
01Berger Straße, 18:40 Uhr— Abendlicht auf Frankfurts längster Einkaufsstraße: Cafés, Fahrräder — und ganz hinten, klein, das Uhrtürmchen.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt einen einfachen Test, ob jemand Bornheim verstanden hat: Man fragt nach dem Spitznamen. „Das lustige Dorf" — wer das für Marketing hält, war noch nie an einem Samstagvormittag am Uhrtürmchen. Der Name stammt aus der Zeit, als Bornheim tatsächlich ein Dorf vor den Toren Frankfurts war, berühmt für seine Wirtshäuser und Vergnügungen, und er hat die Eingemeindung von 1877 unbeschadet überstanden, weil er stimmt: „Bernem", wie die Alteingesessenen sagen, ist bis heute der Stadtteil, in dem Frankfurt am dörflichsten funktioniert — und zugleich einer der dichtesten, urbansten, begehrtesten. Dieser Guide, Teil unserer Serie Viertel-Kompass, folgt seiner Hauptschlagader: der Berger Straße, von unten nach oben.

Die Geografie ist schnell erklärt, denn Bornheim ist im Grunde eine Straße mit Viertel drumherum. Die Berger Straße zieht sich als Frankfurts längste Einkaufsstraße vom Rand der Innenstadt kilometerweit nach Nordosten, und sie wechselt dabei mehrfach den Charakter: unten, um den Merianplatz, noch nordendig-kneipig; in der Mitte, um die Höhenstraße, Geschäftsstraße mit Alltagssortiment; oben, ab Bornheim Mitte, wird sie zur Dorfstraße mit Marktplatz, Apfelweinlokalen und dem Uhrtürmchen als Wahrzeichen — jenem verspielten kleinen Turm von 1896, der aussieht, als hätte ihn jemand aus einem Kurort hierher versetzt, und der für Bornheimer ungefähr die Bedeutung hat, die andere Städte ihren Rathäusern zumessen.

Essen und Trinken: Zwischen Schoppen und dritter Welle

Kulinarisch lebt Bornheim von einer Doppelbegabung. Da ist zum einen die alte Schicht: Die Apfelweinlokale der oberen Berger Straße gehören zu den besten der Stadt — das Solzer als Bornheims Wohnzimmer, die Zur Sonne mit ihrem Sommergarten, beide mit einer Küche, die in unserem großen Grüne-Soße-Test verlässlich vordere Plätze belegte. Wer die Frankfurter Küche in ihrer Bornheimer Fassung erleben will, kommt an einem Werktagmittag: Dann sitzen am Nachbartisch Handwerker neben Redakteurinnen, und die Bedienung duzt nach dem zweiten Besuch. Zum anderen hat sich um diese Traditionsschicht eine der lebendigsten Café- und Restaurantlandschaften der Stadt gelegt: Espressobars, Weinbars, levantinische Küche, japanische Lunchlokale — die Dichte ist inzwischen so hoch, dass die Berger Straße als einzige Frankfurter Straße problemlos einen ganzen kulinarischen Tagesausflug trägt, vom Frühstück bis zum Absacker.

Der Fixpunkt der Woche aber ist der Markt. Mittwochs und samstags baut der Bornheimer Wochenmarkt rund um das Uhrtürmchen auf, und samstags ist er weniger Einkauf als Gesellschaftsereignis: Gemüsebauern aus dem Umland, Käse- und Fischstände, dazwischen das halbe Viertel mit Korb, Kind und Zeit. Wer tatsächlich einkaufen will, kommt vor elf; wer schauen will, danach. In unserem Vergleich der Frankfurter Wochenmärkte spielt der Bornheimer traditionell ganz vorn mit — nicht wegen des größten Angebots, sondern wegen der Mischung aus Qualität und Dorfplatzatmosphäre, die sich nicht kopieren lässt.

Marktstand mit bunten Obst- und Gemüseauslagen auf dem Bornheimer Wochenmarkt, Hände greifen nach Tomaten, die Kunden von hinten zu sehen.
02Wochenmarkt am Uhrtürmchen, 10:15 Uhr— Samstagvormittag ist der Markt Bornheims eigentliches Rathaus: Hier wird eingekauft, verabredet und verhandelt.Foto: Zeit Frankfurt

Einkaufen: Die Straße der Inhaber

Die Berger Straße ist eine der letzten großen Frankfurter Einkaufsstraßen, auf denen der inhabergeführte Laden nicht Ausnahme, sondern Normalfall ist. Buchhandlungen mit eigener Meinung, Weinläden, in denen probiert wird, Kinderausstatter, Fahrradwerkstätten, ein erstaunlich zäher Besatz an Spezialgeschäften vom Teeladen bis zum Plattenladen — die Kette und der Discounter sind da, aber sie dominieren nicht. Das ist keine Idylle ohne Risse: Auch hier steigen die Gewerbemieten, auch hier stellt sich bei jedem Generationswechsel die Frage, ob der Laden eine Zukunft hat — wie es weitergeht, wenn die Gründergeneration abtritt, haben wir entlang dieser Straße eigens aufgeschrieben. Noch aber gilt: Wer einen Samstag auf der Berger verbummelt, kann alles Nötige und viel Unnötiges kaufen, ohne ein einziges Einkaufszentrum zu betreten.

Zwischen den Läden lohnt der Blick in die Seitenstraßen, denn dort liegt das eigentliche Bornheim: ruhige Gründerzeitzeilen mit Erkern, Stuck und bepflanzten Balkonen, dazwischen genossenschaftlicher Wohnungsbau und die verwinkelten Reste des alten Dorfkerns rund um die Kirchgasse. Diese Substanz ist der Grund, warum das Viertel bei Familien und Zugezogenen so begehrt ist — und warum die Preise sind, wie sie sind. Dazu gleich mehr.

