Stadtleben · Reportage

Günthersburgpark: Grünes Wohnzimmer im Nordosten und der Streit um seinen Rand

Der Günthersburgpark ist das grüne Wohnzimmer im dichten Frankfurter Nordosten, im Übergang von Nordend zu Bornheim. Nebenan plant die städtische ABG die Günthersburghöfe — über einen Park zwischen Familienidylle und dem Ringen um jeden Quadratmeter Grün.

Von Imke Sauer 4 Min. Lesezeit
Belebter Stadtpark mit Spielplatz, alten Bäumen und Wiese, dahinter Altbaufassaden eines dichten Wohnviertels
01Günthersburgpark, Frankfurt, 16:20 Uhr— Der Park ist am Nachmittag fest in der Hand von Familien und Feierabendläufern.Foto: Zeit Frankfurt

Der Nordosten Frankfurts ist dicht, sehr dicht. An der Grenze zwischen Nordend und Bornheim, nördlich der Berger Straße, reihen sich Altbauten und Wohnblöcke so eng, dass jeder Baum, jede Wiese zählt. Genau deshalb ist der Günthersburgpark für dieses Viertel kein bloßer Park, sondern das grüne Wohnzimmer für Tausende, die selbst keinen Garten und oft nicht einmal einen Balkon besitzen. Seine rund 7,4 Hektar, eingefasst von Hartmann-Ibach-Straße und Rohrbachstraße, sind hier weit mehr als eine Fläche zum Spazieren.

An einem gewöhnlichen Nachmittag zeigt sich, was das bedeutet. Der große Wasserspielplatz ist voll, Kinder stauen das Wasser an den flachen Rinnen und drehen an den Pumpen, Eltern sitzen mit Kaffeebechern auf den Bänken, auf den Wiesen breiten sich Decken aus, und über die Wege joggen Feierabendläufer. Der Park atmet ein städtisches, familiäres Leben, das ihn von den weiten, stillen Anlagen im Westen der Stadt deutlich unterscheidet. Wer die Nachbarschaft ringsum kennenlernen will, findet im Bornheim-Guide und im Nordend-Guide die passenden Wege.

Wasserspielplatz in einem Stadtpark, Kinder an flachen Wasserrinnen und Pumpen, alte Bäume und Sonnenlicht dahinter
02Wasserspielplatz, Günthersburgpark, 15:05 Uhr— Der große Wasserspielplatz gehört zu den beliebtesten der Stadt.Foto: Zeit Frankfurt

Vom Rothschild-Landgut zum Familienpark

Wie so oft in Frankfurt steckt hinter dem Park ein Stück Bürgergeschichte. Der Name Günthersburg erinnert an ein altes Landgut, das 1837 in den Besitz der Frankfurter Rothschilds überging. Carl Mayer von Rothschild (1788–1855), Begründer der Neapler Linie der Bankiersfamilie, ließ das Anwesen vom Frankfurter Stadtgärtner Sebastian Rinz zu einem weitläufigen englischen Landschaftsgarten umgestalten. Erst sein Sohn Mayer Carl von Rothschild (1820–1886) errichtete das repräsentative Sommerpalais und vermachte das Gelände schließlich der Stadt. Diese eröffnete es 1892 als öffentlichen Park und ließ das Palais abtragen — von den alten Bauten blieb allein die Orangerie erhalten.

Diese Herkunft prägt den Park bis heute. Alte, dicht gestellte Baumbestände, sanfte Geländekanten und verschlungene Wege zeugen von der einstigen Landschaftsgestaltung, während sich nach Norden hin weite Wiesen öffnen. Jenseits der Weidenbornstraße dehnt eine jüngere Grünfläche die Anlage um mehrere Hektar aus — Platz, wie ihn das enge Viertel sonst nicht kennt. Zugleich hat die Stadt den Park immer wieder an die Bedürfnisse des Viertels angepasst: Der Wasserspielplatz lockt Familien aus der ganzen Umgebung, dazu kamen über die Jahre Bolzflächen und schattige Aufenthaltsbereiche. An heißen Tagen zieht es dann fast alle ans Wasser.

In einem so dichten Viertel wird jeder Quadratmeter Grün zur politischen Frage.

Der Streit um den Rand

Doch der Günthersburgpark steht zugleich im Zentrum einer der hitzigsten stadtplanerischen Debatten Frankfurts. Auf dem angrenzenden Garten- und Kleingartengelände am nördlichen Rand sollen die Günthersburghöfe entstehen — ein neues Wohnquartier mit rund 1.500 Wohnungen, dazu Kitas und Gewerbeflächen, das die städtische ABG Frankfurt Holding vorantreibt. Für die einen ist das ein Segen in Zeiten der Wohnungsnot, für die anderen der schmerzhafte Verlust wertvoller Grünfläche. Die Bürgerinitiative „Grüne Lunge am Günthersburgpark“ kämpft seit Jahren für den Erhalt der Gärten.

Der Streit bringt das Dilemma der wachsenden Stadt auf den Punkt: Frankfurt braucht Wohnraum, und es braucht Grün, und beides lässt sich auf derselben Fläche nicht haben. Seit die Pläne 2017 öffentlich wurden, ringen Initiativen, Planer und Politik um Zahl und Zuschnitt der Wohnungen. Zugeständnisse gab es durchaus: Ein Teil der Flächen soll an Genossenschaften gehen, ein Stück der alten Gärten erhalten bleiben. Die Gegner besänftigt das kaum. Das Bebauungsplanverfahren zieht sich, ein Baubeginn ist bis heute nicht terminiert, während die Fronten verhärtet bleiben.

Warum es hier so heftig zugeht

Dass ausgerechnet am Günthersburgpark so heftig gerungen wird, ist kein Zufall. In einem so dicht bebauten Teil der Stadt ist Grün ein knappes, kostbares Gut, dessen Verlust unmittelbar spürbar wäre. Wo Menschen ohnehin auf engem Raum leben, wiegt jeder verlorene Quadratmeter Wiese schwerer als in weitläufigeren Vierteln. Der Park ist deshalb längst zum Symbol geworden, an dem sich entscheidet, wie viel Verdichtung ein Quartier verträgt.

Wer den Streit verstehen will, muss nur an einem warmen Nachmittag im Park sitzen. Dann sieht man, wie viele Menschen auf dieses Grün angewiesen sind, wie voll die Wiesen und Spielplätze sind, wie selbstverständlich der Park zum Alltag gehört. Und man ahnt, warum die Frankfurter im Nordosten so entschlossen um ihn ringen. Der Günthersburgpark ist mehr als eine Grünanlage. Er ist der Beweis, dass auch das dichteste Viertel ein Recht auf Luft und Licht hat — und dieses Recht geben seine Bewohner nicht kampflos her.

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