Damals · Liste
Sieben Frankfurter Traditionshäuser und die Kunst der Nachfolge
Kaffeerösterei, Metzgerei, Kelterei: Sieben Frankfurter Familienbetriebe haben Weltkriege, Währungsreformen und Online-Konkurrenz überstanden. Jeder Eintrag erzählt vom heikelsten Moment ihrer Geschichte — der Übergabe an die nächste Generation.
Es gibt zwei Arten, das Gedächtnis einer Stadt zu besichtigen. Die eine führt ins Museum, die andere in Läden, in denen seit Generationen dasselbe getan wird: Kaffee geröstet, Wurst gebrüht, Apfelwein gekeltert. Frankfurt, die Stadt der Abrisse und Neubauten, ist erstaunlich reich an dieser zweiten Sorte Gedächtnis — an Familienbetrieben, die Weltkriege, Währungsreformen, Filialisten und Lieferdienste überstanden haben. Ihr gefährlichster Moment war dabei fast nie die Katastrophe von außen. Es war der Moment, in dem eine Generation loslassen und die nächste anfangen musste. Sieben Häuser, sieben Übergaben — und am Ende die Frage, was man daraus lernen kann.
Das Thema ist dabei aktueller, als die nostalgische Kulisse vermuten lässt: In ganz Deutschland suchen Jahr für Jahr Zehntausende Betriebe eine Nachfolge, und die Kammern warnen seit Langem, dass deutlich mehr Inhaber übergabereif sind als Übernehmer bereitstehen. Frankfurt macht da keine Ausnahme — im Gegenteil: Hohe Mieten, teure Ladenflächen und ein Arbeitsmarkt, der Erben attraktivere Karrieren bietet als die Backstube um vier Uhr früh, verschärfen die Lage. Umso lehrreicher sind die Häuser, bei denen es funktioniert hat.
Ein Hinweis vorab: Diese Liste ist keine Rangfolge, sondern ein Rundgang durch Branchen und Jahrzehnte. Aufgenommen wurde nur, wer seit mindestens zwei Generationen — oder strukturell vergleichbar lang — am Markt ist und den Kern seines Handwerks nie ausgelagert hat.
Am Anfang vieler Traditionshäuser steht eine Gründerin oder ein Handwerker mit einer Idee
1. Wacker's Kaffee, Innenstadt (seit 1914). Die Rösterei am Kornmarkt wurde von Luise Wacker gegründet — einer Frau, die 1914, im Jahr des Kriegsausbruchs, ein Geschäft aufmachte, das es hundert Jahre später noch geben würde. Geröstet wird bis heute im schonenden Langzeitverfahren, geführt wird das Haus in vierter Generation, und das Stammhaus ist seit den Fünfzigerjahren praktisch unverändert. Der Wendepunkt kam, als die Nachkommen entschieden, gerade nicht zu expandieren wie eine Kette, sondern die Rösterei als Handwerk zu behaupten — ein Jahrhundert Röstduft am Kornmarkt gibt der Strategie recht. Gelernt: Die beste Antwort auf Filialisten ist manchmal, keiner zu werden.
2. Gref-Völsing, Ostend (seit 1894). Die Metzgerei an der Hanauer Landstraße erfand im Gründungsjahr die Frankfurter Rindswurst — eine Wurst ganz ohne Schweinefleisch, mit der auch die jüdischen Arbeiter der Nachbarschaft Kundschaft werden konnten. Ein Produkt, ein Rezept, hundertdreißig Jahre: Die Familie hat das Sortiment nie beliebig verbreitert, sondern die eine Spezialität durch alle Zeitläufe getragen; unser Porträt des Hauses erzählt die ganze Geschichte. Gelernt: Nachfolge fällt leichter, wenn klar ist, was auf keinen Fall verändert werden darf.

