Stadtleben · Reportage
Wenn Europa nach Frankfurt kommt
An Europaabenden verwandelt sich die Stadt: in den Bahnen zum Stadtwald, in den Kneipen des Bahnhofsviertels und in Sachsenhausen. Eine Reportage über die lautesten Nächte Frankfurts.
An jenem Abend des 5. Mai 2022 beginnt das Spiel lange vor dem Anpfiff, und es beginnt nicht am Stadion. Es beginnt in den Bahnen, die sich schon am frühen Abend füllen, in den Kneipen des Bahnhofsviertels, in denen um sechs Uhr kaum noch ein Platz frei ist, in den Blicken zwischen Fremden, die sich an einem gewöhnlichen Donnerstag plötzlich zunicken, weil sie denselben Weg haben. West Ham United ist zu Gast, im Halbfinal-Rückspiel geht es um den Einzug ins Finale der Europa League, und Frankfurt bekommt an diesem Abend eine eigene Frequenz.
Wer diese Nächte einmal miterlebt hat, versteht, warum sie in der Stadt einen eigenen Rang haben. Die Bundesliga ist Alltag, Routine, Wochenendprogramm. Europa ist Ausnahme. Die Gegner kommen aus Städten, die man sonst nur aus dem Urlaub kennt, das Flutlicht brennt schon am Nachmittag im Kopf, und die Aussicht auf eine dieser Nächte trägt manch einen durch eine graue Arbeitswoche. Man plant den Feierabend um, verschiebt Termine und verabredet sich Wochen im Voraus.
Der Weg zum Deutsche Bank Park im Stadtwald wird an solchen Abenden selbst zum Ritual. An der Haltestelle schieben sich die Straßenbahnen der Linien 20 und 21 im Minutentakt hinaus, so voll, dass die Türen zweimal ansetzen, bis sie schließen. Vor dem Eingang zum Wald verkauft ein Händler heiser „Schals, Schals“ in die Menge, ein Vater hebt sein Kind über die Köpfe, damit es nicht im Gedränge verschwindet. Die letzten Minuten geht es zu Fuß zwischen den Bäumen hindurch, bis der helle Ring des Daches zwischen den Stämmen auftaucht.
Eine halbe Stunde zuvor, in einer Kneipe nahe der Münchener Straße: An der Theke stehen sie in drei Reihen, Schals über den Schultern, das Gerippte in der Hand. Als draußen eine Gruppe ein Lied anstimmt, fällt der halbe Raum ein, ohne dass jemand ein Zeichen gegeben hätte. Es ist dieser Moment, in dem aus einem Feierabend ein Europaabend wird.
Der Abend, der alles verschob
Über allem liegt bis heute der Frühsommer 2022. In jener Nacht gegen West Ham spielt sich die Mannschaft ins Finale; das ausverkaufte Stadion steht die letzten Minuten und zählt sie einzeln herunter. Zwei Wochen später gewinnt die Eintracht in Sevilla die Europa League, im Finale gegen die Glasgow Rangers, nach einem Elfmeterschießen, das eine ganze Stadt den Atem anhalten lässt. Zehntausende Frankfurter sind mitgereist, andere Zehntausende verfolgen das Spiel auf Plätzen und in Kneipen – und als der letzte Elfmeter sitzt, kippt die Stadt in einen Ausnahmezustand, den ältere Fans mit dem Meisterjahr 1959 vergleichen.
Europa ist die Nacht, von der man am Montag im Büro noch erzählt.
Seither hat sich etwas verschoben. Der Ruf dieser Nächte reicht weit über Frankfurt hinaus, gegnerische Anhänger reisen mit Respekt an, und die Bilder aus dem Stadtwald – ganze Ränge in Bewegung, das Dach als Resonanzkörper – gehören zum festen Repertoire des europäischen Fußballs.
Am dichtesten wird es in der Nordwestkurve. Minuten vor dem Anpfiff heben sich Tausende Schals zugleich, die Vereinshymne läuft über die Ränge, und für einen Moment steht die ganze Kurve still, bevor sie losbricht. An großen Abenden spannt sich eine Choreografie über den kompletten Block, Bahn um Bahn aus Papptafeln und Tüchern, an der die Ultras wochenlang gearbeitet haben. Wenn dann die Mannschaft aus dem Tunnel kommt, ist von der Anzeigetafel kaum noch etwas zu hören.

Die Stadt als Kulisse
Was diese Abende von anderen Großveranstaltungen unterscheidet, ist die Art, wie sie die Stadt einnehmen. Es ist keine abgeschottete Party im Stadion, sondern ein Strom, der sich durch Frankfurt zieht: durch das Bahnhofsviertel, über die Mainbrücken, durch Alt-Sachsenhausen, wo die Menschen mit Schals bis auf die Gasse stehen. Wer an so einem Abend unterwegs ist, spürt die Anspannung an jeder Ecke – und wer die Viertel kennenlernen will, in denen sich der Strom sammelt, findet in unserem Bahnhofsviertel-Guide gute Anhaltspunkte.
Nach dem Abpfiff kehrt sich der Strom um. Die Bahnen füllen sich wieder, diesmal in die andere Richtung, und die Kneipen bleiben lange offen. Auf dem Weg zurück singt eine Gruppe im Waggon noch einmal die Hymne, müde und heiser, und niemand scheint sich daran zu stören. An einem Siegabend zieht sich das bis in die frühen Morgenstunden, begleitet vom obligatorischen Gerippten, über dessen Rituale wir in unserem Apfelwein-Knigge geschrieben haben.
Am nächsten Morgen ist Frankfurt wieder Frankfurt: nüchtern, geschäftig, auf dem Weg ins Büro. Die Fahnen sind eingerollt, die Kneipen gewischt, die Bahnen fahren im normalen Takt. Aber irgendwo hängt noch etwas in der Luft, ein Rest jener Nacht, in der sich die Stadt für ein paar Stunden hinter ein einziges Wappen stellte. Bis zum nächsten Europaabend. Auf den wartet Frankfurt schon.
Mehr aus Stadtleben
Alle Artikel →Stadtleben · Reportage
Die Kurve, die niemals still ist
Die Nordwestkurve im Deutsche Bank Park: Ultras, Gesänge, Choreografien. Reportage über Eintrachts Fankultur und die Stimmung, die Gegner und Trainer fürchten.
Stadtleben · Erklaerstueck
Deutsche Bank Park: Ein Stadion im Wald
Deutsche Bank Park, früher Waldstadion: Geschichte, Umbau zur WM 2006, Kapazität und Namensrechte. Wie das Stadion im Stadtwald zum Herz der Eintracht wurde.
Stadtleben · Guide
Ein Spieltag im Stadtwald: der Guide
Spieltag-Guide für den Deutsche Bank Park: Anreise durch den Stadtwald, Ankunft, Rituale, Rückweg – alles für den ersten Stadionbesuch bei Eintracht Frankfurt.

