Essen & Trinken · Reportage

Essen am neuen Terminal 3: 22 Konzepte auf dem Prüfstand

Das neue Terminal 3 tritt an, das Vorurteil vom Flughafenessen zu widerlegen: 22 Konzepte, zwei Food-Courts, eine Weltpremiere der Familie Molcho. Der Selbstversuch vor dem Abflug — mit Preisen, Schlangen und der Frage, für wen sich frühes Kommen lohnt.

Von Marie Brandt 7 Min. Lesezeit
Weitläufige neue Terminalhalle mit Food-Court und Glasfront zum Vorfeld im Morgenlicht.
01Terminal 3, Marktplatz, 6:40 Uhr— Morgenlicht auf neuem Terrazzo: Der zentrale Marktplatz soll sich wie ein Stadtplatz anfühlen — mit Blick aufs Vorfeld.Foto: Zeit Frankfurt

Der Tag am neuen Terminal beginnt mit einer Zahl, die man erst einmal unterbieten möchte: 4,90 Euro für einen Cappuccino, kurz nach halb sieben, an einer Theke mit Blick auf das erwachende Vorfeld. Man kann darüber die Nase rümpfen — oder registrieren, dass der Kaffee handwerklich tadellos ist, der Blick unbezahlbar und der Sitzplatz ohne Verzehrzwang zu haben. Willkommen im Terminal 3 des Frankfurter Flughafens, das seit dem vergangenen Frühjahr in Betrieb ist und mit 22 Gastronomiekonzepten und rund 1.000 Sitzplätzen antritt, das alte Vorurteil vom Flughafenessen zu widerlegen. Wir haben den Selbstversuch gemacht: ein Tag vor dem Abflug, von der ersten Schlange bis zum letzten Becher.

Zur Einordnung: Das Terminal im Süden des Flughafens ist der größte Erweiterungsbau in der Geschichte des Airports, und was sich mit ihm für Reisende ändert — Anreise, Gepäck, Umsteigewege —, haben wir an anderer Stelle ausführlich aufgeschrieben. Hier geht es um die Frage, die auf Reisen unterschätzt wird, bis sie akut ist: Was isst man eigentlich, wenn man zwei Stunden zu früh da ist?

Der Marktplatz ist als Stadtplatz gedacht

Die Antwort beginnt direkt hinter der Sicherheitskontrolle, und sie ist städtebaulich gemeint. Statt Gastronomie an die Ränder zu drängen, bündelt das Terminal sein Angebot um einen zentralen Marktplatz: 15 Geschäfte, zwei Food-Courts, dazwischen Sitzlandschaften, über allem Tageslicht und die Glasfront zum Vorfeld. Die Wege sind kurz, die Gates der Piers liegen in Sichtweite der Abflugtafeln, und wer sitzt, muss nichts konsumieren — eine Selbstverständlichkeit, die an Flughäfen keine ist. „Die Leute sollen ihre Wartezeit hier verbringen wollen, nicht müssen", sagt eine Mitarbeiterin an einer der Kaffeetheken, und tatsächlich fühlt sich der Platz an einem Dienstagvormittag eher nach Einkaufsquartier als nach Abfertigungshalle an.

Hinter dem Konzept steht eine Branchenlogik, die sich in den vergangenen Jahren gedreht hat. Flughafengastronomie war lange ein Duopol aus Fast-Food-Ketten und lieblosen Selbstbedienungsrestaurants — gebaut für Reisende, die ohnehin nicht wiederkommen. Inzwischen rechnen Betreiber wie Fraport anders: Zufriedene Passagiere kommen früher, bleiben länger und geben mehr aus; der Umsatz pro Kopf ist eine der wichtigsten Kennziffern des Geschäfts. Entsprechend hat der internationale Wettbewerb um die Flächen im Terminal 3 namhafte Player angezogen — allein Lagardère Travel Retail betreibt hier neun Konzepte an zehn Standorten, von der Bäckerei bis zur Bar.