Beim Apfelwein wird Nachfolge zur Standortfrage
3. Kelterei Possmann, Rödelheim (seit 1881). Frankfurts bekannteste Kelterei ist seit ihrer Gründung in Familienhand und hat den Sprung vom Fassgeschäft für Wirtschaften zur Flaschenmarke im Supermarktregal geschafft — eine Modernisierung, an der viele Wettbewerber scheiterten. Die Übergaben gelangen hier auch deshalb, weil jede Generation in den Betrieb hineinwuchs, statt ihn nur zu erben: erst Keltern lernen, dann unterschreiben. Gelernt: Wer übergeben will, muss früh anfangen — mit der Ausbildung, nicht mit dem Notartermin.
4. Apfelweinwirtschaft Adolf Wagner, Sachsenhausen (seit 1931). Die Wirtschaft an der Schweizer Straße führt der Familienname im Schild und die Familie im Betrieb — seit den Dreißigerjahren, über Krieg und Strukturwandel der Gastronomie hinweg. Dass ausgerechnet die Apfelweinlokale zu den langlebigsten Frankfurter Betrieben gehören, ist kein Zufall: Stammpublikum verzeiht keine Brüche, und genau das diszipliniert Übergaben. Wie schwer die Branche dennoch an der Generationenfrage trägt, zeigt unsere Reportage über die Nachfolge in den Apfelweinlokalen. Gelernt: Das Stammpublikum ist der strengste Aufsichtsrat, den ein Familienbetrieb haben kann.
Frankfurts Gedächtnis steckt nicht nur in Museen — es steckt in Läden, die einfach weitermachen.
Nachfolge muss nicht Verwandtschaft heißen
5. Café Laumer, Westend (seit 1919). Das Kaffeehaus an der Bockenheimer Landstraße, einst Stammlokal der Frankfurter Schule, hat im Lauf seiner Geschichte mehr als einmal die Betreiber gewechselt — und blieb doch unverkennbar es selbst: eigene Konditorei, gedeckte Farben, gedämpfter Vormittag. Das Laumer steht in dieser Liste für die zweite Form der Kontinuität: die Übergabe an Externe, die das Haus nicht als Immobilie kaufen, sondern als Auftrag. Gelernt: Entscheidend ist nicht, ob der Nachfolger den Nachnamen trägt, sondern ob er versteht, was er da übernimmt.
6. Obsthof am Steinberg, Nieder-Erlenbach (seit Generationen). Am nördlichen Stadtrand bewirtschaftet die Familie Schneider ihre Streuobstwiesen in einer Kette, die weiter zurückreicht als jedes Firmenschild. Der Wendepunkt kam mit der Generation, die aus dem klassischen Obsthof einen Namen für sortenreine, eigenwillige Apfelweine machte — Tradition nicht als Konserve, sondern als Rohstoff. Gelernt: Die mutigste Form der Bewahrung ist manchmal die Neuerfindung des eigenen Produkts.
7. Die Oberräder Kräutergärtnereien (seit dem 19. Jahrhundert). Streng genommen kein einzelnes Haus, sondern ein ganzer Berufsstand in Familienhand: Die Gärtnereien in Oberrad liefern seit Generationen die sieben Kräuter für die Grüne Soße, Betrieb um Betrieb vom Vater auf Tochter und Sohn übergegangen. Ihre Zahl ist über die Jahrzehnte geschrumpft — Bauland ist in Frankfurt verlockender als Borretsch —, doch wer geblieben ist, hält ein Kulturgut am Leben, das sich nicht importieren lässt. Gelernt: Manche Nachfolge sichert nicht nur einen Betrieb, sondern eine ganze Esskultur.
Auffällig an den letzten drei Einträgen: Die Übergabe gelang jeweils dort, wo die neue Generation etwas mitbrachte, das die alte nicht hatte — neue Vertriebswege, neue Kundschaft, ein neues Selbstverständnis des Produkts. Nachfolge heißt eben nicht, einen Betrieb einzufrieren, sondern ihm eine weitere Wette auf die Zukunft zu erlauben.
