Stadtleben · Reportage

Reparieren statt wegwerfen: Ein Nachmittag im Repair-Café

Toaster, Nähmaschine, Lampe: Im Repair-Café Bornheim schraubt ein Team Ehrenamtlicher gegen die Wegwerfroutine an — angeführt von einem Techniker im Ruhestand. Über Handwerk, Nachbarschaft und Reparaturkultur.

Von Selin Aydın 4 Min. Lesezeit
Langer Tisch in einem Gemeinschaftsraum mit Werkzeug und defekten Haushaltsgeräten, Menschen beim gemeinsamen Reparieren.
01Repair-Café Bornheim, 15:15 Uhr— Auf den Tischen liegt, was anderswo im Müll landen würde — hier bekommt es eine zweite Chance.Foto: Zeit Frankfurt

Kurz nach zwei am Samstagnachmittag trägt Reinhold seinen Koffer durch die Tür des Nachbarschaftssaals, ein paar Schritte von der Berger Straße entfernt, und der Raum riecht schon nach Kaffee. Der Koffer ist alt, aus grauem Kunststoff, und in ihm liegt, sorgfältig in Schaumstoff gebettet, das Werkzeug eines halben Berufslebens: Lötkolben, Prüfspitzen, ein Multimeter mit abgegriffenen Reglern. Reinhold, Anfang siebzig, war Fernmeldetechniker, bevor er in Rente ging. An einem Nachmittag im Monat ist er hier der Mann am Elektrotisch — und der ruhende Pol im Repair-Café Bornheim.

Die Idee ist so einfach wie bestechend. An einem Samstag im Monat öffnet der Saal seine Türen, ehrenamtliche Fachleute stellen ihr Können zur Verfügung, und wer ein defektes Gerät hat, bringt es vorbei. Repariert wird gemeinsam und kostenlos. Man zahlt nichts — höchstens eine Spende für Kaffee und Ersatzteile —, aber man gibt sein Gerät auch nicht einfach ab. Man setzt sich dazu, hält, fragt, sieht zu, lernt. Das ist der Unterschied zur Werkstatt, und für Reinhold der eigentliche Sinn der Sache.

An diesem Nachmittag steht eine junge Frau mit einem Toaster vor ihm, der nicht mehr glühen will. Reinhold dreht das Gerät um, löst vier Schrauben, klappt das Blech auf. Er redet dabei wenig; er zeigt. Mit der Prüfspitze fährt er die Heizwendel ab, bis das Multimeter dort stumm bleibt, wo es piepen müsste — an einer verkohlten Lötstelle ist der Draht gebrochen. Ein Tupfer Lötzinn, ein Moment Geduld, ein Test. Der Draht glüht wieder rot. Die Frau strahlt, als hätte sie eine Prüfung bestanden. Ein Stück Selbstwirksamkeit, für null Euro.

Nahaufnahme: Hände löten mit einem Lötkolben an einer Lötstelle im geöffneten Gehäuse eines Kleingeräts.
02Am Elektrotisch, 15:50 Uhr— Ein Lötkolben, eine ruhige Hand — und aus einem Fall für den Müll wird wieder ein Küchengerät.Foto: Zeit Frankfurt

Aus Amsterdam in die Berger Straße

Das Repair-Café ist kein Bornheimer Einfall, sondern der örtliche Ableger einer Bewegung, die 2009 in Amsterdam begann. Die Journalistin Martine Postma organisierte damals das erste dieser Treffen, mit dem erklärten Ziel, brauchbare Dinge vor der Tonne zu bewahren, statt sie wegzuwerfen. Die Idee verbreitete sich über eine eigene Stiftung um die halbe Welt; heute zählt das Netzwerk weltweit mehrere Tausend solcher Cafés. In Frankfurt tauchten die ersten vor über zehn Jahren auf, getragen von Vereinen, Gemeinden und Nachbarschaftsinitiativen — so wie hier, wo ein loses Team von rund einem Dutzend Ehrenamtlichen den Saal Monat für Monat in eine Werkstatt verwandelt.

Hier setzt das Prinzip doppelt an. Es rettet konkret einzelne Gegenstände vor der Mülltonne, und es rettet das Wissen, wie man solche Gegenstände rettet. Diese Weitergabe ist der Kern. Wer einmal gesehen hat, wie ein Stecker neu verdrahtet wird, traut sich das nächste Mal selbst. Nachhaltigkeit wird hier nicht gepredigt, sondern vorgeführt — ein Reparaturhandwerk, das in Frankfurt ohnehin Tradition hat, wie unser Porträt des Uhrmachers in dritter Generation zeigt.

Nicht jedes Gerät lässt sich retten. Aber fast jedes verdient den Versuch.

Die Redaktion

Nicht alles gelingt. Manches Gerät ist so gebaut, dass es sich gar nicht mehr öffnen lässt, verklebt und verkapselt, als sei die Reparatur nicht vorgesehen. Über solche Fälle kann sich Reinhold aufregen wie über ein persönliches Ärgernis. Und manches ist schlicht durch, jenseits der Rettung. Doch der Versuch lohne sich fast immer, sagen die Ehrenamtlichen — und sei es, um zu verstehen, warum ein Ding kaputtgegangen ist. Über den Nachmittag verteilt kommen mehrere Dutzend Geräte auf die Tische; etwa zwei von drei verlassen den Saal wieder funktionstüchtig.

Mehr als Werkzeug

Was das Repair-Café über die reine Reparatur hinaushebt, ist die Atmosphäre. Man kommt mit einem kaputten Ding und geht mit einem Gespräch. An den Tischen sitzen Menschen zusammen, die sich sonst nie begegnet wären: der Rentner neben der Studentin, der Schlosser neben der jungen Mutter. Über dem gemeinsamen Schrauben entsteht Nachbarschaft, ganz nebenbei. Der Kaffee, der dem Café seinen Namen gibt, ist dabei mehr als Beiwerk — er ist der Grund, aus dem manche überhaupt wiederkommen.

So verbindet dieser Ort drei Dinge, die selten zusammenfinden: Nachhaltigkeit, Handwerk und Gemeinschaft. Er spart Müll, bewahrt Können und stiftet Kontakt, und das ohne großes Budget, getragen allein von Menschen, die ihr Wissen teilen wollen. Solche Initiativen sind Teil eines dichten Frankfurter Ehrenamts, das unser Überblick über die Freiwilligen der Stadt beschreibt — und Bornheim, das bürgerliche Viertel im Frankfurter Osten, das unser Bornheim-Guide vorstellt, ist dafür eine der verlässlichsten Adressen.

Am Ende des Nachmittags stapelt sich auf einem zweiten Tisch, was gerettet wurde: der Toaster, eine Lampe, eine wieder nähende Nähmaschine. Reinhold wischt den Lötkolben ab und legt ihn zurück in den Schaumstoff, an seinen Platz. Ein kleiner Sieg gegen die Wegwerfroutine, vervielfacht mit jedem Samstag, an dem hier geschraubt wird. Man verlässt den Saal mit dem Vorsatz, das nächste kaputte Ding nicht gleich zu entsorgen — sondern es erst einmal aufzuschrauben.

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