Reisende von hinten mit Trolley an einer hell erleuchteten Kaffeetheke.
03Terminal 3, Food-Court, 7:25 Uhr— Die Morgenwelle: Zwischen sieben und neun bestimmt die Abflugtafel, wie lang die Schlange am Tresen ist.Foto: Zeit Frankfurt

Die Weltpremiere schmeckt nach Tel Aviv

Das Aushängeschild dieser neuen Denkschule liegt im Pier J: das NENI Deli, die erste Deli-Variante der Restaurantfamilie von Haya Molcho, die von Wien aus mit ihrer Levante-Küche eine kleine internationale Gruppe aufgebaut hat — am Frankfurter Flughafen als Weltpremiere. Auf dem Tablett: Hummus mit gerösteten Kichererbsen, gefüllte Pita, Salate mit Granatapfel, dazu Limonaden mit Minze. Unser Mittagessen — zwei Mezze, ein Brot, ein Getränk — lag bei knapp über 20 Euro und war das beste Essen, das wir an diesem Flughafen je hatten: frisch angerichtet, großzügig abgeschmeckt, servierfertig in Minuten. Dass man dabei durch die Glasfront den Langstreckenjets beim Rollen zusieht, ist Kulisse, aber eine, die wirkt.

Ein Tablett mit Mezze-Schälchen und Fladenbrot auf einem Tisch, dahinter unscharf der Blick aufs Rollfeld.
02Terminal 3, NENI Deli, 12:15 Uhr— Hummus mit Vorfeldblick: Die Weltpremiere der Molchos ist der kulinarische Anspruch des neuen Terminals auf einem Tablett.Foto: Zeit Frankfurt

Die zweite Premiere zielt auf ein anderes Publikum: EL&N, das Londoner Café mit der rosafarbenen Einrichtung und der eingebauten Fotokulisse, eröffnet hier seinen ersten deutschen Standort. Man kann das für Zuckerguss halten — die Schlangen junger Reisender vor der Blumenwand sprechen eine eigene Sprache. Dazwischen sortiert sich das Erwartbare, in ordentlicher Ausführung: Kaffeebars, eine Bäckerei mit Brezelpflicht, asiatische Küche, Burger, eine Bar mit Vorfeldblick. Auffällig ist, was fehlt: Die ganz billige Ecke gibt es nicht, den Euro-Kaffee sucht man vergebens.

Ein Flughafen verkauft keine Menüs, er verkauft Wartezeit — Terminal 3 ist der Versuch, sie den Reisenden zurückzugeben.

Der Aufschlag ist real, der Wucher bleibt aus

Womit wir bei den Preisen wären, dem empfindlichsten Punkt jeder Flughafenbilanz. Der Befund unseres Tages: Es gilt der übliche Aufschlag, aber er bleibt im Rahmen dessen, was auch die Frankfurter Innenstadt inzwischen aufruft. Der Cappuccino kostet je nach Theke zwischen 4,50 und 5,50 Euro, die Brezel um die vier, das halbe Liter Wasser ebenso — Letzteres bleibt die ärgerlichste Position, zumal nach der Sicherheitskontrolle die mitgebrachte Flasche leer ist. Warme Gerichte liegen meist zwischen 12 und 20 Euro und damit auf dem Niveau eines mittleren Stadtlokals; zum Vergleich: Auf der Münchener Straße isst man für die Hälfte satt und besser, aber die liegt eben nicht am Gate. Wer sparen will, folgt der alten Reisendenregel: Kaffee vor der Kontrolle im Ankunftsbereich, Wasser aus dem Handgepäck nachfüllen, das große Essen auf die Stadt verschieben.