Die Muster des Scheiterns sind seit hundert Jahren dieselben

Sieben Erfolgsgeschichten — aber die Stadtgeschichte kennt weit mehr Gegenbeispiele: Häuser, deren Namen heute nur noch alte Frankfurter kennen, weil im entscheidenden Moment niemand übernehmen wollte oder konnte. Die Ursachen wiederholen sich mit ermüdender Zuverlässigkeit. Da ist der fehlende Erbe, seit jeher der Klassiker. Da ist die zu spät begonnene Planung, wenn der Seniorchef mit achtzig noch jede Bestellung selbst unterschreibt und der Betrieb mit ihm altert. Da ist die ungeklärte Finanzierung, wenn Geschwister ausgezahlt, Investitionsstaus aufgelöst und Kaufpreise gestemmt werden müssen. Und da ist das Steuer- und Vertragsrecht, das aus einer Übergabe ohne professionelle Begleitung schnell einen Erbstreit macht. Heutige Inhaber haben gegenüber ihren Vorgängern einen Vorteil: Für all das gibt es inzwischen erprobte Beratung — von den kostenfreien Erstgesprächen bei IHK und Handwerkskammer bis zur spezialisierten Nachfolge- und Steuerberatung. Wie konkret so ein Generationswechsel im Ladenalltag aussieht, zeigt unser Besuch bei Übernehmern an der Berger Straße.
Wie eine gelungene Übergabe abläuft, lässt sich aus den sieben Geschichten dieser Liste fast wie ein Fahrplan ablesen. Sie beginnt fünf bis zehn Jahre vor dem Stichtag mit der ehrlichsten aller Fragen: Will überhaupt jemand — und wenn ja, kann er es? Es folgen die Lehrjahre im eigenen Betrieb, gern mit Umweg über fremde Häuser, damit die nächste Generation nicht nur die Familienrezepte kennt, sondern auch die Alternativen. Dann die geordnete Regelung von Bewertung, Verträgen und Steuern, bei der sich niemand auf den Küchentisch verlassen sollte. Und schließlich der schwerste Teil, für den es keine Beratung gibt: der Moment, in dem die alte Generation tatsächlich loslässt — und nicht jeden Morgen prüfend am Tresen erscheint.
Was die sieben Häuser dieser Liste eint, ist am Ende weniger das Alter als eine Haltung: Sie behandeln ihre Geschichte nicht als Verdienst, sondern als Verpflichtung mit Kündigungsfrist. Jede Generation weiß, dass sie nur Zwischenwirtin ist — und dass die Frage „Wer macht weiter?" nicht am Ende eines Berufslebens gestellt werden darf, sondern in seiner Mitte.

Am Abend, wenn an der Schweizer Straße die Schaufenster warm leuchten, kann man die These dieser Liste mit eigenen Augen prüfen. Hinter mancher Scheibe steht die vierte Generation, hinter mancher die erste eines neuen Namens — und von außen sieht man keinen Unterschied. Genau so soll es sein. Tradition, richtig übergeben, fällt nicht auf. Sie macht einfach weiter.
Mehr aus Damals
Alle Artikel →Damals · Erklärt
Wohnen in Frankfurt: Vom Gründerzeitboom zum Mietspiegel 2026
Mietspiegel 2026, Gründerzeitboom, Neues Frankfurt, Häuserkampf: Warum Frankfurts Wohnungsfrage seit 150 Jahren dieselbe ist — und was sich jetzt ändert.
Damals · Erklärt
Paulskirche vor der Sanierung: Was aus dem Nationaldenkmal wird
Generalsanierung ab 2026, 80 Millionen Euro, dazu das Haus der Demokratie: Was mit der Frankfurter Paulskirche geplant ist — und worüber gestritten wird.
Damals · Guide
Der Krönungsweg: Vom Kaiserdom in zehn Stationen zum Römer
Vom Kaiserdom zum Römer in zehn Stationen: Der Guide zum Frankfurter Krönungsweg — mit historischen Szenen, Foto-Momenten und praktischen Hinweisen.