Grün: Der Günthersburgpark ist Bornheims Bühne

Jedes Viertel hat einen Ort, an dem es sich selbst zuschaut; in Bornheim ist das der Günthersburgpark. Die alte Parkanlage nördlich der Berger Straße ist an Sommerabenden das demokratischste Stück Frankfurt: Auf den Wiesen unter den alten Bäumen verteilen sich Familien mit Abendbrot, Studentengruppen, Boule-Spieler und Feierabendleser, am Wasserspielplatz tobt der Nachwuchs, und niemand käme auf die Idee, dass hier irgendetwas kuratiert werden müsste. Wer mehr Auslauf braucht, geht weiter: Über die Seckbacher Höhen ist der Lohrberg mit seinem Weinberg und dem berühmtesten Skyline-Blick der Stadt in einem guten halben Stunden-Spaziergang erreichbar — Bornheim ist der seltene Stadtteil, aus dem man zu Fuß in die Landschaft kommt, ohne durch Gewerbegebiete zu müssen.

Bornheim hat geschafft, woran Stadtplaner sonst scheitern: Es fühlt sich nach Dorf an und funktioniert wie Großstadt — an denselben hundert Metern.

Wohnen: Die Rechnung für die Beliebtheit

Nun zur Kehrseite, und sie gehört in jeden ehrlichen Bornheim-Text: Das Viertel ist ein Paradebeispiel dafür, was mit Stadtteilen passiert, die alles richtig machen. Die Mischung aus Dorfgefühl, Infrastruktur und Innenstadtnähe hat die Nachfrage seit Jahren weit über das Angebot getrieben; Mieten und Kaufpreise liegen deutlich über dem Frankfurter Schnitt, Altbauwohnungen mit Balkon sind Tauschware mit Wartezeit, und wer neu zuzieht, konkurriert mit einer halben Stadt, die dieselbe Idee hatte. Die soziale Folge ist absehbar und im Straßenbild ablesbar: Das Viertel wird homogener — jünger, akademischer, zahlungskräftiger —, und die alteingesessene Mischung, die den Charme begründet hat, steht unter Druck. Bornheim ist davon nicht ruiniert, aber es lebt von einer Substanz, die sich nicht nachbestellen lässt.

Praktisch heißt das für Wohnungssuchende: Realistische Chancen bestehen am ehesten am östlichen Rand Richtung Seckbacher Landstraße und in den Beständen der Wohnungsgesellschaften; wer flexibel ist, findet im angrenzenden Ostend oder oberen Nordend ähnliche Substanz zu etwas milderen Kursen. Und für alle anderen gilt der Bornheimer Trostpreis: Man muss hier nicht wohnen, um hier zu leben — die Straße, der Markt und der Park fragen nicht nach der Adresse.

Der perfekte Bornheim-Tag lässt sich planen

Gründerzeitfassade mit Erkern und einem üppig bepflanzten Balkon in einer ruhigen Bornheimer Seitenstraße, hochkant fotografiert.
03Seitenstraße nahe der Höhenstraße, 16:30 Uhr— Hinter der Berger Straße wird es sofort still: Erker, Stuck und Balkone, um die halb Frankfurt konkurriert.Foto: Zeit Frankfurt

Wie man das Viertel an einem Tag erlebt? Samstags, und zwar so: Um zehn am Merianplatz starten, mit Kaffee, dann die Berger Straße gemächlich hinauf — die Seitenstraßen mitnehmen, die Schaufenster ernst nehmen. Gegen halb zwölf am Uhrtürmchen ankommen, wenn der Markt auf Betriebstemperatur ist: Käse hier, Blumen da, dazwischen das Geräusch eines Viertels, das sich selbst begrüßt. Mittags ein Schoppen und ein Teller im Solzer oder in der Sonne, danach der Verdauungsbogen durch den Günthersburgpark. Wer noch Energie hat, hängt den Aufstieg zum Lohrberg an und schaut von oben auf die Stadt; wer keine hat, sucht sich eine Bank im Park und tut das Bornheimischste überhaupt: nichts, aber in Gesellschaft. Es ist kein spektakuläres Programm — es ist etwas Besseres, nämlich eines, das man wiederholen möchte. Bornheim gehört ohnehin zu jenen Orten, an denen sich Frankfurt wie ein Dorf anfühlt — und zwar ohne sich dafür verkleiden zu müssen.

Für den zweiten Besuch empfiehlt sich der Mittwoch: kleinerer Markt, mehr Gespräch an den Ständen, und abends zeigt die Berger Straße ihr Alltagsgesicht — weniger Flanierpublikum, mehr Viertel. Wer Bornheim dann immer noch für eine Kulisse hält, dem ist nicht zu helfen.

Weite Wiese im Günthersburgpark bei tiefstehender Sonne, Menschen als Silhouetten unter alten Bäumen.
04Günthersburgpark, 19:50 Uhr— Wenn die Sonne fällt, versammelt sich das Viertel auf seiner Wiese — Bornheims täglicher Schlussapplaus.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende bleibt die Kernaussage dieses Kompass-Kapitels: Bornheim verbindet Dorfcharakter mit urbaner Dichte wie kein zweites Frankfurter Viertel. Das ist keine Nostalgie, sondern eine städtebauliche Leistung — eine Straße als Rückgrat, ein Markt als Herz, ein Park als Lunge, und drumherum Wohnstraßen, die beides aushalten: Kinderwagen und Kneipenlärm. Dass diese Balance unter dem Druck ihrer eigenen Beliebtheit steht, ist die offene Frage der nächsten Jahre. Bis auf Weiteres aber gilt, was am Uhrtürmchen jeder bestätigt: Das Dorf ist lustig geblieben. Es ist nur teurer geworden.

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