Interessanter als die Preise ist die Logistik. Die Schlangen folgen den Abflugwellen: Zwischen sieben und neun Uhr morgens sowie am frühen Nachmittag standen wir an den Kaffeetheken bis zu zehn Minuten, an den Kassen der Food-Courts etwas kürzer; dazwischen leert sich der Marktplatz spürbar. Die Kapazität von rund 1.000 Sitzplätzen klingt großzügig und ist es in der Fläche auch — in der Welle wird es am Fenster trotzdem eng, weil alle dasselbe wollen: den Blick. Wer entspannt essen möchte, plant gegen den Strom: vor sieben oder zwischen zehn und zwölf, wenn das Terminal durchatmet.

Einen Blick wert ist auch die Rückseite des Betriebs, die Reisende selten mitdenken. Die 22 Einheiten des Terminals müssen jeden Morgen beliefert, bestückt und besetzt sein — an einem Standort, der hinter einer Sicherheitskontrolle liegt und an dem jede Anlieferung durchleuchtet wird. Für die Beschäftigten bedeutet das neue Terminal im Süden zudem längere Wege: Wer jahrelang im Terminal 1 gearbeitet hat, pendelt nun ans andere Ende des Flughafengeländes, zu Schichtbeginnzeiten, zu denen die Verkehrsanbindung noch dünn ist. „Der schönste Arbeitsplatz, den ich je hatte — und der komplizierteste Arbeitsweg", sagt eine Barista an einer der Theken. Die Personalfrage ist ohnehin die Achillesferse der schönen neuen Gastronomiewelt: Dieselben 22 Konzepte, die um Gäste werben, konkurrieren untereinander und mit der Stadt um Köche und Servicekräfte — zu Bedingungen, die der Schichtbetrieb eines Flughafens diktiert.

Früh kommen lohnt sich — aber nur mit Plan

Bleibt die Gretchenfrage jeder Flughafengastronomie: Rechtfertigt das Angebot, früher hinauszufahren? Unsere Antwort nach einem vollen Tag: ja, mit Einschränkungen. Wer ohnehin zwei Stunden Puffer mitbringt, verbringt sie im Terminal 3 so angenehm wie derzeit nirgendwo sonst an diesem Flughafen — mit einem Essen, das den Namen verdient, und dem besten kostenlosen Kino der Region hinter der Glasfront. Eigens früher aufzubrechen lohnt sich für das NENI und für Luftfahrt-Nostalgiker; für alle anderen gilt: Die Anreise zum neuen Terminal will ohnehin geplant sein, wir haben Bahn, Bus und Taxi verglichen. Und wer sich dafür interessiert, wie aus einem Waldstück am Rebstock in neun Jahrzehnten dieser Gigant wurde, dem sei unsere Geschichte des Frankfurter Flughafens empfohlen — die Brezel gab es übrigens schon immer, nur billiger.

Ein startendes Flugzeug hinter der Fensterfront, im Vordergrund steht ein Kaffeebecher auf dem Tresen.
04Terminal 3, Fensterfront, 17:50 Uhr— Der beste Tisch des Hauses kostet nichts extra: Kaffee, Fensterplatz, Startbahn — das alte Kino des Fliegens.Foto: Zeit Frankfurt

Am späten Nachmittag, der Rückflug der Gedanken ist längst gebucht, bleibt Zeit für einen letzten Becher an der Fensterfront. Draußen hebt eine Maschine nach der anderen ab, drinnen leert sich die Welle, eine Reinigungskraft schiebt ihren Wagen durch das Abendlicht. Man kann über Flughafengastronomie viel Grundsätzliches sagen — dass sie ein Geschäft mit der gefangenen Kundschaft ist, dass kein Hummus der Welt einen verspäteten Zubringer tröstet. Aber man muss diesem Terminal lassen, dass es die Wartezeit ernst nimmt wie kein Frankfurter Flughafenbau zuvor. Aus „Zeit totschlagen" ist „Zeit verbringen" geworden. Für einen Ort, an dem niemand freiwillig zu früh ist, ist das keine kleine Leistung.

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